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"Nur dagegen zu sein, bringt uns nicht voran"

Kreischas Bürgermeister Frank Schöning kann den Frust über die Corona-Pandemie verstehen, ist aber irritiert über Grablichter vor dem Rathaus.

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Frank Schöning (Freie Bürgervertretung) spricht über die Auswirkungen der Pandemie, die nicht so sehr die Kreischaer Wirtschaft betreffen.
Frank Schöning (Freie Bürgervertretung) spricht über die Auswirkungen der Pandemie, die nicht so sehr die Kreischaer Wirtschaft betreffen. © Daniel Schäfer

Herr Schöning, was wird Ihnen von 2021 am meisten in Erinnerung bleiben?

Das viele Hin und Her. Man hatte den Eindruck, es gab nur noch das Corona-Thema, dabei ist in Kreischa viel passiert. Was tatsächlich hängengeblieben ist, ist diese Freude über kleine Dinge. Zum Beispiel konnten wir im Oktober die Willkommensveranstaltung für die Neugeborenen durchführen. Dieses Jahr gab es besonders viele Sponsoren und Spender, sodass wir wunderbare Körbe für die Familien packen konnten.

Es sind also eher die geselligen Dinge, die am Ende zählen?

Ja, das Gesellige habe garantiert nicht nur ich in der Pandemiezeit vermisst. In Erinnerung bleibt mir deshalb bestimmt auch der Jahrmarkt 2021. Dass wir das Fest überhaupt durchführen konnten, war eine große Freude. Es hat zwar etwas mehr Aufwand bedeutet und es gab einige kleine Einschränkungen, aber die Stimmung war sehr schön. Die Menschen hatten sich so sehr nach etwas Normalität gesehnt.

Wo steht Kreischa wirtschaftlich nach dem zweiten Pandemiejahr?

Wirtschaftlich ist die Gemeinde stabil. Wir haben keine Kredite aufgenommen und stattdessen Schulden abgebaut. Es gab keine überbordenden Ausgaben, aber zum Glück auch keine großen Einbrüche bei den Steuereinnahmen. Auch gibt es bei uns kaum mehr Arbeitslose als vor der Pandemie. Das zeigt, dass die Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld gegriffen haben.

Das Land befindet sich seit Monaten im Krisenmodus, aber an Kreischa geht das anscheinend vorüber - warum?

Wir haben Glück, dass wir im Gemeindegebiet eine sehr vielfältige Gewerbelandschaft haben. Einige Branchen wie Gastronomie, Künstler, Veranstaltungsbetriebe oder der Einzelhandel haben zwar auch in Kreischa Probleme, aber die Mehrheit der Unternehmen hat volle Auftragsbücher. Die Firmen klagen eher über Probleme in den Lieferketten und Materialmangel. Das trifft uns übrigens auch als Gemeinde. Manche Bauvorhaben, zum Beispiel die Digitalausstattung der Schule, ziehen sich viel länger hin als geplant, weil Material oder Bauteile fehlen.

Welche Projekte konnten in Kreischa denn 2021 verwirklicht werden?

Die Liste würde nicht auf eine A4-Seite passen. Sehr gut vorangekommen sind wir bei den Planungen zum neuen Schulcampus. Bis April 2022 stehen alle Entwurfsplanungen. Dann ist sehr viel im Bereich der Feuerwehr passiert, auch viel behördliche Dinge, wie Brandschutzbedarfsplanung und Feuerwehrsatzung. Da sind wir für die nächsten fünf Jahre gut aufgestellt. Wir haben viel Geld in die Innenausstattung und den Außenbereich von Kitas und Schule investiert, haben den Spielplatz und den Hartplatz für den Hort saniert. Außerdem ist die Baumschulenstraße in Gombsen nun fertig.

Apropos Straßenbau Gombsen: Der nächste Bauabschnitt, die Sanierung der Kreischaer Straße, verzögert sich. Warum?

Ja, das stimmt, damit kommen wir nicht wie geplant weiter. Der Grund ist, dass die Planung von 2016 stammt, sich inzwischen jedoch die Baupreise deutlich erhöht haben. Aus ehemals 800.000 Euro Baukosten sind nun deutlich über eine Million Euro geworden. Wir haben einen Fördermittelnachschlag von 750.000 Euro beim Land Sachsen beantragt, aber leider nicht genehmigt bekommen. Somit müssen wir das Projekt auf 2023 schieben. Wir überlegen jetzt aber, schon 2022 wenigstens die Trinkwasserleitung in der Kreischaer Straße neu zu verlegen und vielleicht auch schon die Straßenbeleuchtung zu erneuern.

Dann müsste man aber zweimal anfangen. Ist das nicht noch teurer?

Nein, das würde kaum etwas ausmachen an den Gesamtkosten. Zumal die Trinkwasserleitung eine der ältesten Rohrtrassen im Gemeindegebiet ist. In den vergangenen zwölf Monaten gab es dort mindestens drei Rohrbrüche. Diese jedes Mal zu reparieren, kostet auch viel Geld. Und dazu kommt dann noch der Ärger der Anlieger über den Wasserausfall.

Welche wichtigen Vorhaben sind 2022 noch geplant?

Wir wollen den Dorfplatz Sobrigau neu gestalten, das Feuerwehrhaus in Kreischa um einen Anbau erweitern, die Bushaltestelle "An der Wolfsschlucht" in Richtung Dresden umbauen. Dazu kommen dann Modernisierungsarbeiten an der Kläranlage, Trinkwasserleitungsbau und Straßeninstandsetzung "Am Wasserberg" in Gombsen und eine neue Straßenbeleuchtung für den Teichweg/Borthener Weg, ebenfalls in Gombsen. Außerdem investieren wir weiter in unsere Schulen - dort sollen in ausgewählten Klassenräumen und Fachkabinetten interaktive Tafeln eingebaut werden.

Klingt alles ganz gut, aber viele Menschen im Land beschäftigt vor allem eines: die Pandemie. Wie beurteilen Sie die gesellschaftlichen Auswirkungen?

Hier läuft etwas aus dem Ruder. In Kreischa gehen seit mehreren Wochen jeden Montagabend "Spaziergänger" auf die Straße. Vor dem Rathauseingang standen Grablichter. Waren das nur Hoffnungslichter, Outdoorkerzen oder hat das mehr zu bedeuten? Ehrlich, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich bin Bürgermeister und mit dem Gemeinderat und meinen Mitarbeitern für die rund 4.500 Einwohner verantwortlich. Allesamt sind wir bestrebt, die Auswirkungen der Pandemie gering zu halten und die Gemeinde positiv zu entwickeln. Das sollte immer das Ziel sein. Einfach dagegen zu sein, bringt uns nicht voran.

Das wird viele Kritiker der Corona-Politik jetzt aber nicht überzeugen.

Ich kann manche Haltung sogar verstehen, auch wenn ich sie nicht teile. Das Problem ist: Wir haben es mit etwas Abstraktem zu tun. Beim Hochwasser sah man die Zerstörungen, den angespülten Schlamm, den Unrat und Müll unmittelbar. Diese Pandemie sieht man nicht an Äußerlichkeiten, man spürt sie nicht unmittelbar. Dennoch ist sie vorhanden und muss eingedämmt werden.

Nächstes Jahr sind Bürgermeisterwahlen. Wollen Sie nochmals antreten und was motiviert Sie?

Ja, ich möchte mich wieder zur Wahl stellen. Bürgermeister zu sein, ist für mich kein Beruf, sondern eine Berufung. Ein Traumjob. Nirgendwo im öffentlichen Dienst gibt es so viele Gestaltungsfreiräume wie im Amt des Bürgermeisters. Und mir macht es Spaß, diese Freiräume zu nutzen und generationsleitend tätig zu sein.

Das Gespräch führte Annett Heyse.