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Meißner Landrat: "Unser Gesundheitssystem ist bereits überlastet"

Die Bettenbelegungs-Zahlen aus den Elblandkliniken sind dramatisch. Landrat Ralf Hänsel hält eine Impfpflicht für notwendig.

Von Ulf Mallek
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Möchte die Schulen trotz der hohen Inzidenzen offenhalten: der Meißner Landrat Ralf Hänsel. Aber vielleicht wird es ja vorgezogene Weihnachtsferien geben.
Möchte die Schulen trotz der hohen Inzidenzen offenhalten: der Meißner Landrat Ralf Hänsel. Aber vielleicht wird es ja vorgezogene Weihnachtsferien geben. © Landratsamt, Anja Schmiedgen-Pietsch

Herr Hänsel, die Inzidenzen erreichten in den letzten Tagen Rekordwerte, nachdem sie im Sommer ganz tief unten waren. Ähnlich war es bereits im Vorjahr. Warum neigt der Landkreis Meißen zu solchen Extremen?

Zunächst möchte ich anmerken, dass die derzeit zu beobachtende Entwicklung nicht ausschließlich den Landkreis Meißen, sondern alle sächsischen Landkreise sowie beispielsweise auch Landkreise in Thüringen, Brandenburg und Bayern betrifft. Aus meiner Sicht wirkt in Sachsen eine geringe Impfquote mit den jahreszeitlich günstigen Bedingungen für den Sars-CoV-2-Virus zusammen.

Die Landesregierung steht unter Druck, weil sie die Weihnachtsmärkte sehr spät abgesagt hatte und ihre Maßnahmen nicht wirken. Was sollte jetzt getan werden?

Die Wirksamkeit der mit der Sächsischen Corona-Notfall-Verordnung vom 19. November 2021 beschlossenen Maßnahmen kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beurteilt werden. Ob wir allerdings angesichts der Auslastung unserer Krankenhäuser länger warten können, ist zu hinterfragen.

Wir hängen mit dem Impfen hinterher. Sind Sie für eine Impfpflicht bzw. für eine Impfpflicht für bestimmte Berufe?

Für eine kurzfristige Entlastung des Gesundheitssystems helfen uns nur die Booster-Impfungen. Wer jetzt die Auffrischungsimpfung in Anspruch nehmen kann, hat sich im Laufe des Frühjahrs freiwillig für die Impfung entschieden. Leider sind das zu wenige Menschen für einen flächendeckenden Effekt. Langfristig wird uns nur eine Impfpflicht für alle vor den derzeit wieder erlebbaren Folgen einer solchen Pandemie bzw. vor weiteren Wellen schützen. Die momentan sehr aufgeladene Stimmung in dieser Frage – bis hin zu einer Spaltung der Gesellschaft – macht die Entscheidung und Umsetzung einer Impfpflicht natürlich nicht leicht.

Das Impfzentrum in Riesa wurde geschlossen. Jetzt bauen Sie kommunale Impfstellen auf. Wie weit sind Sie damit?

Das Impfzentrum in Riesa ist durch den Freistaat Sachsen und das DRK organisiert und betrieben worden. Die Schließung der Impfzentren erfolgte gegen den Willen der sächsischen Landräte, obwohl damals eine funktionierende Infrastruktur vorhanden war. Nun laufen die Vorbereitungen für kommunale Impfstellen auf Hochtouren. Da diese Aufgabe für den Landkreis komplett neu ist, sind die organisatorischen und logistischen Herausforderungen hoch. Wir müssen geeignete Räume und Fachpersonal finden und binden, die Ausstattung beschaffen, die Abrechnung organisieren und letztlich Impfstoff ordern. Wir streben an, noch in der ersten Dezemberhälfte mit den Impfstellen starten zu können.

Wie weit ist der Landkreis von einer Überlastung des Gesundheitswesens entfernt?

Unser Gesundheitssystem ist bereits überlastet. Die Zahlen aus unseren Elblandkliniken sind dramatisch, das kommunizieren wir als Landkreis und unsere Elblandkliniken immer wieder. Die Intensivstation ist komplett belegt. Das Personal arbeitet an der Grenze des Leistbaren – und das nun wieder bereits seit Wochen.

Schulen werden immer mehr zu einem Problem. Manche Eltern, aber vor allem Lehrer fordern schon einen Lockdown, um die Kinder zu schützen. Andere sagen, die Schulen müssen auf jeden Fall geöffnet bleiben. Wie sehen Sie das?

Leider spüren wir die Folgen der Schul- und Kita-Schließungen des vergangenen Jahres in den Zahlen unseres Kreisjugendamtes. Kinder und Jugendliche brauchen den direkten Austausch mit Gleichaltrigen ganz besonders. Von daher bin ich dafür, die Schulen so lange wie möglich offenzuhalten. Die Schulkinder werden dreimal wöchentlich getestet, dies ermöglicht eine gute Kontrolle. Zwar ist die Delta-Variante ansteckender, aber die wenigsten Kinder und Jugendlichen haben schwere Verläufe. So tragen Kinder zwar das Virus weiter, aber vulnerable Gruppen haben mit den Impfungen die Möglichkeit, sich zu schützen. Für alle, die ihre Kinder durch ein Fernbleiben der Schule schützen wollen, hat der Freistaat die Schulbesuchspflicht derzeit ausgesetzt.

Wie groß schätzen Sie das Problem der teilweise geschlossenen Hotels, Restaurants und der vollständig geschlossenen Kultureinrichtungen ein? Inwieweit greifen da staatliche Hilfen?

Das ist pauschal schwer zu beantworten. Den Veranstaltern, Gastronomen und Kulturschaffenden fehlen ihre Gäste, das ist deren Beruf und deren Leben. Daneben hat die Schließung natürlich für jeden Einzelnen finanzielle Folgen. Auf diese haben wir als Landkreis wenig bis keine Einflussmöglichkeiten, außer die Bedarfe auf politischem Weg an die richtigen Stellen heranzutragen.

Inwieweit ist die Bundeswehr wieder in Sachen Corona im Landkreis im Einsatz?

Die Bundeswehr unterstützt gegenwärtig mit 20 Soldatinnen und Soldaten das Gesundheitsamt bei der Erfassung von Indexfällen. Zudem sind Soldatinnen und Soldaten am Elblandklinikum im Einsatz: jeweils acht an den Standorten Radebeul und Riesa sowie zehn am Standort Meißen. Für diese Hilfe sind wir sehr dankbar.

Sie haben den Krisenstab des Landkreises wieder aktiviert? Recht spät, oder?

Der Krisenstab dient der Abstimmung in größerer Runde. Selbstverständlich haben wir uns vorab auch in einzelnen kleineren Treffen regelmäßig abgestimmt, so ist das Thema seit Wochen Tagesordnungspunkt in der Dienstberatung mit den Beigeordneten und dem Dezernenten. Aus Zeitgründen haben wir den Krisenstab nun wieder zusammengerufen. Mit den Elblandkliniken sind wir sowieso ständig in engem Austausch.

Was meinen Sie, wird es einen Lockdown vor Weihnachten geben? Wenn ja, in welchem Umfang?

Das ist der berühmte Blick in die Glaskugel. Ich fürchte, dass die derzeit geltenden Einschränkungen am 13. Dezember nicht außer Kraft treten werden. Ob dann darüber hinaus weitere Regelungen getroffen werden, kann ich nicht sagen. Ich halte es vor dem Hintergrund der Situation des Gesundheitswesens in Sachsen nicht nur für denkbar, sondern auch für notwendig.

Wie feiern Sie selbst das Fest?

Im Kreise meiner Familie und im Rahmen des dann Erlaubten.