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"Die Schließung der Schulen war ein Fehler"

Meißens Landrat Ralf Hänsel spricht über seine Covid-Erkrankung. Er verteidigt die Lockerungen im Landkreis. Nicht zufrieden ist er mit Entscheidungen des Freistaates.

Wieder genesen und mit einer klaren Meinung zur Corona-Pandemie: Der Meißner Landrat Ralf Hänsel (parteilos). Mit einer Software geht der Landkreis neue Wege bei der Bekämpfung der dritten Welle.
Wieder genesen und mit einer klaren Meinung zur Corona-Pandemie: Der Meißner Landrat Ralf Hänsel (parteilos). Mit einer Software geht der Landkreis neue Wege bei der Bekämpfung der dritten Welle. © Claudia Hübschmann

Herr Hänsel, wie geht es Ihnen nach Ihrer Covid-Erkrankung?

Eigentlich ganz gut. Aber ich merke schon, dass sich der Akku schneller entlädt als vor der Erkrankung. Das beeinträchtigt meine Arbeit zwar nicht, aber ich komme abends geschaffter nach Hause. Ich denke, das wird mit der Zeit besser werden.

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Sie tragen Ihre Maske jetzt noch disziplinierter als vorher. Warum? Sie sind doch immun, oder?

So ganz klar ist das nicht. Bin ich wirklich immun? Insbesondere mit Blick auf die Covid-Varianten, wie die südafrikanische oder die noch gefährlichere brasilianische. Zudem ist es noch offen, ob man als möglicherweise Immuner die Krankheit nicht trotzdem weitergeben kann. Deshalb bin ich als Genesener einfach noch disziplinierter als vorher.

Wie ist die aktuelle Covid-Infektions-Situation im Landkreis Meißen?

Die Zahlen steigen auch im Landkreis Meißen. Nicht sehr steil, aber sie gehen nach oben. Allerdings könnte es auch damit zu tun haben, dass wir sehr viel testen. Wir fischen natürlich mehr Fälle heraus als noch vor einigen Wochen.

Offenbar nimmt die Belegung mit Covid-Patienten in den Elblandkliniken wieder zu?

Das stimmt. Doch wir sind noch weit von den Zahlen vom Anfang dieses Jahres entfernt. Wir hatten damals eine Bettenbelegung mit Covid-Patienten von 120 bis 130, jetzt nicht einmal die Hälfte. Zudem ist ein Großteil des Klinikpersonals geimpft oder hat bereits eine Corona-Erkrankung überstanden. Offensichtlich sind die Elblandkliniken damit personell doch besser aufgestellt als in der zweiten Welle. Mit der neuen Krankenhausführung unter Rainer Zugehör sind wir zur Situation und Entwicklung im engen Austausch.

Die Inzidenz hält sich im Landkreis Meißen bei etwa 130, dennoch haben Sie gelockert. Ist das nicht riskant?

Die alleinige Ausrichtung aller Maßnahmen auf die Inzidenz halte ich für falsch. Daher freue ich mich darüber, dass der Freistaat auf die Forderung von Bürgermeistern und Landräten eingegangen ist und bei einer bestimmten Auslastung aller sächsischen Covid-Krankenhausbetten Lockerungen erlaubt. Davon haben wir - wie andere Landkreise auch - Gebrauch gemacht.

Ein Freund von Karl Lauterbach werden Sie damit sicher nicht, oder?

Es gibt einen deutlichen Zusammenhang von Tests und positiven Fällen. Man könnte auch überlegen, ob man die Impfquote mit hinzuzieht und die Anzahl der Genesenen. Damit sollte das Berechnungsmodell realistischer werden. Außerdem haben wir heute ganz andere positiv Getestete. Die Patienten werden jünger, sie liegen aber auch länger auf der Intensivstation. Das stellt für die Krankenhäuser eine andere Herausforderung dar. Dies sollte jedoch ebenfalls als Kriterium zur Bewertung der Lage hinzugezogen werden. Stures Festhalten an der Inzidenz ist allein schon mathematisch fragwürdig. Professor Lauterbach dürfte das nicht anders sehen. Wir greifen ständig massiv in Grundrechte ein. Das sollte man nicht übertreiben.

Foto: Gesundheitsamt Meißen
Foto: Gesundheitsamt Meißen © Gesundheitsamt Meißen

Wie ist die Situation in den Altenheimen und Kindereinrichtungen?

In den Altenheimen sind wir mit der ersten Impfung komplett durch, mit der zweiten fast. Außerdem wird hier akribisch und verpflichtend getestet. Deshalb gibt es in den Heimen kaum noch Corona-Ausbrüche. In den Kindereinrichtungen und Schulen kommt es immer mal wieder zu Ausbrüchen. Die Situation halte ich aber für beherrschbar.

Die Schulen werden nächste Woche öffnen?

Ja. Das war eine zentrale Forderung aller Landräte. Es war unsinnig, im Landkreis Meißen die Schulen so kurz vor den Osterferien komplett zu schließen. Die Kinder und Familien zu belasten und zu verunsichern, nur um der Verordnung zu entsprechen, war ein Fehler.

Sie wollen mit einer neuen Software helfen, die dritte Welle zu brechen?

Wir als Landkreis können diese Welle zwar nicht brechen, aber durchaus etwas dazu beitragen. Vor allem für die Zeit, wenn die Zahlen wieder sinken. Wir haben in allen Testzentren des Landkreises eine neue Software Simba im Einsatz. Sie vernetzt die Zentren mit dem Meißner Gesundheitsamt. Wir möchten das System ausrollen an alle Großunternehmen des Kreises, wie Feralpi oder die Porzellanmanufaktur, an die Kommunen sowie Kitas und Schulen. Damit schaffen wir eine einheitliche Datenbasis. Jeder Bürger, der irgendwo im Landkreis getestet wird, erhält dann automatisiert das Ergebnis auf sein Handy. Das ist bei den Partnern wie Restaurants, Kinos oder Zoos auslesbar. Darauf bereiten wir uns vor.

Hat das was mit der Luca-App zu tun?

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Nein, nicht mit der Luca-App, sie dient der Kontaktnachverfolgung. Dafür wollen wir gegebenenfalls eine Schnittstelle von Simba n³ zu dem Kontaktverfolgungssystem Pass4all nutzen. Leider werden sich in Sachsen weder für die Vernetzung der Testzentren noch für die Kontaktnachverfolgung flächendeckend gleiche Systeme bzw. Softwarelösungen durchsetzen, denn der Freistaat möchte kein einheitliches System. Das hätte ich mir aber gewünscht. So haben sich insgesamt sechs Landkreise für Simba n³ entschieden. Für die Nutzer ist es schwer vermittelbar, dass ich ein im Landkreis Meißen erhaltenes negatives Testergebnis nicht komfortabel beim Besuch der Dresdner Oper am Abend auf dem Smartphone vorzeigen kann, sondern mit einem ausgedruckten Formular wieder einen Medienwechsel vollziehen muss. Davon abgesehen, dass mit verschiedenen Systemen die Kontaktnachverfolgung ungleich länger dauert.

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