merken
PLUS Zittau

"Interner Fehler" nach Corona-Ausbruch

Vor drei Wochen hat die Diakonie ihre Tagespflege in Mittelherwigsdorf geschlossen. Es gibt zig Kranke - aber keine Reaktion vom Landratsamt.

Niemand da: Die Tagespflege in Mittelherwigsdorf ist nach Corona-Fällen seit drei Wochen geschlossen.
Niemand da: Die Tagespflege in Mittelherwigsdorf ist nach Corona-Fällen seit drei Wochen geschlossen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Es ist jetzt drei Wochen her: Am Morgen des 26. Oktober bekommt die Tagespflege-Einrichtung des Diakoniewerks Löbau-Zittau in Mittelherwigsdorf kurz hintereinander zwei Anrufe: Unabhängig voneinander melden Angehörige zwei Gäste ab: Beide Seniorinnen sind am Wochenende zuvor mit einer schweren Corona-Erkrankung ins Krankenhaus gebracht worden.

Birgit Wagner, die Leiterin der Diakonie, schildert den Hergang mit aller Sachlichkeit: "In dieser Situation haben wir uns entschlossen, die Einrichtung vorsorglich zu schließen, damit sich das Virus nicht noch weiter verbreiten kann", erzählt sie. Die Senioren, die schon da waren, wurden wieder nach Hause gebracht. "Wir haben das von uns aus getan, weil wir uns verantwortlich fühlen für das Wohl der alten Menschen."

Anzeige
Leise rieseln die Rabatte
Leise rieseln die Rabatte

Mit den Adventscoupons sichern Sie sich unschlagbare Rabatte & die besten Angebote in der Adventszeit für Löbau und Zittau

Das besondere Problem: Die Einrichtung hat 17 Plätze, aber insgesamt 30 angemeldete Senioren, die sich das Angebot teilen, weil der wachsende Bedarf an Tagesbetreuung mit den vorhandenen Einrichtungen im Landkreis längst nicht mehr gedeckt werden kann. Die 17 Plätze in Mittelherwigsdorf sind immer voll belegt, die Senioren kommen abwechselnd in unterschiedlicher Zusammensetzung. Sagt jemand kurzfristig ab, kann ein anderer von der Warteliste nachrücken.

"Wir wussten an diesem Montag ja nicht, wie lange das Virus schon bei uns grassiert und wer möglicherweise bereits infiziert sein könnte", erzählt Birgit Wagner. "Wir haben sofort alle zu Hause angerufen und nach ihrem Befinden gefragt." Mehrere der Gäste hätten da schon Erkältungssymptome gehabt. Auch deswegen wäre es unverantwortlich gewesen, die Einrichtung weiter offenzuhalten.

Ansteckungswelle zieht Kreise

Noch am selben Tag informiert Birgit Wagner das Gesundheitsamt. Sie ruft an und teilt auch schriftlich mit, dass die beiden infizierten Senioren Kontakt mit mindestens 17 weiteren Tagesgästen und Mitarbeitern hatten und die Einrichtung vorsorglich geschlossen sei. Sie fragt an, wie es nun weitergehe und wie man sich bei der Diakonie weiter verhalten solle.

Auf eine Antwort aus dem Landratsamt wartet Birgit Wagner bis heute. "Wir haben mehrmals nachgefragt, aber bis jetzt hat sich niemand aus dem Gesundheitsamt bei uns gemeldet", sagt die Prokuristin. "Wir machen uns große Sorgen, welche Kreise das Virus inzwischen gezogen hat. Es hat nun schon drei Wochen lang Zeit."

Inzwischen ist klar, dass mehrere Senioren und auch eine Mitarbeiterin erkrankt sind. Es lässt sich unter anderem ein Zusammenhang mit der Dialyse-Station in Zittau herstellen, auf der es mittlerweile ebenfalls mehrere infizierte Dialyse-Patienten gibt.

"Alle zwölf Mitarbeiter hatten zu den beiden erkrankten Frauen Kontakt", sagt Birgit Wagner. Bis auf die erkrankte Kollegin sei keiner von ihnen getestet worden. Als sich eine Mitarbeiterin einer Sozialstation der Diakonie mit Symptomen beim Gesundheitsamt meldet, wird ihr nur gesagt: Bleiben Sie einfach zu Hause.

Für Diakonie und Angehörige ein wirtschaftlicher Schaden

"So kann das doch nicht laufen", sagt Birgit Wagner, "auch in einem überlasteten Gesundheitsamt nicht." Sie habe sogar versucht, die verantwortliche Dezernentin Martina Weber zu erreichen, sagt sie. Gelungen sei ihr das nicht. Ihrer mehrfachen Bitte um Rückruf sei im Landratsamt bisher niemand nachgekommen.

Für die Diakonie und die Angehörigen der betroffenen Tagespflege-Gäste bringt die Schließung auch einen wirtschaftlichen Schaden mit sich, der mit jedem Tag wächst. Weil die Diakonie die Einrichtung von sich aus geschlossen hat und das keine amtliche Anordnung war, hat der Träger jetzt keinen Anspruch darauf, den Einnahmeausfall erstattet zu bekommen.

Auch die Angehörigen, die jetzt zu Hause bleiben müssen, um die größtenteils dementen Tagespflege-Gäste zu Hause zu betreuen, können sich jetzt nicht auf eine Anordnung berufen, um beispielsweise ihren Verdienstausfall ersetzt zu bekommen.

"Aufgrund eines internen Übermittlungsfehlers versäumt"

Birgit Wagner hat beim Gesundheitsamt angefragt, wann und unter welchen Bedingungen die Einrichtung wieder öffnen darf. Eine Antwort hat sie bis heute nicht erhalten. Und sie wird wohl auch noch lange darauf warten können, wie sich am Dienstagabend erst auf Nachfrage von sächsische.de herausstellt:

In einer Stellungnahme zu den Ereignissen, um die sächsische.de das Landratsamt gebeten hat, schreibt eine Sprecherin: "Im Fall der Tagespflege Mittelherwigsdorf hat es keine Anweisung einer Quarantäne durch das Gesundheitsamt gegeben, da für Tagespflegeeinrichtungen grundsätzlich keine Quarantänen angeordnet werden." Eine Schließung sei allein Sache des Trägers - damit verbunden auch die finanziellen Auswirkungen.

Auf die Frage von sächsische.de, ob der Fall Mittelherwigsdorf womöglich durchgerutscht sei, heißt es aus dem Landratsamt: "Im konkreten Fall ist eine weitere Ermittlung der Kontaktpersonen (Personal, weitere Tagesgäste) aufgrund eines internen Übermittlungsfehlers versäumt worden." Derzeit würden "Maßnahmen eingeleitet, um künftig ähnlichen Fehlern vorzubeugen." Momentan liege eine Priorität der Arbeit im Gesundheitsamt aber auf den stationären Einrichtungen.

Weiterführende Artikel

Alle Infos zu Corona im Landkreis Görlitz

Alle Infos zu Corona im Landkreis Görlitz

Steigende Todeszahlen, neue Auflagen und Kritiker-Demos mit Unterstützung der AfD. Aktuelle Geschichten und Entwicklungen dazu sind hier zu lesen.

Quarantäne - und kein Bescheid vom Amt

Quarantäne - und kein Bescheid vom Amt

Seit vier Wochen wartet ein Oderwitzer nach einer Corona-Infektion auf ein Schreiben vom Landratsamt, das er seinem Arbeitgeber vorlegen kann. Kein Einzelfall.

Wenn ein Dorf zum Corona-Hotspot wird

Wenn ein Dorf zum Corona-Hotspot wird

In Oppach ist das Virus ins Pflegeheim gelangt. 20 Bewohner und Mitarbeiter sind bereits infiziert. Und Birgit Wagner muss schwere Entscheidungen treffen.

Weitere Nachrichten aus Löbau und Umgebung lesen Sie hier.

Weitere Nachrichten aus Zittau und Umgebung lesen Sie hier.

Sie wollen schon früh wissen, was gerade zwischen Oppach und Ostritz, Zittauer Gebirge und A4 passiert? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter "Löbau-Zittau kompakt".

Mehr zum Thema Zittau