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Jetzt kommt der Hunger auf Leben

Ausgehen, Reisen, Schwimmen: Das dürfen wir uns jetzt wieder gönnen. Doch nicht allen fällt das leicht – und ein Rest Skepsis bleibt.

© Sebastian Kahnert/dpa

Grillende Menschen an der Elbe, überfüllte Biergärten, volle Yoga-Stunden unter freiem Himmel und Partystimmung auf der Straße. Dazu geöffnete Freibäder, Theater, Museen. Es geht wieder los. Die Menschen strömen raus und können es noch gar nicht richtig glauben. Endlich wieder ausgehen. Nicht mehr zu Hause kochen, sondern sich mit Freunden im Restaurant treffen. Endlich wieder reisen und nicht nur die entfernt lebenden Verwandten in Zoom-Konferenzen anschauen. Flüge nach Mallorca und Ferienwohnungen an der Ostsee sind schon fast ausgebucht.

Nach einem Jahr Zuhausesitzen mit wenig sozialen Kontakten lechzen wir nach dem prallen Leben. Die Tristesse des Winter-Lockdowns wird abgelöst von der Sehnsucht nach mehr Farbe. Wie passend, dass es mit dem Sommer dazu gleich hell, warm und luftig wird.

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Homeoffice, Videokonferenz, Streamingdienstabo: Das war für viele der Dreiklang im Winter. Für Eltern noch dazu: Homeschooling, Unterricht neben der Arbeit und gelangweilte Kinder bespaßen. Draußen leere Straßen, Masken und schnelles Nach-Hause-Eilen, um sich nicht anzustecken. Andere Menschen wurden auf Abstand gehalten.

Ein Jahr lang galt die Parole, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Geschlossen waren Hotels, Gaststätten, Clubs. Normal weiter lief es in den Unternehmen. Das war der spezifisch deutsche Weg: Der Kern der Produktion wurde aufrechterhalten. Irgendwie müssen die Millionen für die Lockdown-Kosten ja wieder reinkommen. Um aber trotzdem die Mobilität einzuschränken, wurde vieles geschlossen, was Spaß macht, aber eben nicht so viel zur Wertschöpfung beiträgt, wie die Niedriglohnbranche Gastronomie oder die subventionierten Theater.

Schmerzlich vermisstes Vergnügen

Doch jetzt ist wieder das Vergnügen an der Reihe. Schmerzlich haben wir es vermisst. Und statt wie von den Wirtschaftsverbänden erhofft, nun besonders stark in die Hände zu spucken, geben wir uns womöglich lieber dem Laissez-Faire hin. Gearbeitet haben viele in den letzten Monaten genug. Gab ja nicht viel anderes zu tun. Und auch wer nicht arbeiten konnte, weil er nicht durfte, sucht nun wieder Zerstreuung, Abwechslung, zweckentfremdetes Sein und Genießen.

Wirtschaftsforscher prognostizieren einen Konsumrausch. Am Geld fehle es nicht, sagen sie. Gespart hätten viele, weil sie einfach kaum Gelegenheit zum Ausgeben gehabt hätten. Also jetzt raus damit? Mit vollen Händen? Nicht ganz. Denn wer in Kurzarbeit war, in Sorge um seinen Job oder gar seine Arbeit verloren hat durch die Pandemie, kommt auch jetzt nur langsam wieder auf die Beine. Doch der Wunsch nach Zerstreuung eint alle. Bei dem einen ist es der preiswerte Freibadbesuch, der zur Erfüllung dient, bei der anderen die teure Urlaubsreise.

Vorsichtig, vernünftig und verantwortungsbewusst waren wir lange genug. Jetzt kommt der Hunger nach Leben. Der Soziologe Franco Ferrarotti geht sogar so weit, eine „Explosion der Lebensfreude“ vorauszusagen. Ähnlich wie jeweils nach den beiden Weltkriegen. Ob dieser Überschwang seinem Alter (95) oder seiner Nationalität (italienisch) geschuldet ist, sei dahingestellt. Aber ums Essen beim gemeinsamen Restaurantbesuch geht es vielleicht gar nicht so sehr. Eher um „die Erfahrung des gemeinsamen Lebens“, wie der Soziologe Heinz Bude sagt, „um die Vergewisserung, dass wir in einer gemeinsamen Welt leben und dass wir noch da sind“. Fast hatten wir ja schon vergessen, dass wir soziale Wesen sind. Und mit einer gewissen Anfangsscheu müssen sich einige wohl auch erst wieder daran gewöhnen. Manche ereilt sogar das neuartige Cave-Syndrom. Diesen Menschen macht die Rückkehr zum normalen Leben Angst: umarmen, sich die Hand geben, mit dem Bus fahren. Sie verkriechen sich in ihrer Höhle zu Hause.

Was bringt der Herbst?

So ganz glauben können wir allerdings noch nicht, dass jetzt das Schlimmste überstanden sein soll. Ein Rest Skepsis bleibt. Im vergangenen Sommer haben wir es versäumt, uns auf die nächste Corona-Welle im Herbst vorzubereiten. Das fiel uns auf die Füße. Der harte Lockdown im Winter hätte sich abschwächen oder gar vermeiden lassen, hätten wir etwas vorausschauender agiert, wie wir heute wissen. Und große Sorge macht den Eltern, wie es nach dem Sommer in Kitas und Schulen weitergehen soll. Etwa wieder ohne Plan wie nach dem letzten Lockdown? Anders als bei den Erwachsenen ist für Kinder unter anderem wegen der zurückhaltenden Äußerung der zuständigen Kommission die Impfung nicht die Lösung des Problems. Aber was dann? Darauf haben wir noch keine Antwort.

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Dennoch bringt die Impfung große Erleichterung. Wir fühlen uns nicht mehr ausgeliefert, sondern haben einen inneren Schutzschild angelegt. Glücklicherweise scheint der sogar gut gegen die neuen Mutationen des Virus zu helfen. Corona wird uns nie ganz verlassen. Auch die Pest gab es 300 Jahre in Europa, bis sie ganz verschwand. Aber wir sind jetzt erprobt, und ein Aufatmen im Sommer hilft, Luft zu holen. Und dann ist da noch der strenge Karl Lauterbach, beharrlicher Mahner in der Pandemie. Wenn selbst er sagt: „Das wird ein super Sommer“, was soll da schiefgehen? Jetzt müssen nur noch die durchschnittlich fünf Kilo Übergewicht runter, die wir angesetzt haben.

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