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Eine junge Chefin und ihr Weg aus der Krise

Juliane Buschmann übernahm kurz vor dem ersten Lockdown Ratags-Kunsthandwerk bei Stolpen. Ans Aufgeben hat sie nie gedacht.

Juliane Buschmanns Gefühlswelt tobte in den letzten Monaten auf und ab. Jetzt kann sie wieder etwas lächeln.
Juliane Buschmanns Gefühlswelt tobte in den letzten Monaten auf und ab. Jetzt kann sie wieder etwas lächeln. © Steffen Unger

Mit Click & Meet ist das Lächeln in Juliane Buschmanns Gesicht zurückgekehrt. Sie ist die junge Chefin der Erlebniswelt Ratags Kunsthandwerk mit Stammsitz in Langenwolmsdorf und Verkaufsfilialen in Dresden, Pirna und Bautzen. Endlich wieder Kunden begrüßen können. Doch sie weiß, wie zerbrechlich das Glück in diesen Tagen ist, wie sich zeigt. Gerade vor Ostern laufen die Geschäfte in normalen Zeiten gut, fast so gut wie vor Weihnachten. Click & Meet sei ein erster Schritt, aber dabei dürfe es nicht bleiben, sagt sie und fordert klare Perspektiven, konkrete Ansagen von der Politik auch für den Mittelstand. Auf jeden Fall ist vorerst wieder Leben auf dem weitläufigen Areal im Stolpener Ortsteil Langenwolmsdorf zu spüren.

Familie Tost aus Spitzkunnersdorf in der Oberlausitz zögerte nicht lange, in eins ihrer Lieblingsgeschäfte zurückzukehren. "Wir haben einen Tag vorher angerufen und den nächsten Tag hatten wir den Termin und natürlich eine große Lust zu shoppen", sagt Marion Tost. Gleich zwei Mal musste die Familie zum Auto, um die eingekauften Sachen im Kofferraum zu verstauen. "Wenn man Zeit hat, nicht so viele Leute hier sind, dann ist das Einkaufen sogar entspannter", sagt sie. Aber auch Marion Tost weiß, dass die Kunsthandwerker jeden Kunden brauchen und eigentlich noch mehr.

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Familie Tost aus Spitzkunnersdorf nutzte Click & Meet für eine ausgiebige Shopping-Tour bei Ratags Kunsthandwerk in Langenwolmsdorf.
Familie Tost aus Spitzkunnersdorf nutzte Click & Meet für eine ausgiebige Shopping-Tour bei Ratags Kunsthandwerk in Langenwolmsdorf. © Steffen Unger

Je nachdem, wie lange die Kunden für ihren Einkauf planen, sind auch ein bis zwei Stunden möglich. "Wir haben hier viel Platz, da kommt sich keiner in die Quere. Die Abstände werden eingehalten und in jedem Haus ist Verkaufspersonal, dass die Kunden betreut und sich auch um die Einhaltung der Hygieneregeln kümmern kann", sagt Juliane Buschmann. Dass sie sich einmal Gedanken darüber machen müsste, wie sie wenigstens ein paar Kunden in der weitläufigen Erlebniswelt bedienen kann, daran hätte sie nie gedacht. Sie verbindet mit der Corona-Pandemie sozusagen ein persönliches Schicksal.

Am 28. Februar 2020 hat sie den Familienbetrieb übernommen. Ein paar Tage später begann der erste Lockdown. Die 30-Jährige ist praktisch ins kalte Wasser gesprungen und wurde über Nacht zur Krisenmanagerin. Es kam eins aufs andere. "Ich wollte ja auch nichts falsch machen, überlegte immer wieder. Genaue Auskünfte gab es damals keine und auch jetzt nicht. Vor allem die ganze Bürokratie macht mir zu schaffen", sagt sie. Es sei schwer, sich da überall durchzuwursteln. Was noch schwerer wog, war die Verantwortung für alle ihre Mitarbeiter in so ungewohnter Situation. Und da war auch viel Improvisation gefragt. Das Küchenpersonal musste beispielsweise kurzerhand in die Produktion. Das hieß, schnell umlernen.

Zulieferer drehen an der Preisschraube

Traditionell beginnt bei Ratags im Frühjahr die Weihnachtsproduktion. Da wird jede Hand gebraucht und natürlich auch die entsprechenden Arbeitsmaterialien. Aber plötzlich drehten die Zulieferer an der Preisschraube. Wegen der Corona-Beschränkungen stoppte kurz darauf der gesamte Warenverkehr. Juliane Buschmann ist zwar eine taffe junge Frau. Aber auch sie hat die Situation arg mitgenommen. "Manchmal war es die Verwirrung pur. Dazu kam, dass wir bereits damals keine Perspektiven genannt bekommen haben, also wann wir wieder öffnen können", sagt sie.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Die Kunsthandwerker präsentieren sich regelmäßig auf Messen, um auch ihre Neuheiten vorzustellen. Bekanntlich ist das Messegeschäft ausgefallen. Und auch für dieses Jahr hat sie nicht viel Hoffnung.

Auf den Osterprodukten von 2020 blieb das Unternehmen sitzen. Von den Hilfszahlungen hat sie als Mittelständlerin von den ersten zwei Chargen nicht profitieren können. Auch für die Gastronomie bekam sie kein Geld. Erst die dritte Unterstützungswelle konnte auch sie nutzen.

Vom zweiten Lockdown kalt erwischt

Die Lockerungen im Sommer waren auch für ihr Unternehmen ein Glück. Klagen kann und will man in Langenwolmsdorf nicht. Der Verkauf lief gut, die Gastronomie auf Abstand auch. Und mit einem weiteren Lockdown hätte sie nie gerechnet. Deshalb traf dieser die junge Chefin mit voller Wucht. Zwar könnte sie ihre Betten auch jetzt an Vertreter, Händler, Geschäftsleute, Pendler vermieten. Doch der Aufwand ist zu groß, hat sie bereits eingeschätzt. "Ich müsste bei halb belegtem Haus trotzdem Strom, Wasser, Heizung und Personal vorhalten. Bei mal einer oder zwei Übernachtungen kommt am Ende ein Minus heraus", sagt sie. Deshalb wurde dieses Standbein heruntergefahren. In der Produktion geht es weiter.

Auch im Außenbereich ist alles für die Gäste vorbereitet. Hoffnungen, dass sie die Gastronomie Ostern wieder öffnen darf, hatte sie zwar. Doch fest daran geglaubt, hat sie nicht. Das erspart ihr jetzt die Enttäuschung.

Die Außengastronomie ist auf Gäste vorbereitet. Doch die kommen vorerst nicht.
Die Außengastronomie ist auf Gäste vorbereitet. Doch die kommen vorerst nicht. © Steffen Unger

Frischer Wind weht durch das Frühlingshaus

Planen, wieder verwerfen, wieder umdenken, neue Regeln lesen und vor allem verstehen. So sahen die letzten Wochen bei Juliane Buschmann aus. Und manchmal schwirrte ihr auch der Kopf. Deshalb wollte sie auf jeden Fall auch etwas praktisches. Gemeinsam mit dem Team hat sie sich als erstes das Frühlingshaus vorgeknöpft und sozusagen einmal frischen Wind durch die Räume gejagt.

Wer das Haus noch von früher kennt, wird staunen. Alles ist viel luftiger, aufgeräumter. "Wir haben alles etwas überschaubarer, moderner gestaltet", sagt sie. Die alten Möbelstücke wurden restauriert, Fußboden, Wände und Decke erneuert und die Waren neu angeordnet. Auch kann man jetzt vom Verkaufsraum durch die großen Fenster in den Außenbereich schauen. Das Frühlingshaus ist erst der Anfang. Auch mit der Gastronomie ist einiges im Plan. Eigentlich wollte Juliane Buschmann jetzt mit dem Team und vielen Kunden die Eröffnungswochen für das Frühlingshaus feiern. Aber auch dafür hat sie einen Plan, so wie sie auch nie daran gedacht hat, alles hinzuschmeißen.

"Eine Alternative gibt es für mich nicht. Also Augen zu und durch", sagt sie. Wichtig ist ihr vor allem, die Mitarbeiter auch in die Entscheidungen einzubeziehen, sie einfach mitzunehmen. Denn die Chefin weiß, auch für ihr Team ist die Zeit nicht leicht.

Das Frühlingshaus wurde einmal komplett durchrenoviert und neu eingerichtet.
Das Frühlingshaus wurde einmal komplett durchrenoviert und neu eingerichtet. © Steffen Unger

Online-Handel ausbauen, aber wie?

Einen Teil der Produkte bietet Ratag bereits im Online-Shop an. Die junge Unternehmerin würde den auch gerne ausbauen. Doch es hapert am schnellen Internet. "Darauf sind wir hier auf dem Land ganz stark angewiesen. Ansonsten kann niemand einen vernünftigen Online-Handel aufbauen, geschweige denn im Unternehmen einiges digital umstellen", sagt sie.

Das der Online-Handel in nächster Zeit immer wichtiger wird, weiß sie. Bei bis zu 20.000 eigenen Artikeln und einigen Fremdartikeln wird jedoch nicht alles online gestellt werden können. Deshalb bleibt der direkte Kundenkontakt weiter das wichtigste Standbein in der Erlebniswelt. Juliane Buschmann schmiedet übrigens schon an neuen Plänen, falls in diesem Jahr tatsächlich auch wieder alle Messen gänzlich ausfallen sollten. Unterkriegen lasse sie sich auf keinen Fall, sagt sie.

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