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Wegen Corona: Zähneputzen fällt aus

In einigen Kitas im Landkreis Bautzen wird aus Angst vor Ansteckung derzeit auf die Zahnpflege verzichtet. Zahnärzte schlagen Alarm.

Zähneputzen gehört in Kitas im Landkreis Bautzen zum Alltag. Wegen Corona ist das derzeit aber keine Selbstverständlichkeit.
Zähneputzen gehört in Kitas im Landkreis Bautzen zum Alltag. Wegen Corona ist das derzeit aber keine Selbstverständlichkeit. ©  SZ-Archiv

Kamenz/Bautzen. Beim Zähneputzen in der Kita kann es auch mal etwas wilder zugehen. Da wird die Zahnbürste getauscht oder die Zahncreme des Nachbarn verkostet. In Corona-Zeiten könnte das gefährlich sein. Aber deswegen gar nicht mehr putzen? Kamenzer Eltern beklagen gegenüber Sächsische.de, dass in der DRK-Kita auf der Haydnstraße nicht mehr geputzt werde. Sie halten das für falsch.

Es sei wegen Corona und der Infektionsgefahr ausgesetzt worden und auch ein heiß diskutiertes Thema, erklärt dazu der Elternratsvorsitzende Torsten Remus. Die Entscheidung sei aber nicht in Stein gemeißelt.

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Offenbar ist die Kitalandschaft bei diesem Thema gespalten. Das Landratsamt Bautzen bestätigt, dass in vielen Kindertageseinrichtungen das tägliche Zähneputzen eingestellt wurde, so Amtsärztin Dr. Jana Gärtner. Das Gesundheitsamt rät aber dringend, das Zähneputzen beizubehalten. Eine Entscheidung liege allerdings bei der jeweiligen Einrichtung.

Zahnpflege als Hygiene-Risiko?

In der Pulsnitzer Kita "Spatzennest" der Volkssolidarität beruft sich Leiterin Sylke Horn-Heschel auf die ursprünglichen Corona-Hygienevorschriften des Freistaats. Danach sei die Zahnpflege zu unterlassen. So habe es die Kita in ihr Hygienekonzept eingearbeitet. Das Spuckverhalten der Kinder sei ein Grund, es spritze beim Putzen. Auch könnten die Bürsten aneinandergeraten und möglicherweise Viren weitertragen. Nun komme die Rolle rückwärts, Putzen sei wichtiger denn je.

Für die Leiterin ist das widersprüchlich, man sei daher lieber vorsichtig: „Es ist ein Hygiene-Risiko.“ Sie sehe kein Problem, wenn derzeit nur früh und abends daheim geputzt wird. Allerdings sollte ebenso unter Aufsicht trainiert werden. Die Kita wolle aber wieder mit dem Putzen beginnen: „Wir werden das im Team besprechen und uns eine fachliche Meinung bilden.“

Die Ohorner Kita "Sonnenschein" vom DRK Dresden-Land hat ebenso vorsichtshalber das Zähneputzen ausgesetzt. Es sei zudem keine verpflichtende Aufgabe, so Leiterin Irina Hönel. Die Empfehlung sei bekannt. Aber bei 15 Kindern pro Erzieherin sei es schwierig, die hygienischen Auflagen so sicherzustellen wie gefordert und die Kinder so intensiv zu begleiten, dass das Putzen sicher ist .

Karies tritt bei Kindern wieder öfter auf

Die Kita „Sonnenschein“ der Oberlausitzer Lebens- und Familienhilfe in Bautzen ist auch mit Zähneputzen bisher ohne Corona-Fälle durch die Pandemie gekommen. Das sagt Jurij Strbenk, Geschäftsführer des Kinderhauses . Die Kinder sollten möglichst wenig von Corona spüren. So werde - natürlich unter Aufsicht - nicht wesentlich weniger geputzt als vor Corona. Auch sollten nicht zu viele Kinder im Waschraum sein. In der Kita gebe es auch behinderte Kinder, die nicht selbst putzen können. Da würden es die Erzieherinnen übernehmen.

Kita-Leiterin Betty Dienel vom "Klettermaxe" des Berufsbildungszentrums Bautzen bringt noch einen anderen wichtigen Aspekt ins Spiel: Es gebe Kinder, die zu Hause eben nicht so regelmäßig putzen, wie es erwartet wird. Ungeputzte Zähne blieben aber nicht ohne Folgen. Um so wichtiger sei die Kita. Dienel lässt deshalb keine Abstriche am Putz-Ritual zu.

Das hört Dr. Angela Grundmann gern. Sie ist praktizierende Zahnärztin in Löbau und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (LAGZ). Das Aussetzen beim Zähneputzen sei ein ganz großes Problem. Sie schlägt Alarm und bittet dringend, „auf alle Fälle daran festzuhalten“. Denn die LAGZ stelle fest, dass es in der Corona-Situation wieder gehäuft Karies gebe. Die mache eben keine Corona-Pause.

Lerneffekt in der Kita ist wichtig

Viele Kinder seien acht Stunden in den Einrichtungen. Drei Mahlzeiten gebe es über den Tag. Da würden die Kariesbakterien viel Zeit bekommen, sich in die Milchzähne zu fressen. Die Medizinerin spricht auch den Bildungs- und Erziehungssauftrag der Einrichtungen an. Das sei eine bedeutsame Funktion. Oft sei es auch eine Frage der Organisation in den Kitas, so Dr. Grundmann. „Außerdem sollten immer Erzieher mitputzen, wegen des Lerneffekts.“ Wenigstens einmal täglich in der Kita zu putzen, sei wahnsinnig wichtig. Die Kinder brauchten diese Impulse zur regelmäßigen und richtigen Zahnpflege.

Das Putzen sei letztlich im Interesse der Zahngesundheit der den Kitas anvertrauten Kinder, erklärt die Bautzener Amtsärztin und verweist auf Fachleute. So erarbeitete der Bundeszahnärzteverband gemeinsam mit Experten aus dem Universitätsklinikum Bonn eine Checkliste für hygienisches Zähneputzen in Kitas unter Corona-Bedingungen: vom Umgang mit den Zahnbürsten bis zur Reinigung der Waschbecken. Der Verband räumt zugleich ein, man wisse um den Personalmangel und die Schwierigkeiten, das Konzept im Alltag umzusetzen. Es könne aber individuell angepasst werden. Auch die Amtsärztin steht für Fragen zur Verfügung.

Dr. Andreas Schlichting betreut mit seiner Pulsnitzer Praxis etliche Kitas in der Zahnprophylaxe. Auch ihm sei bekannt, dass tatsächlich viele Kitas derzeit auf das Zähneputzen wegen Hygienebedenken verzichten. Die Mundgesundheit habe sich in den vergangenen Jahren erfreulicherweise verbessert, stellt er fest und sagt: „Das Putzen ist absolut nötig.“ Ansonsten seien Rückschläge und große Probleme in der Zukunft mit Karies als Kollateral-Schäden durch Corona zu befürchten.

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