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Ein Massengrab für Granaten

Berge verscharrter Munition überraschen die Räumtrupps in der Dippoldiswalder Heide. Jetzt wird die Suche unterbrochen.

"Da weißt du genau, warum du hier bist." Feuerwerker Lars Müller mit einer frisch aus dem Erdreich gezogenen sowjetischen Panzerabwehrgranate.
"Da weißt du genau, warum du hier bist." Feuerwerker Lars Müller mit einer frisch aus dem Erdreich gezogenen sowjetischen Panzerabwehrgranate. © Karl-Ludwig Oberthür

Ein bisschen den Lehm abkratzen, und dann könnte man diese Granate ins Rohr einer sowjetischen Panzerabwehrkanone stecken? So ungefähr, sagt Lars Müller. "Die ist fabrikneu." Gefunden wurde das Projektil kurz vor dem Nikolaustag am Rand der Dippoldiswalder Heide, in einem Erdloch, zusammen mit Hunderten anderen. Ein absolut unerwarteter Fund. Das ist normal in diesem Wald, sagt Müller. "Der Wald ist immer für eine Überraschung gut."

Am Heidehof piepsen die Sonden

Lars Müller, Feuerwerker bei der Heinrich Hirdes Kampfmittelräumung aus Teltow bei Berlin, kann sich sehr gut an den Tag erinnern, als er zum ersten Mal in die Dippoldiswalder Heide kam. Es war ein Tag Anfang September 2013. "Mach mal für sechs Wochen", hatte man ihm gesagt. Einen Sprengtrichter mit Altmunition sollte er ausräumen. Jetzt räumt er fast den ganzen Wald. Das achte Jahr ist angebrochen. Die Verdachtsfläche ist erst zur Hälfte durchkämmt.

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Ausbeute von zwei Tagen: Diese immense Menge Granaten fanden die Suchtrupps verscharrt im Heideboden nahe Dippoldiswalde.
Ausbeute von zwei Tagen: Diese immense Menge Granaten fanden die Suchtrupps verscharrt im Heideboden nahe Dippoldiswalde. © Karl-Ludwig Oberthür

Dass Lars Müller an diesem Morgen inmitten der alten Kiesgrube steht, wo die gefährlichste Munition noch innerhalb der Heide gesprengt wird, war nicht geplant. Die geplante Sprengung von über fünfzig während der letzten Monate zusammengetragenen Granaten hatte schon vor zwei Wochen stattgefunden. Doch dann der Hortfund: Im Südzipfel des Waldes, nahe beim Gasthaus Heidehof, überschlugen sich die Sonden der Räumtrupps.

Blindgänger mit aktivierten Zündern

In zwei nebeneinander liegenden Erdlöchern entdeckten die Arbeiter ein Granatenmassengrab. Allein neunhundert Flak-Patronen steckten darin, 16 Mörsergranaten und über zwanzig Panzergranaten, dazu eine Panzerfaust. Neben der Wehrmachtsmunition lagen sowjetische Handgranaten und zwei von den werksneuen Panzerabwehrgeschossen. In den Kartuschen hört man beim Umwenden die noch intakte Treibladung rieseln.

"Zündsysteme scharf." Robert Ludewig vom Kampfmittelbeseitigungsdienst musste zum zweiten Mal binnen weniger Tage Granaten sprengen.
"Zündsysteme scharf." Robert Ludewig vom Kampfmittelbeseitigungsdienst musste zum zweiten Mal binnen weniger Tage Granaten sprengen. © Karl-Ludwig Oberthür

Zwei Tage hatten Müllers Leute damit zu tun, die Gruben auszuräumen. Bald war klar: Die Sprengmeister vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Sachsen müssen erneut anrücken. Die Zünder einiger Granaten, offenbar handelte es sich um Blindgänger, waren unberechenbar. "Sobald die Granate durch ein Rohr gegangen ist, sind die Systeme aktiviert", sagt Sprengmeister Robert Ludewig. Der Transport zur Munitions-Zerlegefabrik nach Zeithain wäre zu riskant gewesen.

Wald als Kippe für Kriegsmüll benutzt

So wurden rund dreißig Granaten in der alten Kiesgrube mit Schneidladungen präpariert, doppelt, damit nichts schief geht. Sie brennen sich durch das Metall und zünden den Sprengstoff in der Granate. Am Mittwochvormittag, gegen halb elf, drückte Robert Ludewig aus der Deckung des Waldes heraus den Auslöseknopf seiner Zündmaschine. Alle Granaten haben sich sauber "umgesetzt", resümiert er kurz darauf. Die Hirdes-Arbeiter sammeln drei Kisten Splitter ein.

Neues vom "Eisernen Wald": ein gutes Dutzend deutsche Mörsergranaten, daneben eine Pistole für Signalmunition.
Neues vom "Eisernen Wald": ein gutes Dutzend deutsche Mörsergranaten, daneben eine Pistole für Signalmunition. © Karl-Ludwig Oberthür

Bisher wurden in der Dippoldiswalder Heide rund neunzig Tonnen Munition geborgen, davon etwa drei Viertel Artilleriegranaten aller Kaliber. Die Verseuchung kennt kein System. Am Ende des Zweiten Weltkrieges entledigten sich hier sowohl deutsche als auch sowjetische Truppen überflüssiger Kampfmittel. Man nimmt an, dass auch in den ersten Friedenswochen große Mengen überflüssiger Munition aus der Gegend gesammelt und in der Heide halbherzig gesprengt oder gleich vergraben wurden. Darauf deutet der gemischte Ursprung der Granaten hin, auch beim jüngsten Massenfund.

Waldbrand könnte Evakuierung erzwingen

Der Granatenhort am Waldrand tauchte überraschend auf. Aber nicht zufällig. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst verfolgt in der Heide eine neue Strategie, sagt André Mauermeister, Leiter des Dienstes im Polizeiverwaltungsamt. Hintergrund ist der Schutz der Bevölkerung für den Fall eines möglichen Waldbrandes. Brennt es auf einer Fläche, die im Verdacht steht, munitionsbelastet zu sein, könnten Granaten explodieren. Ein Sicherheitsabstand von tausend Metern, so sagen es die Vorschriften, wäre angebracht.

Könnte bei einem Waldbrand fatal sein: ein voll aufmunitioniertes Magazin für das deutsche Sturmgewehr 44.
Könnte bei einem Waldbrand fatal sein: ein voll aufmunitioniertes Magazin für das deutsche Sturmgewehr 44. © Karl-Ludwig Oberthür

Träte dieses Szenario ein, lägen einige Dörfer je nach Ort des Feuers zum Teil im Sperrkreis. Auch Randbereiche von Dippoldiswalde könnte es treffen. Sein Dienst würde dann empfehlen, diese Wohnlagen zu evakuieren, sagt André Mauermeister, "um kein Risiko für die Bürger einzugehen". Selbst die Feuerwehr müsste Abstand halten, könnte allenfalls an der Grenze des Sperrkreises in Bereitschaft bleiben.

Wegen Corona: Räumtrupps ziehen ab

Der Ausweg aus dem Dilemma: So schnell wie möglich die den Wohnhäusern am nächsten liegenden Verdachtsflächen räumen. So habe man es mit den Kommunen Dippoldiswalde und Rabenau und mit dem Forst vereinbart, sagt André Mauermeister. Eine Vorkehrung, die er für absolut gerechtfertigt hält. Der Großfund am Heidehof, in Sichtweite zu den Dippser Dächern, sei dafür der beste Beweis.

Auch ein Fund dieses Jahres: das Rotorblatt eines über der Heide abgestürzten US-Bombers. Hobbyforscher Matthias Schildbach nahm es in seine Sammlung auf.
Auch ein Fund dieses Jahres: das Rotorblatt eines über der Heide abgestürzten US-Bombers. Hobbyforscher Matthias Schildbach nahm es in seine Sammlung auf. © privat

Sondengänger sieht man in der Heide aber nur noch bis zum 17. Dezember. Die Räumstelle wird vorübergehend geschlossen, so wie alle Räumstellen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Sachsen. Corona ist schuld. Nicht dass es den Suchtrupps im Wald an Frischluft oder Abstand mangeln würde. Es mangelt am Personal, das in der Zeithainer Zerlege-Einrichtung die gefundene Munition vernichtet.

Entschärfer müssen fit sein für die Bombe

Der Grund: Um den Kampfmittelbeseitigungsdienst vor Infektionen zu schützen, wurde in Zeithain ein Schichtsystem eingeführt - getrennte Teams, die sich gegenseitig nicht anstecken können. Damit soll gesichert sein, dass immer genügend Experten bereit stehen, falls ein "Großkampfmittel", also eine Fliegerbombe, in irgendeiner Baugrube auftaucht. Kehrseite: Der Alltagsbetrieb in der Zerlege-Fabrik läuft langsamer. Würden die Räumstellen wie bisher weitergeführt, wären die Lagerbunker bald voll. Der Input muss reduziert werden, sagt André Mauermeister. "Das ist eben so."

André Mauermeister leitet den Kampfmittelbeseitigungsdienst. Wegen Corona muss er alle Räumstellen, auch die in der Dippser Heide, vorerst schließen.
André Mauermeister leitet den Kampfmittelbeseitigungsdienst. Wegen Corona muss er alle Räumstellen, auch die in der Dippser Heide, vorerst schließen. © Karl-Ludwig Oberthür

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