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Keine Angst vor der Angst

Ein Gefühl hat 2020 bestimmt. Das wird sich so bald nicht ändern. Es gibt Schlimmeres. Denn der richtige Umgang mit Angst rettet Leben – anders als Panik.

Wer ehrlich ist, wird zugeben: Wir alle kennen dieses Gefühl der Angst vor Corona.
Wer ehrlich ist, wird zugeben: Wir alle kennen dieses Gefühl der Angst vor Corona. © Bernd Thissen/dpa

Das vergangene Jahr kannte viele Verlierer und einen großen Gewinner: die Angst. Seit jede Einzelne und jeder Einzelne durch Corona potenziell ganz unmittelbar bedroht ist, triumphiert sie im Gefühlshaushalt von scheinbar immer mehr Menschen endgültig über ihre Konkurrenten Mut, Zuversicht, Hoffnung. Das klingt nicht nach besten Voraussetzungen für 2021. Müssen wir uns damit abfinden?

Wer ehrlich ist, wird zugeben: Wir alle kennen dieses Gefühl der Angst vor Corona. Zumindest in ihrem etwas harmloser anmutenden Gewand der Sorge, des Besorgt-Seins. Ich nehme mich da nicht aus. Ich habe Angst, mich selbst zu infizieren. Ich fürchte um die Gesundheit meiner Mutter, die zur Risikogruppe gehört und obendrein sehr unter der Ausdünnung ihrer sozialen Kontakte leidet. Ich sorge mich um die Kollegin, die nach wochenlanger Krankheit durch die Folgen des Virus nun mit Asthma leben muss. Um jene Erkrankten, für die es nicht mehr genug Pflegekräfte und Betten gibt. Um die Existenz vieler Bekannter, die ihre Berufe und Geschäfte nicht mehr oder kaum noch betreiben können.

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Das Fatale an der Coronakrise

Aber: Grundsätzlich ist Angst nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Ohne sie wären sämtliche Lebewesen längst ausgestorben. Angst vor etwas Unbekanntem und womöglich Bedrohlichem veranlasst uns zu erhöhter Aufmerksamkeit und Vorsicht, schärft unsere Sinne und Kräfte, macht uns abwehrbereit, lässt uns Schutz suchen, auf Stärkere und Klügere hören, zusammenrücken, solidarisch handeln. Wie es das Gros unserer Gesellschaft während der ersten Welle der Pandemie tat.

Nur dann, wenn wir uns von ihr überwältigen lassen, wird die Angst zum Problem. Für uns selbst, da sie starkes psychisches Leiden erzeugt. Für unsere Mitmenschen, indem sie uns irrational handeln lässt und damit andere beeinträchtigt. Gerade das aber kennzeichnet unsere aktuelle gesellschaftliche Situation in besonderem Maße.

Kein Wunder. Schließlich ist unser größter Angstauslöser das Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust über eine Situation oder gar das Leben, über Gesundheit, Unversehrtheit und Sicherheit. Das Fatale an der Coronakrise: Sie zeigt, dass nicht allein wir Normalos, dass sogar einige vermeintlich mächtige Politiker und kluge Wissenschaftler hilflos schienen und es manchmal auch waren. Weil sich ein neues, bislang unbekanntes Virus mit den alten Mitteln nun mal nicht sofort in den Griff kriegen und kontrollieren lässt. Weil uns einige der ergriffenen Gegenmaßnahmen hilflos erscheinen und uns selbst dem Gefühl der Hilflosigkeit erfüllen. Nicht zuletzt der Hilflosigkeit gegenüber einigen dieser Maßnahmen, die unser Leben spürbar beeinträchtigen. Und die uns – noch schlimmer – zuweilen ebenfalls hilflos vorkommen.

Angst macht immun gegen Mut und Zuversicht

Dass die lautesten Schreier oft die größte Angst haben, ist eine Binsenweisheit. Diverse Psychologen sind sich ziemlich sicher: Eben diese Angst vor Corona und Kontrollverlust ist auch die stärkste Triebkraft für viele Verharmloser, Leugner und Panikmacher. Einige stecken ihre Köpfe unter die Bettdecke und glauben, damit wäre die Gefahr verschwunden. Andere versuchen, mit herbeibemühtem Trotz „mutig“ zu wirken und von ihrer Angst abzulenken, vor allem sich selbst. Wieder andere schreien „Diktatur“ und schmähen Mitmenschen als Schlafschafe, um ihre eigene Panik auf andere zu übertragen. Die Angst, die solche Leute wiederum auslösen, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen: Auch die Furcht der Panikmacher hat zum Teil berechtigte Gründe. Etwa die Angst um die eigene bedrohte Existenz. Oder die Sorge vor einem allzu übergriffigen Staat.

Besonders gefährlich an der Angst und noch mehr an der Panik ist, dass sie immun macht. Nicht gegen Corona – auch wenn manche sich so verhalten, als wäre dem so. Vielmehr macht sie immun gegen Mut und Zuversicht. Dabei gibt es auch dafür genug Gründe. In einem nie da gewesenen Kraftakt wurden Impfstoffe entwickelt und werden nun schrittweise für alle zugänglich gemacht, deren bisherige Resultate massiven Anlass zur Hoffnung geben. Das Gros der Gesellschaft nimmt die Einschränkungen und Schutzmaßnahmen auch in der zweiten Welle weiter in Kauf, um sich und die Mitmenschen nicht zu gefährden. Zahllose Freiwillige helfen in Krankenhäusern dem erschöpften Pflegepersonal. Ein weiteres massives Hilfspaket für von der Krise Betroffene ist geschnürt und auf dem Weg.

Jede Krise ist ein Lernprozess

Ja, auch dabei wird es Fehler geben und berechtigte Kritik daran. Wie immer bei neuen Herausforderungen für die Politik, die Medizin, die Bürger. Versuch – Irrtum – neuer Versuch; so funktioniert jede Forschung, jede Wissenschaft, jedes Fortkommen. Und jede Krise ist ein – oft schmerzlicher – Lernprozess.

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Es gibt also keinen Grund, Angst vor der Angst zu haben. Wer ihre konstruktiven Kräfte nutzt, handelt vorsichtig, verantwortlich, solidarisch und klug. Denn wer sich nicht von ihr überwältigen lässt, ist am ehesten in der Lage, sachliche und nötige Informationen von Panikmache zu unterscheiden, wissenschaftliche Erkenntnisse von Scharlatanerie, Unwahrscheinlichkeiten von Höchstwahrscheinlichkeiten, Lügen von Fakten. Und nur so können wir erkennen: Das, vor dem wir am meisten Angst haben sollten, ist nur die übersteigerte Form der Angst – die Panik.

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