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Keine Eile beim Impfen von Kindern

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Coronaimpfung nicht uneingeschränkt, sodass Eltern jetzt vor einer schwierigen Entscheidung stehen.

Sollten Kinder und Jugendliche großflächig geimpft werden? So tun, als wäre die Entscheidung eine leichte, sollte man nicht, kommentiert SZ-Gesundheitsredakteurin Stephanie Wesely.
Sollten Kinder und Jugendliche großflächig geimpft werden? So tun, als wäre die Entscheidung eine leichte, sollte man nicht, kommentiert SZ-Gesundheitsredakteurin Stephanie Wesely. © dpa

Seit knapp einer Woche gilt keine feste Impfreihenfolge für den Schutz vor Corona mehr. Auch die Europäische Arzneimittelbehörde hat Ende Mai das Vakzin von Biontech/Pfizer für 12- bis 15-Jährige freigegeben. Deshalb soll es mit dem Impfen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland jetzt möglichst ganz schnell gehen – am besten noch vor Beginn des neuen Schuljahres, so wünscht es sich die Bundesbildungsministerin.

Und die Bundesregierung hofft auf eine baldige Herdenimmunität – möglichst noch vor der Bundestagswahl. Doch Eile ist fehl am Platz, zumal Impfungen nicht die einzige Möglichkeit des Gesundheitsschutzes sind.

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Der Kampagne der Bundesregierung für eine generelle Impfung der 12- bis 15- Jährigen schließt sich die Ständige Impfkommission in ihrem aktuellen Positionspapier nicht an. Von ihr kommt Kritik. Eine Impfung sei schließlich kein Lakritzbonbon – so hat es der Vorsitzende der Kommission kürzlich treffend auf den Punkt gebracht. Impfungen sind medizinische Eingriffe, die gut abgewogen werden müssen. Und das haben die Impfexperten getan. So empfehlen sie die Coronaimpfung nur für Kinder dieser Altersgruppe, bei denen Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf oder chronische Erkrankungen bestehen.

Es geht nur um den individuellen Schutz

Denn der Kommission geht es allein um den individuellen Schutz der Kinder, wie sie sagt, erst danach um den Schutz der Gemeinschaft und gar nicht um politisches oder gesellschaftliches Kalkül. Das erhöht das Vertrauen in dieses Gremium. Die Zurückhaltung der Impfexperten dürfte auch ein wichtiger Grund dafür gewesen sein, dass sich die Bundesregierung gegen eine Impfpflicht ausgesprochen hat – sowohl für den Schulbesuch, als auch für Freizeit- oder Ferienaktivitäten.

Die schwerste Aufgabe kommt jetzt auf die Eltern zu. Sie haben die entscheidende Stimme, ob sie ihre Kinder impfen lassen oder nicht. Und sie können sich auch dann dafür entscheiden, wenn beim Kind keine Risikofaktoren vorliegen, diese Möglichkeit hat die Impfkommission eingeräumt. Dass sie nur das Beste für ihre Töchter und Söhne wollen, ist unstreitig. Doch was ist das Beste? Bei der Beantwortung dieser Frage stehen sie weitestgehend alleine da, denn die Argumente von Politik und Medizin können gegensätzlicher kaum sein.

Gute Gründe gegen Impfung

Was wissen wir bis jetzt über die Gefahr für Kinder durch eine Corona-Infektion und die Sicherheit des Impfstoffs? Erstens erkrankten Kinder deutlich seltener als Erwachsene an Covid 19, obwohl auch sie vereinzelt schon schwere Verläufe entwickelt haben. Von den bislang rund 1.550 Kindern und Jugendlichen, die mit Covid 19 ins Krankenhaus gekommen sind, mussten fünf Prozent auf einer Intensivstation behandelt werden, 0,3 Prozent starben.

Der größte Teil der Infektionen verlief mild, oft sogar ohne Krankheitszeichen. Zweitens spielen Kinder im Infektionsgeschehen nur eine untergeordnete Rolle. Sie steckten sich eher bei ihren Eltern an als umgedreht, sagen sächsische Kinderärzte und widerlegen damit die Behauptung, dass Kinder Treiber der Pandemie gewesen sind. Das alles spricht eher gegen eine Impfung.

Gefährden geimpfte Ältere die Jungen?

Drittens, die Spätfolgen: Sogenannte Long-Covid-Syndrome gab es auch bei Minderjährigen. Virologen gehen sogar davon aus, dass Spätfolgen bei Kindern häufiger auftreten als bei Erwachsenen, zum Beispiel die lebensgefährlichen, komplexen Entzündungsgeschehen. Und viertens gehört es zum Wesen der Viren, dass sie sich verändern – mutieren. Wird also beim Schutz der Bevölkerung eine Altersgruppe herausgelassen, passen sich die Viren diesen Wirten an.

Kinder sind dann vielleicht stärker gefährdet, gab zum Beispiel der Chef der Sächsischen Impfkommission zu bedenken. Gehäufte Erkrankungen der mittleren Altersgruppen haben das gezeigt, nachdem die Senioren und Hochbetagten weitgehend geimpft waren. Diese Gründe wiederum sprechen für eine Impfung. Genauso wie die Tatsache, dass die Impfstoffe sehr gut vor schweren Corona-Verläufen schützen.

Feste Kontakte und Zuversicht

Wenig bekannt ist indes über die Nebenwirkungen, denn es liegen nur Studienergebnisse von 1.100 Jugendlichen vor. Doch selbst in dieser vergleichsweise kleinen Gruppe haben 1,3 Prozent schwere Reaktionen gezeigt. Und das Paul-Ehrlich-Institut registrierte ein erhöhtes Auftreten von Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern. Das zeigt, dass die Immunantwort bei Kindern anders verlaufen kann als bei Erwachsenen.

Diese Mischung von Pro und Kontra zeigt sich auch im letzten ARD-Deutschlandtrend: Dort äußerten 43 Prozent den Wunsch, dass Kinder ab zwölf möglichst schnell eine Corona-Impfung erhalten. 48 Prozent stimmten dem nicht zu. Die Eltern würden sich sicher leichter tun, wenn Studien an Zehntausenden Kindern vorlägen. Die wird es bald geben, denn die USA und Kanada impfen Kinder schon seit Mai. Es braucht also Geduld, keine Schnellschüsse.

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Was in diesen Debatten aber völlig zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass Kindergesundheit mehr ist als impfen. Für das körperliche und psychische Wohlbefinden der Kinder braucht es auch Sportvereine, Aktivitäten und Spaß mit Gleichaltrigen, feste soziale Kontakte und die Zuversicht, dass unser Gesundheitssystem der Pandemie gewachsen ist. Das macht sie stark – auch gegen Corona.

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