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„Keine Lockerungen vor März oder April“

Der Landrat Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Michael Geisler (CDU), über Corona und die wirtschaftlichen Folgen für den Landkreis.

Landrat Michael Geisler im Gespräch. „Ich gehöre eher zu den pessimistisch Eingestellten und glaube nicht, dass wir schon im Januar Lockerungen vornehmen können.“
Landrat Michael Geisler im Gespräch. „Ich gehöre eher zu den pessimistisch Eingestellten und glaube nicht, dass wir schon im Januar Lockerungen vornehmen können.“ © Daniel Förster

Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge handelte bei der ersten Corona-Welle im Frühjahr konsequent und der jüngste Lockdown wäre auch schneller gekommen, wenn es nach Ihnen gegangen wäre. Wieso steht der Landkreis nun bei der Corona-Ausbreitung in ganz Deutschland mit am schlechtesten da, Herr Geisler?

Die Frage wird mir ja in diesen Tagen oft gestellt. Ich hab darauf nicht die eine Antwort. Da kommt natürlich immer an vorderster Stelle die Frage der Grenznähe. In der Tschechischen Republik hat die Corona-Krise mindestens genauso gewütet wie jetzt in Sachsen und Deutschland. Man muss sicherlich in Betracht ziehen, dass der kleine Grenzverkehr eine wunderbare Durchmischung aller Virenkulturen bedeutet, die man sich vorstellen kann. Das sehe ich als eine der Hauptursachen an. Was auch interessant ist, ist die hohe Mobilität vor allem in der älteren Generation 50 plus. Schon im März fielen ganze Busse voller Einwohner des Landkreises auf, die etwa von der Biathlonweltmeisterschaft aus Italien und sonstigen Veranstaltungen zurückkamen. Und möglicherweise ist es ebenso ein Grund, dass es uns zwischen April und September zu gut gegangen ist, was vielleicht dazu verführt hat, etwas leichtsinnig zu sein.

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Also sind es nicht nur die Corona-Leugner, die unvorsichtig sind?

Sicherlich haben wir einen gewissen Anteil in der Bevölkerung, der Corona-Leugner oder Anhänger irgendwelcher Verschwörungstheorien ist. Aber ich wehre mich immer ein bisschen gegen solche Diskussionen: Bei euch hat die AfD 30 Prozent Zustimmung und deshalb habt ihr die hohen Infektionszahlen. Ich frage mich manchmal, ob solche Diskussionen auch noch vom Zaun gebrochen werden müssen. Ich denke, das ist so unnötig wie ein Kropf.

Was den kleinen Grenzverkehr angeht, der ist ja eine Weile eingestellt...

Ja, aber es wirkt nach. Wir haben auch jede Woche einmal Kontakt mit der Bundespolizei und der Landespolizei und wissen, dass die Grenze nach wie vor durchlässig ist. Aus tschechischen Skigebieten wird berichtet, dass dort Einwohner des Landkreises unterwegs sind - zumindest laut den Autokennzeichen.

Was kann der Landkreis zusätzlich tun, um Corona zu bekämpfen?

Wir hatten es uns vorgenommen, zum zweiten Mal in diesem Jahr alle Bewohner der Pflegeheime zu testen, und damit sind wir jetzt bis Weihnachten fertig geworden. Zusammen mit dem allgemeinen Betretungsverbot ist das eine maßvolle Maßnahme, zumal man Vater, Mutter, Opa und Oma mit einem aktuellen Test besuchen kann. Das wird dazu führen, dass die Heime sicherer werden. Wir können nicht ausschließen, dass es immer wieder zu Fällen kommt, auch zu Todesfällen, aber ich glaube, mit diesem Paket garantieren wir größtmögliche Sicherheit.

Aber das Infektionsgeschehen ist sehr diffus, nur ein Viertel bis ein Drittel der Infizierten lebt in einem Pflegeheim.

In der Tat ist die große Masse der Fälle nicht in den Heimen, sondern in der Mitte der Bevölkerung. Da kann man eben nur hoffen, dass die drastischen Maßnahmen wie der Lockdown Wirkung zeigen. Man muss dem Lockdown Zeit lassen, sich entfalten zu dürfen. An bestimmten Stellen sehe ich viel Ungeduld, es wird schon darüber gesprochen, ob wir nicht ganze Dörfer abschließen sollten. Lasst uns erst mal zehn, 14, 20 Tage abwarten und dann angucken, wie die Lage ist.

Die ersten mobilen Impfungen laufen an. Was denken Sie, wann sind Sie selbst dran mit der Impfung?

Ach das weiß ich nicht. Vermutlich nicht als Erster. Irgendwann im Januar oder Februar werden wir vielleicht auch dran sein als Mitarbeiter des Landratsamtes, aber nicht als Erste. Zunächst sind die 3.000 bis 3.500 Alten in den Heimen dran.

Was die wirtschaftlichen Folgen von Corona angeht, ist der Landkreis noch
halbwegs glimpflich davongekommen. Wie lautet Ihre Prognose für 2021?

Es kommt sicherlich darauf an, wie der Pandemieverlauf bei uns sein wird; ob es nötig sein wird, weiter einen harten Lockdown zu fahren und wie lange das andauert. Ich selbst rechne damit, dass wir irgendwann – je nach Witterung – im März oder April Lockerungen vornehmen können. Dann wird sich höchstwahrscheinlich, was die touristische Branche betrifft, das Gleiche wiederholen, was wir in diesem Jahr hatten: Wir werden bis in den Oktober hinein mehr oder weniger überflutet werden mit Touristen. Die große Frage ist, ob wir von der Infrastruktur her überhaupt in der Lage sind, das zu bewältigen. Es wird sicherlich Möglichkeiten geben, weitere Parkkapazitäten für Wohnmobile zu schaffen, aber die Branche muss auch in der Lage sein, all die Leute zu ernähren. Plötzlich wird da der Gaststättenplatz ein rarer Artikel.

Und die anderen Branchen?

Wie es im produzierenden Gewerbe aussieht, das hängt natürlich von anderen Dingen ab wie zum Beispiel Lieferketten. Wir haben hier meistens Zulieferer, und da kann es manchmal natürlich dazu kommen, dass außerplanmäßig das eine oder andere Unternehmen in Kurzarbeit geht. Das werden ähnliche Abläufe sein, wie wir sie 2020 hatten.

Sehen Sie tatsächlich keine Chancen für Lockerungen vor dem Frühjahr?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Es gibt zwei Lehrmeinungen: Die eine ist, dass der Lockdown eine Wirkung entfaltet und Mitte Januar die Zahlen zurückgehen. Die andere ist, dass wir nach den ganzen Weihnachts- und Silvesterfeiern trotz aller Vorkehrungen und Warnungen unser blaues Wunder erleben, die Zahlen steigen sprunghaft an. Ich gehöre eher zu den pessimistisch Eingestellten und glaube nicht, dass wir schon im Januar Lockerung vornehmen können. Ich gehöre zu der Gruppe, die sagt: Hoffentlich geht’s gut.

Viele Gemeinden im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge weisen – unabhängig von Corona – neue Wohn- und Gewerbeflächen aus. Ist das bedarfsgerecht?

Das entspricht natürlich dem Wunsch, die Einwohnerzahl möglichst stabil zu halten oder vielleicht auch den einen oder anderen neuen Einwohner dazuzugewinnen, vor allem junge Leute. Die Palette reicht von bedarfsgerechter Herangehensweise bis hin zu Dimensionierungen, die mit Sicherheit auch nicht genehmigt werden können.
Wenn man sich zum Beispiel die Stadt Dohna anschaut, gab es den Versuch, über die Regionalplanung große Flächen auszuweisen. Das wird man nicht zulassen, da sind die Aufsichtsbehörden hinterher. Es gibt aber auch die Idealvorstellung, leer stehende Gehöfte wiederzubeleben oder Lücken zu bebauen.

Wie sehen Sie die Pläne für Hirschbach bei Glashütte mit bis zu 32 neuen Ein- und Mehrfamilienhäusern?

Da ist der Ehrgeiz vielleicht größer, als die Realität ihn abbilden kann.

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