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Kenn’ ich den? Der Mensch hinter der Maske

Die Alltagsmasken zum Schutz vor Corona erschweren das Wiedererkennen selbst guter Freunde erheblich. Gute Nachrichten gibt es für besorgte Eltern.

Trauer, Wut oder Angst (v. l. n. r.): Forscher haben untersucht, wie gut Kinder diese Emotionen auch bei teilweise bedeckten Gesichtern richtig erkennen können.
Trauer, Wut oder Angst (v. l. n. r.): Forscher haben untersucht, wie gut Kinder diese Emotionen auch bei teilweise bedeckten Gesichtern richtig erkennen können. © Ashley Ruba/dpa

Von Anja Garms

Ist er es oder ist er es nicht? Unter einer Maske sind selbst gut bekannte Menschen manchmal nur schwer zu erkennen – um 15 Prozent sinkt die Wiedererkennungsfähigkeit im Vergleich zu einem maskenfreien Gesicht. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher nach entsprechenden Tests mit fast 500 Menschen. Das liege unter anderem daran, dass Beobachter das Gesicht nicht mehr als Ganzes wahrnehmen können, sondern es quasi Stück für Stück aus den sichtbaren Teilen zusammensetzen müssen. Die Forscher stellen ihre Untersuchung im Fachmagazin Scientific Reports vor.

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Gute Nachrichten hat ein zweites Forscherteam unterdessen für besorgte Eltern: Kinder erkennen die Gefühle eines Menschen auch, wenn dieser eine Maske trägt, berichten sie im Fachmagazin Plos One.

Ein mehrstufiger Prozess

Gesichter gehören zu den informativsten und bedeutendsten visuellen Reizen im Bereich der menschlichen Wahrnehmung, schreibt das Team um Erez Freud von der York University in Toronto (Kanada). Schon ein kurzer Blick auf das Gesicht reiche meist aus, um Identität, Geschlecht, Alter oder Gefühlszustand des Menschen zu erkennen. Frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Gesicht von einem Beobachter in der Regel als Ganzes erfasst wird und die Erkennung ein mehrstufiger Prozess ist. Im ersten Schritt wird das Gesicht als solches identifiziert: zwei Augen über Nase und Mund. Dann würden in weiteren Schritten die einzelnen Merkmale integriert und ihre speziellen Beziehungen zueinander erfasst.

Das Erkennen von maskentragenden Freunden oder Bekannten wird zur Herausforderung.
Das Erkennen von maskentragenden Freunden oder Bekannten wird zur Herausforderung. © Chicago Face Database (Ma et al., 2015)/dpa

Seit Beginn der Corona-Pandemie habe sich die Wahrnehmung von Gesichtern verändert, genauer, seit es in den meisten Ländern der Welt ein Maskengebot gibt, schreiben die Forscher weiter. „Für diejenigen unter Ihnen, die maskentragende Freunde oder Bekannte nicht gleich erkennen – Sie sind nicht allein“, sagt Studienleiter Tzvi Ganel von der Ben Gurion-Universität in Be’er Sheva (Israel). Um die Veränderungen genauer zu untersuchen, lud das Forscherteam knapp 500 Leute zu einem in der Wissenschaft etablierten Gesichtserkennungs-Test ein, dem Cambridge Face Memory Test.

Die Hälfte der Teilnehmer bekam Bilder von sechs ihnen unbekannten Menschen gezeigt. Nach einer „Kennenlernphase“ mussten sie die darauf gezeigten Menschen auf weiteren Aufnahmen wiedererkennen, teils aus anderen Blickwinkeln, unter schlechten Lichtbedingungen oder mit teilverpixelten Gesichtern. Die andere Hälfte der Teilnehmer machte den gleichen Test, nur dass die gezeigten Personen eine Maske trugen.

Ein ganzes Gesicht konstruieren

Die Teilnehmer der zweiten Gruppe waren beim Wiedererkennen der Gesichter im Schnitt 15 Prozent schlechter als die der ersten Gruppe, berichten die Wissenschaftler. Mit Maske werde das Gesicht nicht als Ganzes wahrgenommen, sondern müsse nach und nach zusammengesetzt werden, erläutern sie das Ergebnis. „Anstatt auf das ganze Gesicht zu schauen, sind wir gezwungen, Augen, Nase, Wangen und die anderen sichtbaren Regionen getrennt anzuschauen und ein ganzes Gesicht zu konstruieren – was wir sonst sofort machen.“

Experimentell untermauerten sie das mit einem weiteren Test, in dem sie den Teilnehmern beider Gruppen die Gesichter verkehrt herum zeigten. Dieser Test gilt gemeinhin als Beleg für die ganzheitliche Wahrnehmung von Gesichtern – die nämlich mit Über-Kopf-Bildern nicht mehr funktioniert. Es zeigte sich dann auch erwartungsgemäß, dass Teilnehmern beider Gruppen das Wiedererkennen schwerer fiel – allerdings war der Leistungsabfall in der Gruppe mit den maskierten Gesichtern geringer. Die Maske an sich beeinträchtigte die ganzheitliche Wahrnehmung bereits so, dass ein Auf-den-Kopf-Drehen sich nicht weiter störend auswirkte, interpretieren die Wissenschaftler.

„Angesichts der Tatsache, dass das Tragen von Masken in Ländern rund um den Globus schnell zu einer Regel geworden ist, sollten die sozialen und psychologischen Auswirkungen des Maskentragens auf das menschliche Verhalten weiter untersucht werden“, sagt Ganel. Vermutlich sei die wirkliche Verschlechterung beim Erkennen maskierter Gesichter deutlich stärker als in der Studie gezeigt.

Kinder können sich anpassen

Sorgen, dass Kinder durch das Maskentragen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden, weil sie die Gefühle ihres Gegenübers nicht mehr erkennen können, trieben viele Erwachsene um, beschreibt Ashley Ruba von der University of Wisconsin-Madison den Ausgangspunkt für ihre Untersuchung. Um darüber mehr zu erfahren, zeigte das Team um die Forscherin 80 Kindern zwischen 7 und 13 Jahren Fotos von Gesichtern, die sechs unterschiedliche Gefühle zeigten, etwa Wut, Trauer oder Angst. Ein Teil der abgebildeten Personen trug eine Maske oder eine Sonnenbrille.

Bei unbedeckten Gesichtern lagen die Kinder in 66 Prozent der Fälle richtig mit der Interpretation der gezeigten Gefühle – das ist deutlich über dem Zufallswert von etwa 17 Prozent. Mit Maske nahm die Fähigkeit ab: Trauer erkannten die Kinder in 28 Prozent der Fälle korrekt, Wut in 27 Prozent und Angst in 18 Prozent.

„Wenig überraschend war es schwieriger, wenn Teile der Gesichter bedeckt waren. Aber selbst mit einer Maske, die Nase und Mund bedeckte, konnten die Kinder die Emotionen besser als durch Zufall erkennen“, sagt Ruba. Emotionen würden zudem nicht nur über das Gesicht, sondern auch durch Gesten oder die Körperhaltung transportiert.

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„Ich hoffe, das beruhigt einige Nerven“ sagt Ruba. „Kinder sind sehr belastbar. Sie können sich an die Informationen anpassen, die sie erhalten, und es sieht nicht so aus, als würde das Tragen von Masken in diesem Fall ihre Entwicklung verlangsamen.“ (dpa)

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