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Was Familien aus dem Teufelskreis führt

Eltern sind überfordert, Kinder merken es, die Probleme nehmen zu in Corona-Zeiten. Die Familienberaterin kann sie auch nicht lösen, hat aber einen Rat.

Julia Ziereisen kommt manchmal auch beim Spielen mit den Familien und Kindern ins Gespräch, deren Probleme grad immer mehr werden.
Julia Ziereisen kommt manchmal auch beim Spielen mit den Familien und Kindern ins Gespräch, deren Probleme grad immer mehr werden. © Karl-Ludwig Oberthür

Eltern und Kinder stoßen immer öfter an ihre Grenzen. Beide sind unzufrieden, haben schlechte Laune, geraten aneinander. Oft geht es um scheinbare Kleinigkeiten. Doch diese Kleinigkeiten türmen sich zu einem nicht mehr beherrschbaren Berg von Problemen auf. In dieser Situation Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen, ist kein Makel, sagt Julia Ziereisen. Sie ist Sozialarbeiterin und Mitarbeiterin des kreisweit aktiven Deutschen Kinderschutzbundes mit Sitz in Dippoldiswalde. Wie sie die Konflikte sieht, warum sie größere werden und was sie Eltern und Kindern rät.

Wie haben sich die Eltern und Familien, die Sie betreuen, in den vergangenen Wochen und Monaten verändert, Frau Ziereisen?

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Viele Eltern sind überfordert. Bei denen, die es vorher schon waren, ist es am schlimmsten. Ihnen wird verstärkt bewusst, dass sie überfordert sind. Das beginnt bei den Hausaufgaben der Kinder, deren Stoff sie nicht beherrschen, es sind technische Fragen, wie wo bekomme ich eine Druckerpatrone her, wenn ich überhaupt einen Drucker habe für all die Schulmaterialien und wie jeden Tag ein warmes Essen für die Kinder auf den Tisch bringen. Das kann für Familien, für die der Staat das Mittagessen der Kinder in Schule und Kita ein großes Problem werden. Aber auch andere merken, wie es nervt, wenn man den ganzen Tag aufeinandersitzt. Da kommt schnell eines zum anderen.

Alle Familienmitglieder sind ja plötzlich in neue, fremde Rollen gedrängt. Sie müssen Lehrer, Koch, Animateur, Trainer und was nicht noch alles sein. Und da kommen sie so schnell auch nicht raus ...

Und damit überlagern sich auch die Probleme. Die Eltern sind überfordert, das merken die Kinder. Da muss man aufpassen, nicht in einen Teufelskreis zu kommen.

Und wie können das die Familien verhindern?

Einerseits durch feste Strukturen im Alltag, andererseits über das Reden miteinander. Zu den Strukturen gehört eben das Aufstehen morgens, das gemeinsame Essen. Reden zum Beispiel auch über den Medienkonsum der vor allem älteren Kinder. Wir stellen fest, dass der enorm steigt. Wir hätten das als Kinder oder Jugendliche wohl genauso gemacht, wenn wir allein zu Hause wären. Doch das später wieder in den Griff zu bekommen, ist schwerer, als jetzt Grenzen zu ziehen. Sich dafür zu interessieren, was das Kind spielt, zeigt ihm ja auch, dass den Eltern wichtig ist, was es den ganzen Tag macht, wenn sie selbst arbeiten gehen.

Arbeiten ist ein Stichwort. Die Einen arbeiten zu Hause, die anderen, weil Homeoffice für sie nicht geht, nicht. Und in beiden Fällen setzt es die Familien unter Druck. Wie kann da eine Balance gefunden werden?

Die Strukturen sind wie gesagt sehr wichtig. Sie sind für alle ein Anker, eine Beständigkeit in der Zeit so vieler Unbeständigkeit. Eltern hilft es, zu akzeptieren, dass sie jetzt nicht überall 100 Prozent leisten können, also auf Arbeit, als Koch, als Lehrer und in der Familie. Es ist verständlich, dass sie sich unzureichend fühlen. Und das eben nun schon so lange Zeit und noch weiter für eine noch immer nicht absehbare Zeit.

Es wird viel darüber geredet, wie es Kindern mit dieser Situation geht. Wie schätzen Sie sie ein?

Während Eltern häufiger klagen, leben Kinder mehr im Hier und Jetzt. Aber auch ihnen fehlt vieles, ohne dass es sie oft so formulieren und einfordern. Es geht viel verloren, das steht fest. Kinder bis etwa zwölf Jahre lernen zum Beispiel noch vor allem für andere, also für die Lehrer, für die Eltern. Wenn diese Bezüge fehlen, fehlt eine wichtige Motivation. Motivationen sind ganz entscheidend, das merken ja auch wir Erwachsenen. Und wieder sind da die Eltern gefordert, die auch selbst Hilfe brauchen.

Probleme, die sich dann auch mit noch so guten Worten nicht wegreden lassen ...

Das ist richtig. Zumindest bei den schulischen Problemen sehe ich die Lehrer in der Verantwortung. Eltern sollten sie dann einfach anrufen, sagen, dass sie keine Lehrer sind und diese bitten, die Aufgabe den Kindern noch einmal zu erklären. Prinzipiell empfehle ich, sich Hilfe zu suchen, bevor die Situation eskaliert. Zum Beispiel auch bei Schulsozialarbeitern oder den zahlreichen Beratungsstellen. Die massiv zunehmenden Meldungen von eskalierten Problemen beim Jugendamt sind ein deutliches Signal.

Eine Liste mit Beratungs- und Hilfsmöglichkeiten gibt es auf der Internetseite des Landratsamtes.

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