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"Kinder sind die größten Opfer der Pandemie"

Versagensängste, Einsamkeit, Lethargie - Schüler leiden massiv unter dem Lockdown, sagt eine Psychologin. Ein Beispiel aus dem Landkreis Bautzen.

Kinder und Jugendliche im Landkreis Bautzen leiden in der Pandemie zunehmend unter Versagensängsten und schämen sich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sagen Experten.
Kinder und Jugendliche im Landkreis Bautzen leiden in der Pandemie zunehmend unter Versagensängsten und schämen sich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sagen Experten. © Symbolfoto: dpa

Bautzen. Elf Wochen war Nathalie Rämsch* in diesem Schuljahr bisher in der Schule. Die Jugendliche besucht die neunte Klasse einer Oberschule im Kreis Bautzen, wollte eigentlich nach diesem Schuljahr ans Gymnasium wechseln, danach Kindergärtnerin werden, gegebenenfalls mit ihrem Abitur anschließend an die Uni gehen - und sich so den Weg frei machen für eine Karriere - zum Beispiel als Leiterin einer Betreuungseinrichtung. Träume, die die Corona-Pandemie zum Platzen brachte.

Es braucht einige Anläufe, bis Nathalie offen über ihre Erfahrungen, ihre Gefühle und Ängste im Zusammenhang mit diesem verkorksten Schuljahr redet. Denn über allem schwebt die Scham. Sie will für Lehrer und Mitschüler nicht erkennbar sein. Will nicht bei potenziellen Lehr- und Arbeitgebern als psychisch schwach gelten. Will sich ihre Zukunft nicht verbauen - wenigstens nicht gänzlich. Um Nathalie zu schützen, wurde ihr Name für diesen Beitrag geändert; sämtliche Hinweise auf ihre Identität getilgt.

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Schlechten Noten folgen Schlafstörungen

Und dann, als all das geklärt ist, beginnt sie zu sprechen. Davon, dass sie sich im März vergangenen Jahres, als die erste Corona-Welle über Deutschland hereinbrach, ein bisschen gefreut hat, dass die Schule ausfiel. Sie erzählt von Stapeln von Arbeitsblättern, die auf dieses erste Frohlocken folgten - viel und umfangreich sei gewesen, was von ihr verlangt wurde. Sie berichtet, wie sie sich verändert hat, in Lethargie verfiel, nicht mehr rausging, die Einsamkeit immer größer wurde und ihr Notendurchschnitt sich stetig von 1,5 auf 2,3 verschlechterte.

Massiv wurden ihre Probleme mit Beginn des zweiten Lockdowns und den neuerlichen Schulschließungen im November: "Ich habe nicht eine Nacht mehr durchgeschlafen, hatte keine Lust mehr, mich um meine Schulaufgaben zu kümmern", sagt sie. Ihr Anker war in diesem Moment der elterliche Rückhalt: "Meine Mutti hat einen Gedanken geäußert, auf den ich selbst vielleicht gar nicht gekommen wäre", sagt Nathalie und meint: Die Suche nach professioneller Hilfe.

Aber auch das ist schwierig. Ende Januar meldete sie sich mit ihrer Bitte um Hilfe bei einem Psychologen, ruft seither regelmäßig an, um ihrem Willen nach professioneller Hilfe Nachdruck zu verleihen. Die Plätze sind knapp. Nathalie steht nach drei Monaten Wartezeit auf Platz zwei der Anwärterliste und sagt: "Ich warte ständig auf den Anruf, dass es jetzt losgeht. Dadurch wächst meine Anspannung noch mehr." - Sollte sich eine Neuntklässlerin solch schwere Gedanken machen müssen?

Heranwachsende werden ihrer Jugend beraubt

"Viele Kinder und Heranwachsende leiden gerade massiv darunter, dass es in der derzeitigen Situation nicht so richtig Hoffnung gibt", sagt die Psychologin Astrid Waldmann, die bei der Bischofswerdaer Erziehungs- und Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt tätig ist. Sie hat in der zweiten Corona-Welle einen Anstieg der Verhaltensauffälligkeiten bei jungen Menschen bemerkt und sagt: "Die Kinder sind die größten Opfer der Pandemie." Weil sie nicht nur der Chance beraubt werden, im direkten Gegenüber mit Lehrern zu lernen, sondern auch, weil ihnen die Möglichkeit zur Gemeinschaft fehlt: "Abschlussfahrten, Wandertage, die Treffen mit Freunden - jede Form von Gemeinschaft außerhalb der Familie wird diesen Heranwachsenden genommen. Sie werden ihrer Jugend beraubt", sagt Astrid Waldmann.

Welche Folgen das hat, merken auch die Schulsozialarbeiter. Sandra Schwarze ist für den Neukircher Verein Valtenbergwichtel an der Gerhart-Hauptmann-Oberschule in Sohland in dieser Funktion tätig. Elisabeth Herold geht der Tätigkeit an der Polenz-Oberschule in Cunewalde nach. Beide berichten unisono: Zukunftsängste, wegbrechende Motivation und Ziellosigkeit bis hin zur Apathie seien Phänomene, die sie bei einigen ihrer Schützlinge bemerken. Eine Umfrage, die die Valtenbergwichtel an den Schulen durchgeführt haben, untermauert das.

Was alle drei Frauen mit ihren Aussagen nicht erreichen wollen: Die Corona-Maßnahmen infrage stellen. Schließlich - und das gehört zur Wahrheit dazu - müsste man bei einer solchen Diskussion auch über die psychischen Folgen reden, die an Long-Covid erkrankte Kinder und Jugendliche zu erwarten haben. Deren Anteil unter den Erkrankten wächst trotz der Schulschließungen.

Hilfsangebote werden nicht angenommen

Es geht ihnen vielmehr darum, ihr Hilfsangebot zu untermauern: "Der Bedarf an Unterstützung ist zu spüren, aber die Jugendlichen kommen nicht", sagt Elisabeth Herold. "Ich wünsche mir, dass jene, die das Gefühl haben, Hilfe zu brauchen, sich melden", pflichtet Sandra Schwarze ihrer Kollegin bei.

Beide Frauen haben ein Problem bemerkt, das es in der ersten Welle noch nicht gab: "Während des ersten Lockdowns waren die Jugendlichen dankbar für unsere Online-Angebote. Jetzt erreichen wir sie darüber schon nicht mehr", sagt Elisabeth Herold.

*Name von der Redaktion geändert.

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