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Kindern hilft in der Corona-Krise Großzügigkeit

Bei Eltern wie Kindern liegen die Nerven jetzt oft blank. Der Dresdner Kinderpsychiater Veit Rößner über Motivation, Unterstützung und Sanktionen.

Auch mal wieder unbeschwert Kind sein dürfen: Eltern sollten im Homeschooling nicht zu drastisch sanktionieren.
Auch mal wieder unbeschwert Kind sein dürfen: Eltern sollten im Homeschooling nicht zu drastisch sanktionieren. © Patrick Pleul/dpa

Seit Kitas und Schulen vor Weihnachten wieder geschlossen wurden, fühlt sich jeder neue Tag für viele Kinder und Eltern an, als grüße das sprichwörtliche Murmeltier. Der immer gleiche eintönige Ablauf bringt selbst die Geduldigsten an ihre Grenzen. Dass nun über eine weitere Verschärfung der Lockdown-Regeln diskutiert wird und eine Öffnung der Kindereinrichtungen noch weiter in die Ferne rückt, macht es Eltern immer schwerer, ihre Kinder bei Laune zu halten. Kinder- und Jugendlichenpsychiater Professor Dr. Veit Rößner aus Dresden kennt die Probleme – sowohl dienstlich, als auch privat. Auch seine Kinder sind im Homeschooling. Im SZ-Gespräch erklärt er, was Eltern jetzt noch tun können.

Herr Rößner, Familien sind weiter auf sich selbst gestellt. Worin sehen Sie jetzt die größten Herausforderungen?

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Durch die Eintönigkeit, die fehlenden Kontakte zu Gleichaltrigen ist das Fass nun auch bei gesunden Kindern und Jugendlichen voll. Die größte Herausforderung liegt jetzt darin, den Alltag so zu gestalten, dass positive Änderungen erzielt werden.

Woran denken Sie da in Bezug auf die Schule?

Das Struktur- und Taktgebende einer Schule zu Hause hinzubekommen, ist sehr schwierig. Die Kinder wie ein Lehrer zu motivieren, aber auch zu kontrollieren – darin sehe ich das Hauptproblem. Eltern sollten versuchen, das zu Hause zu etablieren. Ich glaube, viele sehen diese Zeit eher wie eine Art Ferien und lassen die Kinder zum großen Teil machen, was sie wollen. Aber das ist nicht gut. Kinder brauchen eine klare Struktur und klare Regeln. Eltern müssen dafür sorgen, auch wenn es anstrengend ist.

Ein Problem bei vielen ist die Lernmotivation. Wie lässt sie sich erhalten?

Man muss zu Hause ein bisschen Schule spielen und die Erfolge dem Kind rückmelden. Eltern sollten der Leistung eine Bedeutung beimessen und können versuchen, den Kindern beizubringen, dass sie auf etwas Geschafftes stolz sein können. Man kann versuchen zu sagen: Wir nehmen uns die Zeit und schauen nach der Arbeit, was du geschafft hast, wo du Fragen hast. Man kann auch ein Punktebelohnungssystem entwickeln.

Und ab einer bestimmten Punktzahl gibt es eine Überraschung?

Ja, man kann zum Beispiel mit Gutscheinen belohnen, vielleicht auch mal mit Geld. So haben die Kinder erstens eine Selbstwirksamkeit. Sie haben etwas geschafft. Zweitens haben sie die Zeit sinnvoll rumgebracht und können Stolz sein auf das Ergebnis. Aber das kostet viel Disziplin und Struktur von den Eltern.

Die Winterferien sind gesplittet worden. Viele Schüler empört das. Wie können Eltern sie beruhigen?

Es ist nachvollziehbar, dass viele enttäuscht sind, sie hatten sich auf Veränderung gefreut. Man kann versuchen, die Enttäuschung in eine neue Motivation und Belohnung umzumünzen. Es ist doch nicht schlecht, wenn man Ferien erst dann hat oder den Urlaub erst nehmen kann, wenn wieder mehr erlaubt ist. Denn sonst würde man ja noch mehr zu Hause rumsitzen. Es hilft, die Kinder zu informieren, warum die Ferien gesplittet wurden. Und eine neue Belohnung in Aussicht zu stellen: Im Sommer machen wir dafür etwas besonders Schönes. Man kann ihnen auch vor Augen halten, dass sie schulisch momentan nicht den maximalen Anforderungen ausgesetzt sind, aus denen es einen berechtigten Anspruch auf Ferien gebe.

"Kinder brauchen eine klare Struktur und klare Regeln. Eltern müssen dafür sorgen, auch wenn es anstrengend ist."
"Kinder brauchen eine klare Struktur und klare Regeln. Eltern müssen dafür sorgen, auch wenn es anstrengend ist." © Ulrich Perrey/dpa

Das würden Sie Ihren Kindern wirklich sagen?

Das kommt auf das Alter an. Aber, ja, so etwas kann man ihnen sagen. Sie würden zwar auch erst einmal herummosern. Aber bei den meisten würde es doch im Gehirn hängen bleiben.

Wie können Eltern ihre Kinder jetzt noch unterstützen?

Kinder haben die Möglichkeit, durch Fantasie und Lenkung von außen in einer Krise auch etwas Positives zu sehen. Sie suchen sich Aufgaben auch selbst, meist ganz fantasievolle. Darin kann man sie unterstützen. Eltern können Anleitungen geben, Pläne mit ihnen entwickeln, neue Materialien bestellen oder noch etwas dazu kaufen. Sie können sie darin unterstützen, an einem Thema dranzubleiben und an verschiedenen Stellen Hilfe gewähren. Das können Projekte sein wie mit Bausteinen etwas Tolles zu bauen, oder eine Modelleisenbahn. Das ist variabler als zum fünften Mal den gleichen Film zu schauen oder das gleiche Buch vorzulesen. Da lässt sich noch ein bisschen was reißen. Aber trotzdem wird es schwierig, dass das Kind die Idee auch längerfristig gut findet und bei der Sache bleibt.

Hilft den Älteren zum Beispiel ein Tagebuch?

Absolut! Selbstreflexion ist ab einem gewissen Alter das A und O. Etwa ab acht, neun Jahren können Kinder für sich schon einen Wert daraus ziehen. Es reicht aber nicht, das Tagebuch zu kaufen und hinzulegen. Es braucht eine Anleitung und ein bisschen Motivation.

Die Kontaktbegrenzung fällt besonders den Jugendlichen schwer.

Wir haben da ein großes Problem mit der Authentizität. Zwar versucht man, die Regeln nach bestimmten Kriterien zu erklären, aber es gibt viele Fragezeichen, auch bei den Erwachsenen. Dazu machen es widersprüchliche Informationen noch schwieriger für Jugendliche, die Regeln anzuerkennen. Das zweite Problem haben wir mit der Frage, was sanktioniert wird und was Kinder und Jugendliche davon mitbekommen.

Wie können Eltern trotzdem verhindern, dass sie sich auf illegalen Coronapartys treffen, ohne dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kind einen Schaden nimmt?

Man kann Jugendliche über die Folgen im eigenen Umfeld aufklären. Dass es nicht darum geht, zwei Tage Fieber zu haben, sondern dass viele ein geliebtes Familienmitglied verloren haben, weil es zu einer Ansteckung kam. Man kann da schon eine fast erwachsene Diskussion führen und darin an die Vernunft appellieren. Ich glaube, wenn man jetzt in der Situation auch noch anfängt, zu Hause drastische Sanktionen durchzusetzen, hat man verloren. Die Familien sind sehr auf sich fokussiert. Das würde niemand schaffen.

Also sind Kompromisse, miteinander zu reden und Fakten zu besprechen das Mittel der Wahl?

Ja, Eltern sollten über die Realität sprechen. Es ist wichtig, fassbare Beispiele zu benennen, damit die Opfer der Krankheit ein Gesicht bekommen. Also: Herr X oder Frau Y haben jene Spätfolgen oder sind sogar gestorben. Das macht es plastischer als zu hören, dass es heute 1.000 Tote gab.

Die Kontaktbegrenzung fällt besonders Jugendlichen schwer.
Die Kontaktbegrenzung fällt besonders Jugendlichen schwer. ©  Pixabay (Symbolfoto)

Trotzdem muss das Rebellieren in der Pubertät ja sein. Welche Freiräume können Eltern denn ermöglichen?

Mich freut, dass Jugendliche nun mehr Zeit draußen verbringen. Dort ist das Infektionsrisiko deutlich geringer. Die Regel, sich mit einer Person aus einem anderen Haushalt zu treffen, kann man auch für einen längeren Zeitraum anwenden. So könnten Jugendliche beieinander übernachten oder sich statt zwei Stunden auch mal etwas länger treffen. Sie könnten zusammen auch etwas machen, was vorher nicht möglich war. Eltern könnten sie dabei unterstützen, indem sie zum Beispiel anbieten, ausnahmsweise den Beamer zu nehmen oder auf dem Dachboden zu übernachten – auch wenn sie das sonst nicht sollen.

Warum sollten sie über ihren eigenen Schatten springen?

Damit es etwas Abwechslung gibt und die Kinder sehen: Meine Eltern haben den Ernst erkannt, tun etwas und beharren nicht nur auf den Regeln, völlig egal, wie es mir dabei geht.

Sie leiten die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden. Müssen Sie seit dem ersten Lockdown mehr Kinder mit Angststörungen behandeln?

Erstaunlicherweise sehen wir nicht mehr Waschzwänge oder Ansteckungsängste. Wir merken aber, dass die Folgen der Pandemie und familiäre Konflikte eher zu einer Verschärfung der Probleme führen, egal, welche das sind. Eltern nehmen mehr Probleme wahr, weil sie ständig mit ihren Kindern zusammen sind. Sie sagen verstärkt: „Es geht so nicht mehr weiter, ich halte das jeden Tag so nicht mehr aus.“ Die negativen Folgen, bis hin zu Handgreiflichkeiten oder übermäßigem Alkoholkonsum der Eltern, nehmen zu.

Was hilft da? Reden, reden, reden?

(Lacht.) Ein Zuviel oder ein Zuwenig ist schlecht, und was das richtige Maß ist, hängt vom Einzelfall und der Stimmung ab. Aber es ist besser, einmal zu oft bei uns nachzufragen oder sich einen Platz zu sichern, als einmal zu wenig. Schade ist, dass andere Systeme sich mehr zurückgezogen haben, als es sinnvoll und notwendig wäre. Dass Schule zum Beispiel weniger Struktur anbietet, als möglich wäre. Lehrer sagen beispielsweise : „Ich habe euch etwas hochgeladen, macht das mal selber oder meldet euch, wenn ihr Fragen habt.“ Aber das aktive In-Kontakt-Treten mit Kindern und Jugendlichen sowohl von Schule als auch von Jugendamt oder Jugendhilfe ist weniger geworden. Sie bieten das für unseren Geschmack eher nur oder zu lose an. Aber wenn Kinder ihre Struktur und Rituale haben, fühlen sie sich wohl mit ihrem geregelten Ablauf. Nun ist alles viel mehr auf das individuelle Familiensystem angewiesen. Und all die Anknüpfungspunkte, die ein Jugendlicher von sich aus sucht, wie Sportverein, Fahrgemeinschaft im Bus, fallen weg und werden nicht ersetzt.

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Das Gespräch führte Susanne Plecher

Psychologische Hilfe:

Schulpsychologen helfen per Telefon oder E-Mail weiterhin bei schulischen Problemen. Das Landesamt für Schule und Bildung vermittelt bei Bedarf: Standort Bautzen, Tel. 03591 621 138; Standort Chemnitz, 0371 5366 441; Standort Dresden, 0351 8439 124; Standort Zwickau; 0375 4444 104

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