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Wie viel Corona verkraften die Kinder?

Es ist alles anders. Das merken auch die Kleinsten. Wie sie damit klarkommen und es verstehen, das liegt an den Erwachsenen.

Die Corona-Puppen: Mit denen erklärt Julia Ziereisen Kindern, was derzeit passiert, so dass sie es verstehen können.
Die Corona-Puppen: Mit denen erklärt Julia Ziereisen Kindern, was derzeit passiert, so dass sie es verstehen können. © DKSB

Kindergarten und Schule mal auf, mal zu, plötzlich ist die ganze Familie immer zu Hause und die Freunde sind weit weg: Auf Kinder stürmt so viel Neues, Ungewohntes ein. Wie sie es verkraften, hängt von uns Erwachsenen ab. Eine Herausforderung für jeden - und für den Deutschen Kinderschutzbund.

Julia Ziereisen ist Sozialarbeiterin und Mitarbeiterin des kreisweiten Vereins mit Sitz in Dippoldiswalde. Sie beschäftigt sich landkreisweit speziell dem Kinder- und Jugendschutz und der sozialpädagogischen Familienhilfe und sagt im Gespräch mit sächsische.de, wie Kinder mit der aktuellen Situation umgehen, was ihnen guttut und was wir Erwachsenen tun können und vermeiden sollten.

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Sozialarbeiterin Julia Ziereisen befasst sich beim Deutschen Kinderschutzbund mit der Hilfe für Familien und bietet auch aktuelle Corona-Projekte in Kitas an.
Sozialarbeiterin Julia Ziereisen befasst sich beim Deutschen Kinderschutzbund mit der Hilfe für Familien und bietet auch aktuelle Corona-Projekte in Kitas an. © Foto: DKSB

Wie erklären wir Kindern Corona, Frau Ziereisen?

Vor allem kindgerecht, also spielerisch. Wir hatten jetzt ein Projekt in einem Kindergarten. Da haben wir mit Puppen gespielt, um zu zeigen, wie das Virus übertragen wird. Und wir hatten eine Schatzkiste mit allem, was man machen kann, also Hände waschen, Abstand halten, lüften, sich richtig ernähren. Das verstehen die Kinder und es nimmt ihnen die Angst.

Welche Ängste haben Kinder im Zusammenhang mit Corona vor allem?

Dass sie selbst oder jemand aus der Familie krank wird, dass die Großeltern sterben, dass es niemals vorbei ist. Auch die Freunde nicht treffen zu können, viel allein und zu Hause zu sein.

Diese Ängste haben auch die Erwachsenen, die Eltern ...

Ja, aber die Eltern haben auch eine Verantwortung ihren Kindern gegenüber, sie nicht mit etwas zu belasten, was sie nicht verstehen, nicht tragen können.

Sie plädieren also dafür, den Kindern nicht zu sagen, was aktuell passiert?

Nicht so, dass die Kinder die Informationen nicht verarbeiten können und sie sie belasten. Eltern sollten Sorge tragen, welche Nachrichten die Kinder hören und sehen, was die Eltern vor ihren Kindern erzählen. Bei Alleinerziehenden werden die Kinder manchmal zum Ersatzpartner, mit dem man alles bespricht. Das können die Kinder nicht leisten. Die Eltern machen das nicht bewusst, doch sie sollten ihren Kindern gegenüber auch da besonders achtsam sein.

Wie viel Wahrheit vertragen die Kinder jetzt?

Es ist die Frage: Was bringt es den Kindern und was können sie verstehen? Natürlich merken sie, dass etwas anders ist. Das kann man ihnen mit selbstgebastelten Viren erklären. Aber so, dass es ihnen nicht Angst macht, sondern Halt und Orientierung gibt. Eltern und Erwachsene sollten das Positive deutlich machen. Wir haben uns, wir sind gesund, wir schaffen das.

Wenn die Eltern bzw. Erwachsenen aber selbst nicht positiv denken?

Noch einmal: Die Eltern haben eine Verantwortung für ihre Kinder. Wenn sie stattdessen denken, das Internet weiß alles, und sie das ungefiltert weitergeben, nutzt das weder ihnen noch ihren Kindern. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen.

Die Ängste der Kinder, ihr Leiden in der Corona-Zeit, werden auch im politischen Kampf von den Maßnahmen-Kritikern ins Feld geführt. Welche Auswirkungen hat das?

Nur so viel, die Kinder leiden aktuell nicht. Als Eltern sollten wir vorsichtig mit solchen Aktionen sein und eher loyal, vor allem unseren Kindern gegenüber. Teddys vor dem Rathaus zum Beispiel, das bringt Kinder in Konflikte, die sie nicht lösen können. Sie für politische Aussagen zu benutzen, zu instrumentalisieren, ist Manipulation. Und wieder: Die Eltern haben eine Verantwortung für ihre Kinder, die bis in diesen Bereich reicht.

Die Kitas und Schulen sollen solange es geht offen bleiben, dennoch gibt es immer wieder Einrichtungen, die schließen müssen. Was macht das mit den Kindern?

Für sie sind der Kindergarten, die Schule ganz wichtig. Das wurde auch erkannt. Und es erinnert die Kinder an die schwierige Zeit im Frühjahr, wenn diese Strukturen wieder wegfallen. Natürlich, rausgehen kann man immer. Dieses Gefühl des Eingesperrt-Seins ist für Familien eine schwierige Situation. Jeder ist genervt, das färbt aufeinander ab. Was besonders bedrückt, ist, dass es nicht absehbar ist, wie lange es dauert. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten, die Situation zu entspannen. Wichtig sind gute Strukturen und das Bewusstmachen, es gibt viel, viel Schlimmeres.

Was verstehen Sie unter guten Strukturen in der Familie?

Rituale, Zeiten einhalten, also morgens aufstehen, sich anziehen. Und ganz viel Zuwendung, Zeit, die ganz und gar den Kindern gehört. Dann gehört auch das Telefon weggelegt. Kinder schätzen das und können sich dann auch wieder selbst beschäftigen. Dann kann man ihnen zum Beispiel den Wecker stellen und erklären, dass man jetzt arbeiten muss, bis der Wecker wieder klingelt. Gute Vereinbarungen und ein gutes Gleichgewicht, klare Rhythmen und klare Ansagen. Das alles verstehen die Kinder und hilft den Kindern.

Die Wunschzettel der Kinder sehen dieses Jahr etwas anders aus.
Die Wunschzettel der Kinder sehen dieses Jahr etwas anders aus. © dpa

Nun steht Weihnachten bevor und die Kinder merken, dass es zum Beispiel nicht auf den Weihnachtsmarkt geht ...

Natürlich merken die Kinder das, aber sie vermissen es weniger, als wir Erwachsenen denken. Was nehmen die Kinder denn von so einem Weihnachtsmarktbesuch wahr? Viele Beine von Erwachsenen, von den Buden haben sie kaum etwas. Höchstens das Kinderkarussell. Jetzt ist die Gelegenheit für Rituale in Familie. Schmücken, backen, lichteln, singen, basteln. Das wissen Kinder viel mehr zu schätzen und erinnern sich daran. Wenn die Erwachsenen mal wieder das Kind in sich rauslassen, tut das Kindern und Eltern gut.

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