merken
PLUS Pirna

Corona: Mehr Kinder in Gefahr

Familien unter Druck. Die Folge: Öfter müssen Kinder zu ihrem Schutz anderswo leben. Wer entscheidet das, wann kommen sie zurück und was bedeutet es.

Vater, Mutter, Kinder: Nicht immer läuft alles so harmonisch. Was, wenn es Kindern in ihrer Familie nicht gut geht und sie sie für eine Weile verlassen müssen?
Vater, Mutter, Kinder: Nicht immer läuft alles so harmonisch. Was, wenn es Kindern in ihrer Familie nicht gut geht und sie sie für eine Weile verlassen müssen? © Felix Kästle/dpa

Die Zahlen sind deutlich, doch was sagen sie, außer dass mehr Kinder in Gefahr sind? Im ersten Corona-Jahr 2020 wurde im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 779-mal eine Gefährdung des Kindswohls festgestellt. 81-mal mehr als im Vorjahr. Diese Gefährdungen werden in akute und latente Fälle unterschieden. Wobei letztere stärker gestiegen sind als die akuten. Dem gegenüber sind die Inobhutnahmen, also die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen außerhalb ihrer Familien, gesunken. Voriges Jahr erfolgte das 94-mal, im Jahr davor 18-mal mehr.

Noch tut sich Jugendamtsleiter Maximilian Hering schwer, die Ursache für den Anstieg nur in Corona zu sehen. So gab es zwar im ersten Lockdown 2020 einen deutlichen Anstieg, danach aber wieder ein Sinken, während die Fälle jetzt wieder zunehmen. Auch eine wachsende Sensibilisierung könnte Grund für mehr Meldungen sein. Was aber steckt hinter jeder Zahl, was passiert mit den Kindern, wann kommt ein Kind in ein Heim, wann springt eine Pflegefamilie ein und was kann jeder als Nachbar, Bekannter, Freund tun? Sächsische.de fasst die wichtigsten Informationen zusammen.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Wie gefährdet sind die Kinder und Jugendlichen in Corona-Zeiten?

Die Familien stehen unter enormem Druck und Stress. Neben der Schule zu Hause fehlt durch lange Kurzarbeit Geld, dazu keine Freizeitmöglichkeiten, die Familien ja auch entlasten. Das alles verstärkt die schon vorher bestehenden Probleme. Schwankungen in den Zahlen der Fälle gebe es immer. Deshalb will Jugendamtsleiter Hering die Steigerung 2020 gegenüber 2019 noch nicht nur allein auf Corona zurückführen. Eindeutige Aussagen seien erst nach mehreren Vergleichsjahren möglich. "Aber wir merken bereits jetzt, wie herausfordernd die Zeit für Familien ist", sagt er.

Wer kann dem Landratsamt melden, wenn er vermutet, es geht einem Kind nicht gut?

Jeder. Der Nachbar, die Schule, der Kindergarten, Jugendhäuser, Ärzte, Verwandte. Das kann telefonisch oder online erfolgen, auch anonym. Es gab auch schon Kinder bzw. Jugendliche, die sich selbst im Heim meldeten. Außerdem kann auch die Polizei Kinder in Obhut nehmen. Das Landratsamt geht davon aus, mehr Information führt dazu, dass aufmerksamer geschaut wird und entsprechende Meldungen erfolgen.

Wenn die Meldungen anonym erfolgen können, besteht die Gefahr, dass jemand jemanden anschwärzen will, sich an ihm rächen, ihm eins auswischen will. Wie wird verhindert, dass das passiert?

Bevor das Jugendamt, egal wie, einschreitet, prüft es jede Meldung. Es gibt immer ein Vier-Augen-Prinzip. Die betroffenen Eltern werden eingeladen, man telefoniert, holt weitere Informationen ein, besucht die Familie zu Hause. In jedem Fall werden die Eltern bzw. Sorgeberechtigten einbezogen. Es wird also kein Kind aufgrund einer Meldung den Eltern weggenommen.

Wenn das Kind oder der Jugendliche aber doch in akuter Gefahr ist, dann kann doch nicht erst lange geprüft werden?

Die Mitarbeiter im allgemeinen sozialen Dienst sind so erfahren, dass sie das erkennen. Dennoch ist Inobhutnahme, also das Rausnehmen aus der Familie, immer das letzte, weil stärkstes Mittel. Dabei ist das Familiengericht einzubeziehen, da es sich um einen Eingriff in das Sorgerecht handelt.

Wenn ein schnelles Einschreiten notwendig ist, dann ist das zeitlich begrenzt. Danach wird in Abstimmung mit den Eltern bzw. Sorgeberechtigten geklärt, wie es weiter geht. Es geht darum, Klarheit für das Kind zu schaffen und den Familien zu helfen, die eigene Situation in den Griff zu bekommen.

Was ist der Unterschied zwischen einer wie es genannt wird latenten und einer akuten Gefährdung des Kindswohls?

Latent gefährdet heißt, dass Kinder und Familien beobachtet werden und ihnen gleichzeitig geholfen wird, um aus dieser Situation herauszukommen. Eine akute Gefährdung führt dann bereits zu einer Inobhutnahme.

Wer kümmert sich um die Kinder, wenn sie aus den Familien herausgenommen werden müssen?

Es gibt Bereitschaftsfamilien für die akuten Fälle und Pflegefamilien. Bereitschaftsfamilien nehmen Kinder bis sechs Jahre im Notfall innerhalb weniger Stunden auf. Größere Kinder kommen dann zunächst in ein Heim.

Jugendamtsleiter Maximilian Hering.
Jugendamtsleiter Maximilian Hering. © privat

Reichen die vorhandenen Plätze aus?

Derzeit betreuen 168 Pflegefamilien insgesamt 212 Pflegekinder, zum Teil also mehrere in einer Familie. 89 Kinder davon werden dabei von Verwandten betreut, die als Pflegestelle fungieren. Da eine Familie die beste Lösung für die Kinder ist, sucht das Landratsamt immer neue Familien, die sich bereiterklären, diese Aufgabe zu übernehmen. Aktuell gibt es zudem sieben Bereitschaftsfamilien.

Wie lange blieben Kinder und Jugendliche in der Bereitschaft, in einer Pflegefamilie oder einem Heim?

Prinzipiell gilt, möglichst bald in die Familie zurückkehren zu können. Oberste Priorität hat deshalb die Suche nach Lösungen, die das ermöglichen. In Pflegefamilien sollen Kinder maximal ein halbes Jahr bleiben, es gibt aber auch längere Zeiten.

Die Eltern müssen all diesen Entscheidungen zustimmen. Was passiert, wenn nicht?

Dann muss das Familiengericht das klären. So weit kommt es aber nur in den wenigsten Fällen. In der Regel wird gemeinsam ein Weg gefunden, damit die Kinder wieder in die Familie zurückkommen. Diese Lösungen sind immer individuell. Das kann eine Unterstützung im Alltag sein, eine soziale oder psychologische Beratung, auch die Schuldnerberatung kann eine Rolle spielen.

Wird es Kindern und Jugendlichen nach Corona wieder besser gehen?

In der aktuellen Situation spielen viele Faktoren eine Rolle, sagt Jugendamtsleiter Maximilian Hering. Nicht immer ist eindeutig Corona als Ursache zu identifizieren, wenngleich die Pandemie schon bestehende Probleme oft noch einmal verstärkt hat. Insofern wird gehofft, dass es Familien und damit Kindern, wenn der jetzt auf sie entstandene Druck weg ist, wieder besser geht. Gefährdete Kinder hat es zu allen Zeiten gegeben. In den wenigsten Fällen wollen Eltern ihren Kindern bewusst schaden, es ist vielmehr ein Ausdruck, dass sie selbst mit den Problemen nicht fertig werden. "Und hier setzt unsere Hilfe an", sagt Hering.

Das Landratsamt sucht ständig Pflegefamilien. Interessierte können ein unverbindliches Gespräch unter Telefon 03501 5152175 oder Email unter [email protected] vereinbaren.

Mehr Nachrichten aus Pirna, Sebnitz, Freital und Dippoldiswalde lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna