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Können wir mal bitte vernünftig reden?

Man darf und sollte die Corona-Politik kritisieren. Doch die Argumente derer, die jetzt auf die Straße gehen, taugen schlecht für Diskussionen. Ein Leitartikel.

Johanna Lemke ist Leitende Redakteurin für das Wochenende.
Johanna Lemke ist Leitende Redakteurin für das Wochenende. © Christoph Soeder/dpa/SZ

Corona hat Deutschland zwar wirtschaftlich erschüttert, doch der befürchtete Schrecken mit vielen Tausenden Toten ist bisher ausgeblieben – zum Glück. Sorgen muss man sich derzeit allerdings um die Spaltung der Gesellschaft machen. Allzu deutlich wurde das am vergangenen Sonnabend bei der Demonstration in Berlin, wo Tausende gegen die staatliche Corona-Politik protestierten. Was sie wollen, ist kaum zu benennen, so unterschiedlich und zum Teil unklar sind ihre Kritikpunkte. Sie stellen die Verhältnismäßigkeit der Corona-Schutzmaßnahmen infrage, sind gegen die Maskenpflicht oder fürchten die Einführung einer Zwangsimpfung. Andere behaupten, die Pharmalobby habe zu viel Einfluss auf die Politik, oder die Maßnahmen seien vorgeschoben, um in Deutschland eine Diktatur zu etablieren. Manche sind einfach nur wütend, weil sie ihre Großmutter nicht im Heim besuchen dürfen.

Was sind seriöse Quellen?

Wer in seinem Bekanntenkreis schon einmal versucht hat, Argumenten wie diesen zu begegnen, hat wahrscheinlich schnell aufgegeben. Denn als Beweis werden oft Artikel aus Internetgruppen zitiert, Dokumentationen auf dem Videokanal Youtube vorgeführt, Studien von mal echten, mal angeblichen Experten hervorgeholt. Mitunter ist es auch eine einzelne Whatsapp-Nachricht, die zur Grundlage einer Aussage wird: „Die Tochter der Freundin einer Nachbarin wollte in der Schule keine Maske tragen, die Familie muss nun Strafe zahlen!“ Hakt man nach, ist die Verbindung zu der Freundin einer Nachbarin nicht nachzuvollziehen, der Vorgang nicht belegbar. Oder der angebliche Experte, von dem der „Beweis“ stammt, dass Corona nicht gefährlicher ist als eine Grippe, entpuppt sich als Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der mit dem Coronavirus bisher wenig zu tun hatte. Spätestens an diesem Punkt endet jede Diskussion, denn es fehlt etwas Grundlegendes: die Einigkeit darüber, dass eine Behauptung eine seriöse Quelle braucht. Dieser Zustand ist vielleicht eine größere Bedrohung für die Demokratie, als es Rechtsradikale auf der Reichstagstreppe sind.

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Verwirrung statt Vielfalt

Anfang des Jahrhunderts hatte man noch gehofft, dass uns das Internet zu informierten und damit mündigen Menschen machen würde. Heute sind Informationen so leicht zu bekommen wie nie zuvor. Jede Nachricht, jeder Text, fast jede wissenschaftliche Studie kann mühelos im Netz abgerufen werden. Das digitale Zeitalter hat uns alle zu Experten gemacht. Ein traumhafter Zustand! Doch all die Hoffnungen auf eine aufgeklärtere Gesellschaft ließen außer Acht, dass das Internet nicht nur beliebig abgerufen – sondern eben auch beliebig gefüllt werden kann. Ohne großen Aufwand ist ein Video produziert, ein Text veröffentlicht, eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Kontext gerissen. Gleichzeitig sind die Menschen immer schlechter darin geworden, Informationen korrekt einzuordnen. So entsteht nicht mehr Vielfalt, sondern nur mehr Verwirrung. Alle pochen darauf, dass sie über die „richtigen“ Informationen verfügen, gar die „Wahrheit“ entdeckt hätten. Um das zu legitimieren, werden Verschwörungen erfunden, nach denen Studien gefälscht oder Politiker manipuliert werden – oder gleich eine ganze Gesellschaft irregeführt wird. Wenn alles nicht reicht, muss das Gefühl dafür herhalten, dass „irgendwas hier nicht stimmt“.

Wie sollte man sich Wissen aneignen?

Die Verunsicherung ist groß. Um ihr zu begegnen, brechen Politiker seit Jahren immer wieder zu Bürgerdialogen auf, versuchen Medien zunehmend, ein breiteres Meinungsspektrum zu zeigen. Das war und ist richtig und wichtig. Doch Berlin hat gezeigt, dass die Wütenden trotzdem immer mehr werden, dass sie kein ostdeutsches Phänomen sind – und dass sie schlicht nicht mit Argumenten zu erreichen sind.

Es scheint das grundlegende Verständnis darüber verloren gegangen zu sein, wie man sich Wissen aneignen sollte. Dazu gehört erstens: Nicht jeder, der eine Meinung hat, ist ein Experte. Zweitens: Argumente taugen nur dann, wenn sie auf seriösen Quellen beruhen – und nein, anonyme Youtube-Videos sind nicht seriös. Drittens: Studien sind nur dann aussagekräftig, wenn in der Wissenschaft Konsens über ihre Richtigkeit besteht. Viertens: Eine persönliche Erfahrung ist keine Basis für eine generelle Aussage.

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Wir müssen weiterhin und wieder mehr miteinander reden. Aber bitte in Ruhe und mit einem offenen Ohr für andere Positionen. Vor allem aber brauchen wir ein gemeinsames Verständnis darüber, wie man Informationen beschafft und interpretiert. Sonst wird uns diese Zeit mehr trennen, als wir es jetzt ahnen.

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