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Kreis Bautzen: Lockdown ohne Wirkung?

Die Corona-Infektionszahlen sind weiterhin hoch. Landrat Michael Harig sieht dennoch positive Zeichen - und einen Königsweg, um die Trendwende zu schaffen.

Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) mahnt die Bevölkerung, sich angesichts weiterhin hoher Infektionszahlen an die Corona-Regeln zu halten.
Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) mahnt die Bevölkerung, sich angesichts weiterhin hoher Infektionszahlen an die Corona-Regeln zu halten. © Archivfoto: Steffen Unger

Bautzen. Seit fast drei Wochen gelten in Deutschland verschärfte Kontaktbeschränkungen, Hotels und Gaststätten sind wieder geschlossen, immer mehr öffentliche Bereiche dürfen nur mit Mund-Nasen-Schutz betreten werden. Vor zwei Wochen richtete Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) einen eindringlichen Appell an die Einwohner des Landkreises, die Beschränkungen sehr ernst zu nehmen. Gleichzeitig kündigte Harig mehr Kontrollen an.

Und was hat all das seitdem gebracht? Was die Infektionszahlen betrifft - nichts. Das muss sich an diesem Freitag auch der Landrat eingestehen: "Die Zahlen der Neuinfektionen sind in der Tat viel zu hoch und nicht so gesunken, wie wir uns das erhofft haben. Gleiches gilt für die ernsthaften Krankheitsverläufe." Anfang November gab es täglich etwa 120 Neuinfektionen mit dem Virus. "Nunmehr liegen wir bei durchschnittlich 145, wobei es Tagesspitzenwerte von bis zu 300 gab", so Harig.

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Trotzdem sieht der Landrat auch positive Zeichen. "Wir haben aktuell die Kontaktnachverfolgung besser im Griff. Wir haben das Personal aufgestockt und werden sehr aktiv von der Bundeswehr und Behörden des Freistaates unterstützt." Allen Beteiligten zollt Harig großen Dank und Respekt. Durch die Beschränkungen ab Anfang November hätten positiv Getestete jetzt viel weniger Kontakte als zuvor. Im Oktober seien das 20 bis 30 Kontakte gewesen, jetzt liege die Zahl bei vier bis zehn - je nach Familiengröße und Arbeitsumfeld.

Große Probleme in Kliniken und Pflegeheimen

"Die größte Sorge bereitet uns zurzeit die Situation in den Kliniken", konstatiert Harig. Die Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern nehme weiter zu, "sodass die Betten auf Normal- und Intensivstationen zunehmend belegt sind". Fachpersonal im medizinischen Bereich sei ohnehin knapp. "Wenn es dann zusätzlich zu Ansteckungen kommt, Ärzte und Schwestern in Quarantäne müssen, sind Dienste kaum noch abzusichern", sagt Harig. "Auch deshalb hilft, zum Beispiel in Kamenz und Bautzen, hier die Bundeswehr. Diese willkommene Hilfe konzentriert sich jedoch ausschließlich auf die technische Sicherstellung und kann die Arbeit am Patienten nicht ersetzen." Auch in den Pflegeheimen häuften sich die Probleme.

Plant das Landratsamt nun weitere Verschärfungen? Nein, sagt Harig, der sich fast täglich mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sowie den zuständigen Ministerien abstimmt. "Dabei wird deutlich, dass es hier nicht um ein Bautzener Problem geht, sondern um den gesamten Freistaat. Es gibt keinen Kreis und auch keine kreisfreie Stadt mit einer Inzidenz unter 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen."

Ein kreislicher Sonderweg bringe wenig, dies hätten die Erfahrungen im bayerischen Landkreis Berchtesgaden gezeigt. Dort gibt es drastischere Ausgangsbeschränkungen, doch die Zahlen sinken nicht wie erhofft. Das liege, schlussfolgert Harig, an den "Verflechtungen der Menschen über Landkreisgrenzen - von der Schule über die Arbeitswelt".

Schulen und Kitas sollen offen bleiben

Was sind nun die nächsten Schritte? "Es stellt sich die Frage, was sinnvoll, angemessen und wirkungsvoll sein kann", antwortet Harig. "Wirkungsvoll nicht im Sinne, die Menschen einzuschränken und zu verärgern – sondern um Infektionsketten zu unterbrechen." Weitere Ausgangsbeschränkungen seien denkbar, "wenngleich eine Wirksamkeit sich auf größere Städte reduzieren dürfte". In Dörfern spiele sich ab 20, 21 Uhr ohnehin nicht mehr viel ab.

Die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten will das Landratsamt weiter nach Möglichkeit vermeiden. "Fachleute stellen fest, dass nach wie vor nur wenige Infektionen von Schüler zu Schüler stattfinden. Anders ist dies bei Erziehern und Lehrern. Die Infektionen finden vorwiegend außerhalb der Einrichtungen statt."

Der Bautzener Stadtverband der SPD hatte jüngst vorgeschlagen, die Schulklassen zu halbieren und getrennt zu unterrichten. Harig hält davon offenbar nicht viel: "Denkt man diesen Ansatz weiter, bleiben neben dem Zweifel an der Wirksamkeit die Fragen der Kinderbetreuung und des Bildungserfolges. Im Zweifelsfalle würden sich solche Maßnahmen zusätzlich verschärfend auf die personelle Situation in Kliniken, Pflegeheimen und systemrelevanten Berufen auswirken." Über Änderungen im Schulbetrieb könne nachgedacht werden - aber das sei in erster Linie Sache des Kultusministeriums.

Harig glaubt weiter an die Vernunft der Menschen

"All das klingt zugegebenermaßen etwas ratlos. Ist es aber nicht", findet der Landrat. Nach seiner Ansicht gibt es "nur einen Königsweg: die Einsicht der Bevölkerung und die Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten. Das mag naiv klingen - aber anders wird es nicht gehen."

Harig führt Argumente ins Feld, die seinen Appell an die Vernunft unterstreichen. So ist ihm eine Familie bekannt, die am letzten Tag vor den November-Beschränkungen noch zusammen feierte. "Die Senioren waren zu diesem Zeitpunkt schon fiebrig erkrankt. Der Jubilar verstarb im Nachgang und die zum großen Teil infizierte Familie beklagt nun die Besuchsbeschränkungen im Krankenhaus", ärgert sich Harig.

Das Ganze sei ein Dilemma. "Wie bei einer normalen Grippe kommen 95 Prozent gut durch und meinen, es sei doch alles nicht so schlimm. Aber mit der normalen Grippe gibt es seit mehr als 100 Jahren Erfahrungen und Impfstoffe."

Harig sieht vor allem einen Weg: "Alle, die möchten, dass Gast- und Sportstätten, Hotels und Kulturbetriebe wieder öffnen können und unser Leben insgesamt wieder normal und planbar wird, sind aufgerufen, mitzutun. Bund, Länder und Landkreise können beschließen und verfügen, was sie wollen. Das Virus interessiert das so lange nicht, bis es durch Abstand und Rücksicht gehindert wird, sich ungehemmt zu verbreiten.“

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