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Kreis Görlitz: Amt gibt Corona-Fälle nicht mehr per Hand ein

Bislang kamen die Befunde per Fax im Gesundheitsamt an. Jetzt soll alles digital über die Bühne gehen. Gibt es nun nur noch einen Inzidenz-Wert?

Die Bundeswehr im Einsatz bei der Kontaktnachverfolgung im Görlitzer Gesundheitsamt.
Die Bundeswehr im Einsatz bei der Kontaktnachverfolgung im Görlitzer Gesundheitsamt. © André Schulze

Es wird die Woche der Entscheidung. Am Mittwoch kommen die Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen, um über einen Lockerungsplan zu sprechen. Ob es dazu kommt, hängt von der 7-Tage-Inzidenz ab.

Die gab der Kreis am Sonntag mit 121,1 an. Doch die Statistik des Kreises ist nicht entscheidend, sondern die des Robert-Koch-Instituts in Berlin. So sieht es die Corona-Verordnung Sachsens vor, und auch der Görlitzer Landrat Bernd Lange versicherte vor Journalisten zuletzt, zu handeln, wenn die Vorschriften der Verordnung erfüllt seien.

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Tatsächlich liegt die 7-Tage-Inzidenz beim Berliner RKI deutlich unter der des Kreises. Am Sonntagmorgen waren es 111 Fälle binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner.

Seit die zweite Welle der Pandemie im Oktober Fahrt aufnahm, gingen die Werte zwischen RKI und Landkreis auseinander. Damals ging es um die Beherbergungsverbote, die für Menschen in verschiedenen Bundesländern galten, die aus Kreisen mit einer Inzidenz über 50 kamen. Ausgerechnet am ersten Tag der Herbstferien rutschte die 7-Tage-Inzidenz beim Kreis Görlitz über die 50er Marke, aber noch nicht beim RKI. So gab es in der ersten Ferienwoche noch keine Konsequenzen für die Urlauber aus dem Landkreis Görlitz.

Nie wurde restlos aufgeklärt, warum es zu diesen Differenzen gekommen ist. Der Kreis verwies auf die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen, an die er die Zahlen weiterleitete. Die wiederum an das RKI. Unterschiedliche Fristen und Vorgehensweisen wurden angeführt, der Kreis veränderte auch sein Eingabevorgehen. Und trotzdem blieben die Zahlen verschieden, wenn sie auch zuletzt nicht mehr so weit auseinanderlagen. Zwischen November und Mitte Januar waren die Unterschiede ohne Belang, weil die Inzidenz ohnehin über 300 und damit jenseits aller Lockerungs-Vorstellungen lag. Doch nun gewinnen sie womöglich wieder an Bedeutung.

Deswegen geht der Landkreis dieser Tage einen weiteren Schritt. Ob damit aber die unterschiedlichen Werte Geschichte sind, will auch Landrat Bernd Lange nicht garantieren. Jedenfalls stellt der Landkris die händische Eingabe der Infektionsfälle ein. Bislang mussten per Hand die Daten in das Octoware-Programm eingepflegt werden. Denn die Labore übermittelten im vergangenen Jahr die Befunde ausschließlich per Fax oder über verschlüsselte E-Mails. Das Octoware-Programm ist kein spezielles Corona-Computersystem, sondern das Fachprogramm, mit dem alle Abteilungen des Gesundheitsamtes schon immer arbeiten. Für die Erfassung der Corona-Pandemie wurde in diesem Programm ein Modul eingerichtet. Von dem Octoware-Programm ging die Meldung per Datenexport an die Landesuntersuchungsanstalt, und von da an das Robert-Koch-Institut.

Nun aber erhält das Gesundheitsamt seit Jahresanfang bereits einen Teil der Befunde über das Demis-Programm. Demis steht für Deutsches Elektronisches Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz des Robert-Koch-Instituts. Die Einführung von Demis wurde zentral zum jetzigen Zeitpunkt geplant und soll flächendeckend ausgeweitet werden, teilt die Kreis-Sprecherin mit. "Damit entfallen zunehmend die Eingaben von Befunden per Hand".

Die digitale Datenverarbeitung in den 400 Gesundheitsämtern in Deutschland sehen die Politiker auch als ein wichtiges Ziel, damit die Ämter wieder die Kontrolle über die Pandemie übernehmen, Infektionsketten nachvollziehen und Kontakte ermitteln können. Ende Oktober, so hatte auch Landrat Bernd Lange eingeräumt, habe der Kreis einen schleichenden Kontrollverlust erlitten. Deswegen erbat der Kreis auch die Hilfe der Bundeswehr fürs Gesundheitsamt. Mit 16 Soldaten wurde die Kontaktverfolgung verstärkt, doch das reichte bei Weitem nicht.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie im Dezember verstärkten 650 Mitarbeiter der Kreisverwaltung sowie einige Mitarbeiter aus der Verwaltung des Freistaates die Kräfte des Gesundheitsamtes, so dass am Ende 720 im Einsatz waren. Sogar der frühere Amtsarzt Dr. Christoph Ziesch wurde schon Anfang Oktober per Eilentscheidung von Landrat Bernd Lange wieder als Arzt ins Gesundheitsamt zurückgeholt "zur Unterstützung der aktuellen Pandemie-Lage". Und selbst diese enorme Zahl von Mitarbeitern bekam die Infektionsketten vor Weihnachten nicht mehr in den Griff.

Das änderte sich erst mit dem Rückgang der Neuinfektionen sowie der geringeren Zahl von Kontaktpersonen seit Jahresbeginn. Einige Mitarbeiter des Kreises konnten in ihre ursprünglichen Ämter wieder zurückkehren. Wie lange die Bundeswehr noch zur Unterstützung nötig ist, soll rechtzeitig vor dem Ablauf des jetzt laufenden Einsatzes am 19. Februar geklärt werden.

Arbeitslos wird das Kreis-Gesundheitsamt allerdings noch lange nicht. Trotz der Verbesserungen liegen die Inzidenzen immer noch zu hoch, der britische Virustyp breitet sich im Landkreis Görlitz aus. Daher lehnt der Kreis Görlitz bislang auch die Einführung eines neuen digitalen Programms ab, auf das sich eigentlich die Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin geeinigt haben. Es heißt Sormas. Damit ist der Anspruch verbunden, eine einheitliche Software zur Kontaktnachverfolgung in ganz Deutschland zu haben, alle Corona-Fälle würden hier nach einheitlichen Standards erfasst. Aber bislang hat es nur Bayern flächendeckend eingeführt.

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Alle Kreise in Sachsen sprechen sich dagegen aus. Der Görlitzer Landrat Bernd Lange hält eine Einführung und Einarbeitung der Mitarbeiter während der Pandemie für nicht machbar. Und seine Sprecherin erläutert noch: "Neben der Software würde diese Einführung viele Schulungen der Mitarbeiter und letztlich auch die Zusammenführung oder anfangs gar die Doppelung der Erfassung von Befunden und Abläufen bedeuten". Dagegen sehen die Befürworter in Sormas den einzigen Weg für einheitliche Zahlen und das Ende der Unterschiede zwischen Robert-Koch-Institut und dem Landkreis.

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