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"Sportvereine im Kreis SOE haben verloren"

Selten hatten Menschen so viel Zeit zum Sportreiben wie im Lockdown, aber auch so wenige Möglichkeiten zur Bewegung. Nun treten viele Mitglieder aus.

Dietmar Wagner ist Geschäftsführer des Kreissportbundes, der Dachorganisation der 310 Sportvereine im Landkreis.
Dietmar Wagner ist Geschäftsführer des Kreissportbundes, der Dachorganisation der 310 Sportvereine im Landkreis. © Andreas Weihs

Das Jahr 2020 war - auch sportlich gesehen - eine Katastrophe. Im Frühjahr musste der gesamte Trainings- und Wettkampfbetrieb eingestellt werden. Kurz vor Jahresende wurden die Sportstätten abermals gesperrt. Frühestens Mitte März dürfen die Hobbysportler wieder organisiert auf Plätze und in Hallen. Das hat Auswirkungen, wie Dietmar Wagner, Geschäftsführer des in Pirna ansässigen Kreissportbundes, im Interview erklärt.

Herr Wagner, Sie treiben selbst Sport. Was geht da noch?

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Ich fahre Rad und spiele Tennis. Radfahren ist leider eine der wenigen Sportarten, die man – außer bei den jetzigen Witterungsbedingungen – noch ohne Einschränkungen machen kann. Kein Wunder, dass die Fahrradindustrie solche Umsatzgewinne vermeldet. Sie hat wohl in der Pandemie - auf den Sport bezogen - als einzige Branche profitiert. Alles andere hat gelitten, wie aus unserer aktuellen Statistik hervorgeht. Die Stimmung in den Vereinen und unter den Sportlern ist ganz schlecht.

Verlieren die Vereine Mitglieder?

Ja, und zwar in großer Zahl. Zwischen 2008 und 2019 stieg die Zahl der Sportler in den Vereinen um mehr als 7.000 im gesamten Landkreis. Im vergangenen Jahr hat sich dieser Trend erstmals umgekehrt. Im Landkreis sind jetzt innerhalb eines Jahres rund 1.300 Menschen weniger in den rund 310 Sportvereinen angemeldet. Das ist ein Minus von drei Prozent. Damit liegen wir zwar noch unter dem sachsenweiten Durchschnitt, aber traurig stimmt mich diese Entwicklung trotzdem.

Aber man hält doch seinem Verein die Treue, auch wenn man mal ein paar Wochen nicht trainieren kann.

So einfach ist das leider nicht. Ausgetreten sind insbesondere die 41- bis 49-Jährigen sowie die Altersklasse Ü60. Die Abmeldezahlen in den Bereichen summiert, machen fast 90 Prozent des Mitgliederrückgangs aus.

Wie erklären Sie sich das?

Die Zahlen verwundern nicht so sehr, wenn man auf die Sportarten mit den meisten Vereinsaustritten schaut. Reha- und Gesundheitssport steht mit einem Minus von 469 Sportlern an der Spitze. Das sind die Sportarten, wo die Menschen oft auf Empfehlung des Arztes oder mit einem Rezept zu den Vereinen kommen. Entsprechend gering ist die Bindung an den Verein. In den Mannschaftssportarten ist die Bindung zum Verein noch recht stark, die sind nicht so sehr betroffen.

Könnte man sagen: Keine Leistung, kein Geld?

Ja, so ist es wohl, insbesondere eben beim Reha- und Gesundheitssport. Allerdings gibt es auch gegenläufige Trends. Der Verein Reha Vital aus Pirna, einer der drei größten Sportvereine im Landkreis, hat wiederum ein leichtes Plus an Mitgliedern. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass viele zurückkommen, wenn der Sportbetrieb wieder anläuft. Und auch andere haben hinzugewonnen. Der SV Pesterwitz aus Freital hat heute 86 Mitglieder mehr als vor einem Jahr.

Welche Sportarten sind denn am beliebtesten?

Ganz klar der Fußball mit fast 8.500 Vereinsmitgliedern. An zweiter Stelle steht der Rehasport mit fast 2.900 Mitgliedern, gefolgt von den rund 2.200 Volleyballern. Neu in der Top-10 ist das Geräteturnen mit nun mehr als 900 Sportlern. Fast 300 Sportler verloren haben dagegen die Handballer.

Werden im Landkreis auch besonders seltene Sportarten in Vereinen getrieben?

Ja, es gibt auch Sportarten mit sehr wenigen Mitgliedern, mitunter nur von einem Verein angeboten. Dazu würde ich mal bestimmte Kampfsportarten wie Sambo und Ju-Jutsu zählen, aber auch Akrobatik, Drachenbootfahren, Sitzball oder Voltigieren.

Gab es 2020 neue Sportarten oder Vereinsneugründungen?

Ja, trotz aller schlechter Zahlen gibt es auch ein paar gute Nachrichten: Es gibt zwei Vereinsgründungen mit Radsport. Das sind der Birkenwäldchen e.V. aus Freital, junge Mountainbiker und Geländefahrer sowie der Massive Snowpark aus Hermsdorf/Erzgebirge der im Bereich Skisport und Snowboard sowie Radsport aktiv ist.

Inwieweit bringt die Corona-Pandemie und der Mitgliederschwund Vereine massiv in wirtschaftliche Schwierigkeiten?

Solche Befürchtungen innerhalb mancher Vereine gibt es auf jeden Fall. Valide Zahlen liegen uns aber noch keine vor. Um Vereine vor wirtschaftlichen Schaden aufgrund der Pandemie zu bewahren, hat das Land Sachsen ein Soforthilfeprogramm gestartet. Leider ist davon in den Vereinen wenig angekommen.

Können Sie das genauer erklären?

Gerne, weil mich das richtig ärgert und ich sehr enttäuscht bin von der Politik. Das Land Sachsen hat zehn Millionen Euro für die Vereine zur Verfügung gestellt. Auf die 13 sächsischen Stadt- und Kreissportbünde verteilt, wären das jeweils fast 770.000 Euro gewesen. In unserem Gebiet haben 26 Vereine einen Antrag auf Soforthilfe gestellt, es ging um rund 137.000 Euro. Tatsächlich eine Unterstützung bekommen haben elf Vereine, es wurden insgesamt 55.000 Euro ausgezahlt. Das war‘s. Die Förderrichtlinien sind recht kompliziert. Aber in den Vereinen arbeiten die Menschen ehrenamtlich und in ihrer Freizeit! Das passt doch alles nicht zusammen. Vielleicht wäre es besser und unbürokratischer gewesen, wenn man den Stadt- und Kreissportbünden das Geld gegeben hätte, damit sie es eigenverantwortlich und nach eingehender Prüfung an betroffene Vereine ausgezahlt hätten. In diesem Jahr gibt es übrigens auch die Möglichkeit für Sportvereine, Soforthilfen zu beantragen.

Rückblickend betrachtet: War es richtig und angemessen, alle Sportstätten wegen der Pandemie zu schließen?

Ich meine, es war falsch, alles zu schließen. Man hätte differenzieren können, um zumindest die Trainingsmöglichkeiten aufrecht zu erhalten, gerade auch im Kinder- und Jugendbereich. Die Vereine hatten doch Hygienekonzepte, die funktioniert haben. Beim Tennis zum Beispiel kann man sich nicht anstecken, wie auch? Leichtathletik im Stadion hätte man auch machen können. Sogar Fußballtraining wäre aus meiner Sicht möglich gewesen. Man kann ja Kondition und Technik trainieren und dabei die Abstände gewährleisten.

Zum Glück ist in der Natur viel Platz.

Ja, zum Glück. Und den Platz haben auch ganz viele Menschen genutzt, um individuell zu trainieren. Ich habe in den vergangenen Wochen und auch schon im Frühjahr viele beobachtet, die in ihren Vereins-Trainingssachen draußen Sport getrieben haben. Darunter waren auch ganz viele Kinder und Jugendliche. Das finde ich gut und freue mich über jeden, den ich sehe.

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