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Michael Kretschmer: "Noch 14 Tage aushalten"

Ministerpräsident Kretschmer hat über Folgen von Corona gesprochen und appelliert, die jetzigen Maßnahmen noch zwei Wochen durchzuhalten.

Vier der Online-Diskutanten: Joachim Klose von der Konrad-Adenauer-Stiftung (links oben), Zittaus OB Thomas Zenker (rechts oben), die Görlitzer Pflegeheim-Leiterin Bergit Kahl und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.
Vier der Online-Diskutanten: Joachim Klose von der Konrad-Adenauer-Stiftung (links oben), Zittaus OB Thomas Zenker (rechts oben), die Görlitzer Pflegeheim-Leiterin Bergit Kahl und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. © Screenshot/SZ

Michael Kretschmer (CDU) hat mal wieder gesprochen. Unter dem Motto „Fakten statt Fake News – Fragen und Antworten zur Corona-Krise am Beispiel des Deiländerecks“ hat der Ministerpräsident zum Gespräch geladen.

Nicht persönlich, sondern per digitaler Zoom-Konferenz antwortete er diesmal auf Fragen von Bürgerinnen und Bürgern. Rund 800 Menschen hörten zu, als Kretschmer am Freitagabend forderte: „Lassen sie uns noch die 14 Tage aushalten.“

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Man erlebe gerade sinkende Infektions-Zahlen. Entgegen der Warnungen zur neuen Virusvariante zeigte Kretschmer sich zuversichtlich, dass die Sieben-Tages-Inzidenz bis Mitte Februar unter einem Wert von 50 liegen könnte. Dann könne man „guten Gewissens Lockerungen machen.“

Auf die Frage nach dem Nutzen des 15-Kilometer-Bewegungsradius sagte Kretschmer: „Man darf keine halben Sachen machen.“ Es habe sich gezeigt, dass es an Sachsens Ausflugs-Hotspots wie Sächsischer Schweiz und Zittauer Gebirge zu Menschenansammlungen komme.

Jeder wisse, wie belastend die Regelung sei. Die 15-Kilometer-Regel und die Ausgangsbeschränkung seien die ersten Maßnahmen, die fallen. „Die zweite Welle einer Pandemie ist immer die schlimmere“, so Kretschmer. „Weil die Menschen die Kraft nicht mehr haben.“ Mit einer „Rückkehr zur totalen Normalität“ sei dennoch nicht allzu bald zu rechnen.

"Es hat uns wie eine Welle erfasst und weggerissen"

Joachim Klose, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer Stiftung für Sachsen, moderierte das Gespräch und rief Fragende dazu auf, sich auf je eine Minute zu beschränken.

Neben dem Ministerpräsidenten sprachen die Görlitzer Pflegeheimleiterin Bergit Kahl, der Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker, der ärztliche Direktor des Klinikums Oberlausitzer Bergland Mathias Mengel und Thomas Grünewald, Leiter der Sächsischen Impfkommission.

Grünewald verurteilte die Aussage, dass 80-Jährige, die an oder mit Corona sterben, „eh bald gestorben wären“, es also „nicht so schlimm“ sei. Außerdem, so der Arzt, liege der Altersschnitt der Corona-Toten bei Ende 60, auch Kinder seien daran gestorben.

Pflegeheimleiterin Kahl sagte über den Ausbruch in ihrer Einrichtung: „Es hat uns wie eine Welle erfasst und weggerissen.“

"Deutschland muss nach der Krise auf die Couch"

Dass Deutschland und insbesondere Sachsen, das über Monate hinweg Deutschlands Spitzenreiter war, nicht früher einen harten Lockdown vorordnet haben, rechtfertigte Kretschmer damit, dass man in einem demokratischen Rechtsstaat alle milderen Mittel ausschöpfen müsse, ehe man Freiheiten einschränke.

„Wir haben es als Deutschland geschafft, den Lockdown lange herauszuzögern.“ Dabei sei bei einer Pandemie „Zeit ein ganz entscheidender Faktor.“ Kretschmer räumt ein: Ohne die Bundeswehr und ohne Verlegungen in andere Bundesländer „hätten wir es nicht hingekriegt.“ Man wisse, „dass wir das nicht nochmal zulassen dürfen.“

Über die schweren Folgen der Maßnahmen seien sich alle bewusst. Im Nachgang werde man reden müssen: „Deutschland muss nach dieser Krise auf die Couch.“

"Es gibt Stellen, wo Schluss ist."

Auch demokratische Bildung habe man sich als Koalition vorgenommen: Man müsse Reichsbürgern entgegentreten, „diese unsägliche Ideologie sichtbar machen.“ Er wolle als gewählter Volksvertreter Menschen nicht sortieren. Aber: „Es gibt Stellen, wo Schluss ist.“

Damit spielte Kretschmer auf den Anlass für das Gespräch an. Dazu hatte er erstmals gegenüber den rund 30 Corona-Pöblern aufgerufen, die ihm vor knapp drei Wochen vor seinem Privatgrundstück in Großschönau aufgelauert haben. Als Kretschmer das Halstuch einer Frau mit Reichskriegsflagge sah, sei eine Grenze für ihn überschritten gewesen, sagte er im Nachgang: „Es ging zu weit.“

Der pöbelnden Masse versprach Kretschmer zum Verdruss einiger hochrangiger Kritiker eine „schöne Veranstaltung“: „Eine Runde, wo der Chef der Anästhesie dabei ist, wo der Oberbürgermeister dabei ist.“

Kritik an Kretschmers Gesprächen mit Corona-Pöblern

Ohne seinen Redebedarf wäre Kretschmer wahrscheinlich nicht mehr Ministerpräsident. Gesprächsrunden mit oft sehr kritischen Stimmen sind Teil des Erfolgsrezepts, das dem CDU-Politiker und seiner Partei nach der Sturzlandung seines Vorgängers vor gut drei Jahren zu neuer Popularität verhalf.

Seit sich der Ton durch Gegner der Corona-Maßnahmen immer weiter verschärft, handelten Gespräche ihm aber auch viel Kritik ein. Im Mai besuchte er eine Demonstration im Großen Garten in Dresden, wo Gegner der Corona-Maßnahmen mitunter Verschwörungsmythen verbreitet haben, in Pirna ließ der Politiker sich kurz darauf auf einen Schlagabtausch mit einem Aluhutträger ein.

Vor dem Gespräch am Freitag wurde in Gruppen der Corona-Leugner auf Telegram zur Teilnahme an der Gesprächsrunde aufgerufen. Der erwartete Sturm blieb aber aus, was auch daran liegen könnte, dass Redezeiten beschränkt und nur Fragestellende rangelassen wurden, die sich zivilisiert und sachlich äußerten. Nach zwei Stunden war das Gespräch beendet. Vorerst. Kretschmer kündigte Wiederholungen an.

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