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Kretschmer: "Wir sind nicht da, wo wir hinwollen"

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer erläutert bei Maybritt Illner seine Coronastrategie. Einen Lockdown der Wirtschaft sieht er skeptisch.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer rechnet mit Verschärfungen der Lockdown-Regeln in der nächsten Woche.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer rechnet mit Verschärfungen der Lockdown-Regeln in der nächsten Woche. © ZDF/Screenshot: SZ

Corona wirkt sich auch auf Talkshows aus. Erst fehlte das Publikum. Moderatorin Maybritt Illner stuft nun auch die Zahl der Gäste ihrer gleichnamigen Sendung im Studio zurück. Drei sind, wie am Donnerstagabend, nur noch vor Ort in Berlin, die anderen zugeschaltet.

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So auch Michael Kretschmer. Sachsens CDU-Ministerpräsident wird vor Dresdner Silhouette angekündigt mit dem ihm zugeordneten Satz: „Uns hilft nur ein harter Lockdown.“ Ein Einspieler zeigt Kretschmers Erfurter Kollegen Bodo Ramelow. Der Linke, der zunächst Freund von Lockerungen in der Coronapolitik war, räumt bündig Fehleinschätzungen ein: „Das war falsch.“

Kretschmer wird dagegen mit einer Interviewaussage aus der Freien Presse vom Wochenende konfrontiert, die seinen Wunsch nach einer früheren Warnung beschreibt. Illner will wissen, warum er nicht wie Ramelow unkompliziert Fehler eingesteht. Kretschmer kontert: „Ich habe schon im Dezember gesagt, dass das ein Fehler war.“

Er fragt, ob die Situation im Herbst so angespannt war, dass das Land die „Durchhaltefähigkeit“ gehabt hätte, um „das Ganze wirklich über Monate zu bringen“. Der CDU-Politiker hat Zweifel und beschreibt eine „Abwägungsentscheidung“, sagt aber an die Moderatorin gewandt: „Sie haben Recht, mit dem Wissen von heute wären andere Entscheidungen notwendig gewesen.“ Im Herbst sei er mit einer Stimmung konfrontiert worden, in der die Leute gesagt hätten, „was sie an Öffnungen wollen“.

Weitere Verschärfungen drohen

Die Zahl der Infektionen mit dem tückischen Virus sinkt nicht spürbar, Krankenhäuser arbeiten unter Dauerdruck: Deshalb will sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU), wie kurz vor der Sendung durchsickerte, bereits früher als Ende Januar mit den Chefinnen und Chefs der Landesregierungen beraten. Kretschmer deutet an, was in der kommenden Woche beschlossen werden könnte. Das öffentliche Leben soll noch weiter gedrosselt werden.

Kretschmer nennt, ausgenommen ist die Notbetreuung, Kindergarten- und Schulschließungen. Wer als Besucher ein Pflegeheim betritt, benötigt einen Schnelltest, der Aktionsradius soll auf 15 Kilometer reduziert werden. Freilich: Das gilt in Sachsen mehr oder minder schon so, und Details zum Nachschärfen von Landesregelungen nennt Kretschmer nicht. Unklar bleibt, was das für Abschlussklassen heißt, die ab der kommenden Woche Präsenzunterricht in reduzierter Form haben sollen.

Es geht Kretschmer wohl eher um eine bundesweite Vereinheitlichung. Denn mehrere Ministerpräsidenten stiegen aus der mit der Kanzlerin getroffenen 15-Kilometer-Vereinbarung aus, unmittelbar nach der Videoschalte Anfang Januar. Kretschmer drängt zudem auf das Reduzieren von Mobilität. In Bussen uns Bahnen sollen weniger Passagiere fahren. Auch das ist in der sächsischen Coronaschutzverordnung bereits Thema – als Appell.

Ob er dafür ist, die Wirtschaft komplett herunterzufahren, will Illner wissen. Immerhin rechnen Epidemiologen vor, dass das Virus nach einem dreiwöchigen, annähernd kompletten Lockdown tot wäre. Kretschmer hegt Zweifel, ob die Wirtschaft das verkraftet. „Drei Wochen halten wir durch“, ruft da SPD-Gesundheitsexperte und Studiogast Karl Lauterbach dazwischen. „Ich würde uns raten, nicht in Extrempositionen zu denken“, entgegnet Kretschmer. „Wir brauchen starke Unternehmen“, betont er, auch mit Blick auf die Bewältigung wirtschaftlicher Coronafolgen.

MP glaubt an Sinn restriktiver Maßnahmen

Beim Impfen ist Sachsen nicht Schlusslicht, derzeit aber Viertletzter unter den 16 Bundesländern. Zudem zählt der Freistaat zu den Ländern mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz. Kretschmer spricht von Impfstoff, der zunächst nur „in homöopathischen Dosen“ in Sachsen angekommen sei. Das müsse besser, dieser „Anfangseffekt“ überwunden werden. Doch unabhängig davon gelte: Wenn das Virus zu weit verbreitet ist, „trägt es sich überall hin. Deswegen müssen wir dafür sorgen, dass die Verbreitung in der Bevölkerung reduziert wird.“

Kretschmer glaubt, das ist für einen CDU-Politiker bemerkenswert, dass zwar Eigenverantwortung, nun aber auch „starke restriktive Maßnahmen“ nötig seien. Welt-Journalistin Claudia Kade kritisiert im Studio den Ruf des Regierungschefs nach autoritären Maßnahmen als problematisch. Man müsse die Menschen, auch in der Kommunikation, mitnehmen. Der Ministerpräsident greift den Gedanken auf und lässt etwas später durchblicken, dass er nichts von einer Impfplicht hält: „Wenn man mit so etwas droht, machen die Leute zu.“

Zudem bezieht sich Kretschmer auf einen Vorschlag des TV-Mediziners Eckart von Hirschhausen, der ebenfalls im Studio ist. Man könne anstatt von Verschärfung der Regeln auch von einer „konsequenteren Umsetzung“ sprechen. Dennoch: „Wir sind nicht da, wo wir hinwollen.“

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) drängt auf weitere Einschränkungen. „Es bewegt sich nur durch uns“, sagt er über das Virus. Zum Impfstart weiß Spahn: „Es war von Anfang an klar, dass es knapp werden würde.“ Allerdings habe Deutschland ausreichend Impfstoff bestellt. 40 Prozent der Heimbewohner seien bereits geimpft.

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Sozialdemokrat Lauterbach warnt eindringlich vor zu frühen Lockerungen. Ein exponentielles Wachstum müsse verhindert werden, sagt er mit Blick auf Infektionszahlen und die mutierte, wohl besonders ansteckende Virusvariante aus Großbritannien. Ein harter Lockdown habe einen immensen Vorteil: Er führe dazu, dass die Virusverbreitung exponentiell sinke. Kretschmer unterstreicht, die aktuellen Maßnahmen müssten geprüft und nachgeschärft werden: „Das wird nächste Woche passieren.“ Geschehe das, könne der Weg aus der Krise gelingen.

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