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Können Hoteliers jetzt wieder aufatmen?

Seit Samstag ist das Beherbergungsverbot in Sachsen wieder aufgehoben. Größer als die Erleichterung ist das Unverständnis.

Das Beherbergungsverbot hat weit über die Politik hinaus für Kritik gesorgt.
Das Beherbergungsverbot hat weit über die Politik hinaus für Kritik gesorgt. © Jan Huebner

Landkreis Meißen. Ob am Telefon oder in der Hotellobby: Die vergangene Woche war von ständigen Diskussionen geprägt. Teilweise meinen es die Gäste besser zu wissen, berichtet Astrid Metzig, Hoteldirektorin des Goldenen Löwen in Meißen. Ganz selbstverständlich stand so ein Besucher aus einem Thüringer Risikogebiet am Empfang– steif und fest davon überzeugt, das Beherbergungsverbot gilt nur für Touristen. Nicht aber für Geschäftsreisende. 

Letztendlich nahm er sich einfach Zimmer hinter der Landesgrenze. Obwohl das Beherbergungsverbot dem öffentlichen Druck nicht mal eine Woche standhielt, musste Metzig drei ahnungslose Gäste nach Hause schicken. Eigentlich sollte sie nun wieder aufatmen können.

Stars im Strampler aus Riesa
Stars im Strampler aus Riesa

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Zuerst gab der Verwaltungsgerichtshof in Baden-Württemberg einem Eilantrag gegen das Beherbergungsverbot statt: Die Einschnitte in die Grundrechte seien unverhältnismäßig. Mit der rechtlichen Grundlage im Rücken hob Sachsen das Beherbergungsverbot für Reisende aus innerdeutschen Corona-Risikogebieten auf. Seit dem Beginn der Herbstferien am Samstag ist kein negativer Corona-Test mehr nötig.

Für die Hoteldirektorin des Goldenen Löwen geht die Aufhebung mit Blick auf das Infektionsgeschehen in die falsche Richtung.
Für die Hoteldirektorin des Goldenen Löwen geht die Aufhebung mit Blick auf das Infektionsgeschehen in die falsche Richtung. © Claudia Hübschmann

Zumindest am Freitag sorgte die Lockerung noch nicht für Entspannung. Im Gegenteil: Kretschmers Vorstoß hatte die nächste Diskussion entfacht. Warum nicht schon heute ohne Test einchecken? "Es ist ja auch irre", entfährt es Bettina Reinecker vom Meißner Dorint Parkhotel. 

"Heute schicken wir die Gäste weg und am nächsten Tag dürfen sie wiederkommen." Den Ärger der Gäste kann sie deshalb gut nachvollziehen. "Es ist aber nicht in Ordnung, ihn an den Mitarbeitern auszulassen." Denn viele wollen die behördliche Verordnung einfach nicht akzeptieren: "Für die Mitarbeiter ist es schwer, eine Diskussion zu führen, wenn die Gäste uneinsichtig sind", sagt Reinecker und bleibt dabei bewusst uneindeutig.

Ein Reisefreibrief

Für Metzig geht die Entscheidung mit Blick auf das Infektionsgeschehen in die falsche Richtung: "Das ist ein Freibrief, überall hinzureisen." Sie hätte sich eine bundesweit einheitliche Regelung gewünscht. Stattdessen bliebe es beim ewigen Hin und Her.

An der sächsisch-brandenburgischen Landesgrenze zeigt sich, zu welchen Auswirkungen die unterschiedlichen Beherbergungs-Einschränkungen führen. Was in Ortrand noch zum Urlaubsverbot führt, ist im unmittelbar angrenzenden Kraußnitz erlaubt. Gäste aus dem Risikogebiet Köln, die eine Woche lang im Zug-Hotel am Ortrander Kulturbahnhof übernachten wollten, mussten in eine Pension ins Sächsische ausweichen. Nur rund 500 Meter entfernt. "Ich darf sie nicht beherbergen", bedauert Zug-Hotel-Inhaber Frank Weser. "Die beiden Frauen werden sich aber in Ortrand aufhalten, hier einkaufen gehen und Freizeiteinrichtungen besuchen", so Weser. Der Sinn der Einschränkungen minimiere sich in diesem Fall auf nahezu null.

Die Erleichterung am Hotel am Kupferberg ist groß.
Die Erleichterung am Hotel am Kupferberg ist groß. © sz großenhain

Noch am Mittwoch hieß es aus dem Hotel am Kupferberg in Großenhain, dass man mittels Aushang die Hotelgäste darauf hinweise, dass bei einer Anreise aus einem Risikogebiet die Tür zu bleibe. "Gott sei dank ist das vorbei", atmet Inhaberin Angelika Pietzsch auf. Doch ein fader Beigeschmack bleibt. Das Schlimmste in der jetzigen Zeit sei, dass "man nichts planen kann", so Angelika Pietzsch. Das treffe nicht nur aufs Hotel, sondern gleichermaßen auf die Gaststätte zu. Anfragen für Feiern gebe es reichlich. Doch wirklich verbindliche Zusagen könne man nicht machen, so Angelika Pietzsch. 

Zumindest muss sich Petra Paul vom Goldenen Anker in Radebeul nicht mehr jeden Morgen durch 30 DIN-A4-Seiten voller Postleitzahlen kämpfen - alles Risikogebiete. Welche Gäste es tatsächlich ausschloss, war gar nicht so einfach zu ermitteln, kritisiert die Direktorin des Goldenen Ankers. Denn die täglich bekannt gegebenen Postleitzahlen hätten nicht mit den ausgewiesenen Risikozahlen des Robert Koch-Institut (RKI) übereingestimmt.

Bei Reiner Striegler, Geschäftsführer des Mercure-Hotel in Riesa, wollten allerdings auch Gäste einchecken, die ganz genau wussten, dass sie aus einem Risikogebiet eingereist sind, aber keine Zeit für einen Test hatten. "Jetzt ist das Chaos ein stückweit beseitigt", atmet Striegler auf. Bei ausländischen Touristen seien die Risikogebiete deutlich einfacher zu überblicken. 

Ein fragiler Zeitpunkt

Das RKI selbst hat sich schnell gegen das Beherbergungsverbot ausgesprochen. Allerdings aus einem anderen Grund. Der zusätzliche Testbedarf würde Lieferengpässe verstärken. Für den Landestourismusverband kam die Auflage mit Blick auf die zunehmenden Stornierungen zu einem fragilen Zeitpunkt: Im Hotel Burgkeller in Meißen habe sich das vor allem mit Blick auf die Advents- und Weihnachtsfeiertage sowie Silvester bemerkbar gemacht - viele Firmen aus Risikogebieten hätten ihre Reisen storniert. 

Um den Schaden irgendwie einzudämmen, hing Hoteldirektor Ronny Hoppe in der letzten Woche viele Stunden am Telefon: "Die Menschen sind sehr verunsichert", erklärt Hoppe. Mit den unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern kämen viele Gäste nicht zurecht. Dazu kommt, dass in vielen Städten ein Corona-Test ohne Symptome gar nicht möglich sei.

Dabei hatte die Branche erst einen Aufschwung erlebt: Da sich die Urlaubssaison größtenteils im Inland abgespielt hat, stieg zum Beispiel in Meißen die Zahl der touristischen Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 15 Prozent. 

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Der Inzidenzwert ist etwa gleich geblieben. Ein weiterer Patient musste auf die Intensivstation.

Auch Petra Pauls Besucherzahlen in Radebeul waren im August und September wieder gestiegen, um prompt mit Bekanntwerden des Beherbergungsverbots einzubrechen. Dass es durch den Wegfall des Beherbergungsverbots automatisch besser wird, daran zweifelt Bettina Reinecker stark: "Wir müssen aufpassen, dass die Gäste nicht den Eindruck bekommen, dass gar nicht mehr kontrolliert wird."

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