merken
Feuilleton

Kritik an #allesdichtmachen nimmt zu

Einige rudern zurück, andere bleiben dabei oder sind entsetzt: Die Aktion #allesdichtmachen sorgt für Streit. Prompt folgt eine Gegenaktion.

Die Kombo aus einzelnen Video-Standbildern der Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube zeigt Schauspieler, die sich an der Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen beteiligt haben.
Die Kombo aus einzelnen Video-Standbildern der Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube zeigt Schauspieler, die sich an der Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen beteiligt haben. © Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube/dpa

Berlin/Köln. Es hagelt Kritik an der Internetaktion #allesdichtmachen - und immer mehr der prominenten Teilnehmer selbst sind nicht mehr davon überzeugt, dass die satirischen Clips das richtige Mittel waren. So ruderte auch das Schauspielerpaar Martin Brambach und Christine Sommer zurück. "Es war vielleicht ein Fehler, solche Videos ohne jeglichen Kontext oder wenigstens ein paar erklärende Worte zu veröffentlichen...", erklärte das Paar am Sonntag - und distanzierte sich von "einer Vereinnahmung durch die AfD und anderen rechten Gruppen." Die gesellschaftliche Spaltung müsse gestoppt werden.

Doch die Gemüter sind erhitzt. Ob Schauspielkollegen oder prominente Stimmen aus der Branche: Viele empfinden die sarkastische und uneingeordnete Art und Weise als problematisch. Unter dem Motto #allesdichtmachen hatten Dutzende Film- und Fernsehschauspieler - darunter Stars wie Jan Josef Liefers, Heike Makatsch und Volker Bruch - mit ironisch-satirischen Clips die Corona-Politik der Bundesregierung kommentiert.

TOP Deals
TOP Deals
TOP Deals

Die besten Angebote und Rabatte von Händlern aus unserer Region – ganz egal ob Möbel, Technik oder Sportbedarf – schnell sein und sparen!

Die Videos waren am Donnerstag veröffentlicht worden und thematisierten etwa die politische Entscheidungsfindung oder die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie. Kritik und Unverständnis folgten prompt. Rasch ließen einige der Künstler ihre Clips löschen und entschuldigten sich, andere erklärten ihre Absichten.

Gegenaktion #allemalneschichtmachen

Am Sonntag reagierten vor allem Ärzte, Ärztinnen und Krankenhauspersonal mit einer eigenen Aktion: #allemalneschichtmachen. Die Notärztin und Bloggerin Carola Holzner, im Netz bekannt als "Doc Caro", rief die an der Aktion beteiligten Künstler dazu auf, mal für eine Schicht im Rettungsdienst oder auf einer Intensivstation mitzuarbeiten. "Ihr habt eine Grenze überschritten", sagte Holzner, Leitende Oberärztin am Universitätsklinikum Essen, in einem Instagram-Video. "Und zwar eine Schmerzgrenze all jener, die seit über einem Jahr alles tun."

Der Präsident der Deutschen Filmakademie, Schauspieler Ulrich Matthes, sagte der Deutschen Presse-Agentur, er habe sich sehr gewundert über die Unterstellung in den meisten der Videos, es gäbe keinen Diskurs darüber, ob die Maßnahmen in der Pandemie berechtigt seien. "Und die Kolleginnen und Kollegen beklagen mittels dieser vermeintlichen Satire, dass dieser Diskurs nicht stattfände und geben damit - und das ist meine Hauptkritik - indirekt Schützenhilfe für die Querdenkerszene und die AfD."

Ähnlich äußerte sich der Daten- und Politikwissenschaftler Josef Holnburger. "Leider bedienen viele der Prominenten hämisch Narrative, welche Bestandteil vieler Verschwörungserzählungen sind", sagte er der dpa. "Etwa vermeintlich gleichgeschaltete Medien oder ein Kritikverbot an der Regierung. Es wundert mich deshalb nicht, dass der Applaus aus dieser Szene besonders laut ist."

Ist Ironie ein geeignetes Mittel?

Am Samstag wurde auf der Seite allesdichtmachen.de ein Statement veröffentlicht. "Die Gruppe hat keinen "Kopf" und keine gemeinsame Stimme", hieß es darin. "Das Projekt ist kollektiv entstanden, die Gruppe ist divers, die Meinungen gehen auch hier auseinander." Einige der Teilnehmer hatten sich noch am Freitag distanziert. Ulrike Folkerts etwa bezeichnete ihre Beteiligung als Fehler. "Ich habe einen Fehler gemacht, ich war naiv genug zu glauben, mit meinen Kollegen*innen ein gewinnbringendes Gespräch in Gang zu bringen. Das Gegenteil ist passiert", schrieb die "Tatort"-Kommissarin auf Instagram.

Ihr "Tatort"-Kollege Liefers äußerte sich nachdenklich. "Ich finde auch den Punkt interessant, dass vielleicht Ironie wirklich ein ungeeignetes Mittel ist", sagte er in der Radio Bremen-Talkshow "3nach9". Er sehe aber eine Lücke: "Es gibt nicht nur auf der Seite der Erkrankten Trauer und Leid, sondern auch auf der Seite derer, die unter diesen Maßnahmen inzwischen nun wirklich anfangen zu leiden, die sehe ich nicht so richtig vertreten." Im Statement auf der Seite hieß es: "Wir leugnen auch nicht Corona oder stellen in Abrede, dass von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben. Vielmehr geht es uns um die Corona-Politik, ihre Kommunikation und den öffentlichen Diskurs, der gerade geführt wird."

Weiterführende Artikel

Tatort Dresden: "Etwas Schummelei gehört dazu"

Tatort Dresden: "Etwas Schummelei gehört dazu"

Das Dresdner Tatort-Team hat gerade die Dreharbeiten zur neuen Folge beendet. Schauspieler Martin Brambach spricht über Bluthochdruck und Sodbrennen.

Wie denkt Jan Josef Liefers jetzt über #allesdichtmachen?

Wie denkt Jan Josef Liefers jetzt über #allesdichtmachen?

Jan Josef Liefers ist zum Gesicht der Kritiker der Corona-Politik von #allesdichtmachen geworden. Er steht dazu, zeigt aber auch Selbstkritik.

#allesdichtmachen verdirbt die "Tatort"-Freude

#allesdichtmachen verdirbt die "Tatort"-Freude

Es wäre ein starker Fall für die Assistenten in Münster gewesen. Doch Jan Josef Liefers' zynische Corona-Satire wirkt auch beim "Tatort" nach.

Drei Lehren aus #allesdichtmachen

Drei Lehren aus #allesdichtmachen

Prominente Schauspieler kritisieren die Corona-Politik, und wieder dreht sich die Diskussion im Kreis. Wir brauchen eine bessere Debattenkultur.

Doch nach Ansicht des Daten- und Politikwissenschaftlers Holnburger trägt die Aktion nicht zu einer konstruktiven Debatte bei. "Die vor allem polemisch dargestellte Kritik seitens der #allesdichtmachen-Aktion wird den öffentlichen Diskurs nicht versachlichen, sondern verschärfen", sagte er. "Verschwörungsideologische Narrative drohen durch solche Aktionen hoffähig gemacht zu werden." (Sophia Weimer, Jonas-Erik Schmidt und Lisa Forster, dpa)

Mehr zum Thema Feuilleton