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Kultur im Lockdown: Das Virus führt Regie

Kulturstätten wie die Semperoper und das Dresdner Staatsschauspiel sind zu. Gewerkelt wird trotzdem - vor allem am ersehnten Neustart.

Schwarze Leere herrscht dort, wo sonst Künstler in beeindruckenden Kulissen agieren: auf der Hauptbühne der Semperoper.
Schwarze Leere herrscht dort, wo sonst Künstler in beeindruckenden Kulissen agieren: auf der Hauptbühne der Semperoper. © Ronald Bonß

Diese Ruhe, diese Leere. Eigentlich ist die Semperoper ein extrem quirliges Haus, da das Musiktheater faktisch jeden Tag spielt. Entsprechend bauen die Techniker stetig vor und nach den Vorstellungen Bühnenbilder auf und ab. Künstler studieren ganztags auf den Haupt-, Neben- und Probebühnen ihre Partien ein.

Und was vor und in den Ballettsälen los ist, gleicht mehr einem Bienenschwarm. Ganz anders, als wenn die 54 Tänzerinnen und Tänzer im Bühnenlicht so streng und stilschön formiert auftreten. Nicht einmal in der sommerlichen Spielzeitpause ist es so still und verlassen wie derzeit im Flaggschiff der sächsischen Theaterlandschaft.

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Nicht einmal in der Sommerpause ist es so still wie derzeit in der Semperoper.
Nicht einmal in der Sommerpause ist es so still wie derzeit in der Semperoper. © Ronald Bonß

Keinen Mucks, nicht mal einen Luftzug gibt es im Vorderhaus mit seinen prächtigen Foyers zu vernehmen. Der Zuschauersaal ist dunkel und kaum geheizt. Die berühmte Fünf-Minuten-Uhr am Bühnenportal ist bei zwölf Uhr stehen geblieben. Die Hauptbühne wiederum ist ein schwarzer, dunkler Kasten. Eigentlich sollten hier derzeit die gigantischen Kulissen für die Wiederaufnahme von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ stehen. Verschoben ins Jahr 2022. Jetzt sind die Eisernen Vorhänge aller vier Bühnenseiten heruntergelassen.

Orientierung gibt – anders als auf dem Foto nebenan – eine Art Notlicht, im Theater Geisterlicht genannt. Es dient der Sicherheit, falls doch jemand über die Bühne muss und sich so etwas orientieren kann. Abgesehen von seinem praktischen Zweck, haben die gern abergläubischen Theaterleute noch andere Erklärungen für dieses spezielle Licht: Dieses Licht bietet den im Theater hausenden Geistern die Möglichkeit, auf der Bühne aufzutreten. Schließlich seien sie ja mal Sänger, Schauspieler oder Tänzer gewesen. Auch Ex-Intendanten sollen hier spuken.

"Es wird keine Verlegenheitslösungen geben"

Seit Anfang November haben die Theatergeister die Podien für sich. In den Staatstheatern Semperoper und Schauspielhaus wie auch auf allen anderen Bühnen und Konzerthäusern im Freistaat wird seitdem nicht mehr gespielt. Immer wieder wurden die fürs neue Jahr geplanten Neustarts verschoben. Ende vergangener Woche nun verlängerten die zuständigen Minister und Kommunalpolitiker die Schließzeit pandemiebedingt bis einschließlich 31. März. Wer das Infektionsgeschehen vom vergangenen Jahr noch in Erinnerung hat, ahnt, dass die Kunstpause wohl eher wieder bis weit in den Mai gehen dürfte.

Viele der insgesamt 1.000 Mitarbeiter der Staatstheater sind daheim, teils erstmals in Kurzarbeit, teils im Homeoffice. Und doch ist Leben hinter den Kulissen. Die Intendanzen müssen wieder einmal die Spielpläne umwerfen. Die Mitarbeiter der Künstlerischen Betriebsbüros arbeiten an den Besetzungslisten. „Es wird keine Verlegenheitslösungen geben“, lautet das Motto von Opern-Intendant Peter Theiler.

„Unser Qualitätsanspruch bleibt auch in Pandemie-Zeiten hoch. Das sind wir dem Haus, sind es dem Freistaat und seinen Bürgern schuldig.“ Die Dramaturgen prüfen – wie schon beim ersten Lockdown –, welche Produktionen wie reduziert werden könnten, um alle Hygienevorgaben einzuhalten, wenn es wieder losgeht.

Die Tänzer halten sich fit - irgendwie

Und doch, hier und da klingt es vertraut im Funktionsgebäude hinter der Oper. Einzelne Sänger studieren mit den Korrepetitoren in den Stimmzimmern Partien ein. Hochleistungssängern geht es wie Hochleistungssportlern. Sie dürfen nicht zu lange pausieren, sonst lässt die Leistung nach. Das freilich macht es für den Chor der Staatsoper so kompliziert. Die Chorsänger dürfen der Aerosole wegen seit Corona-Beginn nicht zusammen singen. Das einzelne Üben, also das Stimmenölen, ersetzt nicht dieses gemeinsame Finden eines Klanges. Gerade der macht dieses Ensemble so unverkennbar.

In den Umkleiden herrscht sonst geschäftiges Gedränge - das ist derzeit ausgeschlossen.
In den Umkleiden herrscht sonst geschäftiges Gedränge - das ist derzeit ausgeschlossen. © Ronald Bonß

Schlanke Gestalten in Trainingsanzügen und mit Hygienemasken trippeln vereinzelt von den Garderoben zum Ballettsaal. Nur knapp ein Dutzend Tänzer haben hier stundenweise Class – also Übungsstunden. Sie dürfen nicht proben, machen also nur Technikübungen. Große Abstände sind vorgeschrieben. Lediglich Paare, egal welchen Geschlechts, dürfen enger zusammenarbeiten. Die Tänzer sind froh, überhaupt etwas zu tun zu haben. Trotzdem weiß Ballettdirektor Aaron S. Watkins, dass „dieses nur scheibchenweise Training kaum reicht, um körperliche Fitness und das große Stilempfinden meiner Compagnie aufrechtzuerhalten. Doch was bleibt uns übrig?“

Alle Schrauben sind schon geordnet

Freilich fast Normalbetrieb ist in den Werkstätten der Staatstheater zwischen Zwingerteich und Haus der Presse angesagt. Dort werden Kulissen gebaut und gemalt sowie Kostüme gefertigt. Im Malsaal beispielsweise entstehen gerade Panoramen für die Schauspiel-Uraufführung „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze und direkt daneben die für die Richard-Strauss-Opernpremiere von „Capriccio“.

„Wir halten alle Termine ein, weil dann schon die Kulissen für die nächsten Produktionen drängen. Wir müssen verlässlich sein“, so die Maler. Wann die Stücke tatsächlich rauskommen – geplant war März beziehungsweise Mai – ist ungewiss.

Große Geschäftigkeit ist in den Werkstätten der Staatstheater angesagt, wo die Kulissen für die nächsten Neuproduktionen entstehen.
Große Geschäftigkeit ist in den Werkstätten der Staatstheater angesagt, wo die Kulissen für die nächsten Neuproduktionen entstehen. © Ronald Bonß

Schräg gegenüber der Werkstätten, auf der Unterbühne des Staatsschauspiels, stapeln sich weitere Kulissen. Um die Bühnenteile herum herrscht fast gespenstische Ruhe: Kein Techniker ist dort zu sehen, wo es normalerweise geschäftig wuselt und immer irgendein Akkuschrauber zu hören ist. „Aufgeräumt haben wir im Frühjahr schon“, sagt Andreas Barkleit, Leiter des Bereichs Beleuchtung und Video. Alle Schrauben sind an ihrem Platz, die Technik ist gewartet. Aber dann wartet man sie eben noch mal.

Es herrscht „eingeschränkter Probebetrieb“, so heißt der Zustand am Staatsschauspiel offiziell. Das bedeutet: Es wird auf Halde produziert. Inszenierungen werden einstudiert und dann auf unbestimmte Zeit aufbewahrt, bis sie am Tag X wieder hervorgeholt werden. Wann genau, das will hier niemand sagen.

Der Rückzugsort hat geschlossen

Uwe Altmann geht mit großen Schritten durch sein Büro. Er ist künstlerischer Betriebsdirektor, organisiert also, wann welches Stück zu sehen ist, muss Zeitpläne abstimmen und Gastkünstler koordinieren. Er und seine Mitarbeiterin planen nun auf der ansonsten menschenleeren Verwaltungsetage alle Szenarien durch: Spielbeginn im April oder erst im Mai?

„Wir halten uns für alles bereit“, sagt Altmann. Keiner will sich festlegen, auch nicht Staatsschauspiel-Intendant Joachim Klement. Ob sein Haus in dieser Spielzeit, also bis zum Sommer, noch die Türen öffnen wird? „Ich glaube daran, aber sicher ist es nicht.“

Wenn Theaterleute eins können, dann ist es: So tun, als ob. Und so wird derzeit überall gearbeitet, als würde es bald weitergehen. Die Regisseurin Mina Salehpour inszeniert derzeit auf der Probenbühne in der Nähe der Königsbrücker Straße das Stück „Alice“. Der Premierentermin, der 20. Februar, wurde bereits auf der Webseite des Theaters getilgt. Die große Produktion nach dem Märchen von Lewis Carroll, mit Musik von Tom Waits und Bildern von Robert Wilson, wäre eines der Highlights am Schauspielhaus gewesen. Wann sie nun zu sehen sein wird, weiß niemand. Mina Salehpour hilft nur eins: „Ich stecke all meine Liebe hinein.“ Sie freut sich über die „großartige Band“, mit der sie arbeiten darf, und sagt: „Auf der Probenbühne flirrt die Luft. Immerhin, wenn ich hier bin, muss ich mich mit dem Blödsinn in der Welt nicht beschäftigen.“

Tränen im leeren Zuschauerraum

Doch natürlich ist auch das Theater nicht frei von Einschränkungen durch die Auflagen: Kein Requisit darf von zwei Personen angefasst werden, keine Fremdpersonen dürfen auf die Bühne, Schauspieler müssen Abstand zueinander halten. Daran haben sich inzwischen alle gewöhnt, dennoch: „Der Spagat zwischen Sicherheit und Kunst ist schwierig“, sagt Mina Salehpour. Sie würde derzeit keine „Stücke verpulvern, die mir wichtig sind“, sagt sie – einfach, weil es zu unsicher ist, wann sie je gezeigt werden und für wie lange. „All das Schöne“, ihre letzte Premiere, die kurz nach dem Frühlings-Lockdown herauskam, lief nur wenige Male am Kleinen Haus, bis die Theater wieder zumachten.

Es scheint, als sei es derzeit die wichtigste Übung für die Künstlerinnen und Künstler der sächsischen Theater, nicht den Mut zu verlieren. „Wir versuchen, gegen die Resignation anzukämpfen“, sagt auch der Beleuchtungschef Andreas Barkleit. Am schwersten sei für ihn der Dezember gewesen: Da ist das Haus normalerweise voll mit Schulklassen. Manchmal mehrfach am Tag wird sonst das Weihnachtsstück gespielt.

Diese Puppe ist derzeitig die einzige Darstellerin auf der Semoeropern-Bühne.
Diese Puppe ist derzeitig die einzige Darstellerin auf der Semoeropern-Bühne. © Ronald Bonß

Doch „Der Zauberer von Oz“ musste ausfallen. „Als ich im leeren Zuschauersaal saß, kamen mir die Tränen“, erzählt Barkleit. „Auch für uns als Techniker sind die Vorstellungen ein Lebenselixier. Durch die Zuschauer kommt so viel Energie zurück, das fehlt enorm.“ Er verbringt jetzt viel Zeit damit, seine drei schulpflichtigen Kinder zu unterrichten – aber „abends nicht im Theater zu sein, daran werde ich mich nicht gewöhnen“.

Der wichtigste Lohn bleibt aus

Semperoper und Staatsschauspiel: Beide Staatstheater erarbeiten derzeit neue Spielpläne für den Zeitraum April bis Juli. Diese sollen rechtzeitig zum aktuell avisierten Spielbeginn, 1. April, veröffentlich sein. Manche Produktionen wandern in die nächste Spielzeit – auch um neue Arbeiten und damit Geld zu sparen. Denn trotz der öffentlichen Unterstützung für die Staatstheater entfallen für beide Häuser Millionenbeträge durch Eintrittsgelder.

Die Techniker und Künstler, das Verwaltungspersonal und die anderen Strippenzieher an den sächsischen Theaterhäusern, sie müssen geduldig sein. Sie ölen ihre Stimmen und Sehnen und halten über die sozialen Medien trotz der Schließung Kontakt zum Publikum. Vor allem aber müssen sie aushalten, dass der wichtigste Lohn für ihre Arbeit weiterhin ausbleibt: der Applaus.

Die Serie "Kunstpause"

Dieser Artikel ist Teil der Serie Kunstpause, die während Lockdowns einen Blick hinter die Kulissen sächsischer Kulturstätten wagt. Alle Serienteile finden Sie hier: Kunstpause: Sachsens Kultur im Lockdown.

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