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Kulturbranche: "Es geht an die Substanz"

Der Teil-Lockdown trifft die Kulturschaffende im Rödertal hart. Sie fürchten um ihre Existenz.

Johannes Baumgärtel ist Mitinhaber der Veranstaltungsfirma B&B. Von seinem Büro in Liegau-Augustusbad aus organisiert er Konzerte, Messen und andere Veranstaltungen. Der Lockdown geht an die finanzielle und die persönliche Substanz, sagt er.
Johannes Baumgärtel ist Mitinhaber der Veranstaltungsfirma B&B. Von seinem Büro in Liegau-Augustusbad aus organisiert er Konzerte, Messen und andere Veranstaltungen. Der Lockdown geht an die finanzielle und die persönliche Substanz, sagt er. © Marion Doering

Radeberg. In diesen Zeiten ist Johannes Baumgärtel besonders froh, dass er eine Familie hat. „Die stabilisiert mich in diesen Tagen mehr denn je“, erzählt der 39-jährige Wachauer. 

Seine Frau, seine Kinder helfen ihm derzeit, all die Dinge vorübergehend auszublenden, die manch einem seiner Kollegen in dieser Corona-Zeit nicht nur den Schlaf, sondern mittlerweile auch die Existenz geraubt haben.

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Zum zweiten Male befindet sich Deutschland wieder in einem Lockdown. Seit Anfang November trifft es neben der Gastronomie und dem Amateur- und Freizeitsport auch die Kultur. Ausgerechnet, sagen diejenigen, die in und von diesem Bereich leben. 

Johannes Baumgärtel, der seit zehn Jahren mit René Brückner die B&B eventandmusic-Agentur in Wachau betreibt, hatte noch in diesem Sommer, nach dem ersten Lockdown, mit vorsichtigem Optimismus auf das zweite Halbjahr geschaut. 

Zuvor hatte er wegen Corona den Kreativmarkt in Radeberg, das Knorpelschenken-Endurorennen in Feldschlößchen und das Wachauer Mondscheinbaden canceln müssen. Veranstaltungen, die die Agentur seit einigen Jahren ausrichtet.

"Seit der Corona-Krise null Einnahmen"

Und nun geht in der Kulturbranche wieder rein nichts. Allmählich gehe das an die Substanz, erzählt er. An die finanzielle als auch an die persönliche. 

„Wir haben seit der Corona-Krise null Einnahmen“, klagt der Wachauer. Die Betriebskosten versuche man so weit wie möglich „runterzufahren“. Zehn Veranstaltungen habe er in diesem Jahr schon absagen müssen. 

Was Baumgärtel derzeit auch quält, ist das Fehlen seines gewohnten Alltags. Etwa das Organisieren, das Planen. Er könne verstehen, dass Menschen, die in einer solchen Situation familiär nicht geerdet seien, „in ein tiefes Loch fallen“. 

Allerdings spüre er langsam, wie sich diese Corona-Krise auf seine Person auswirke. Die Identifikation, die man mit seinem Job habe, die beginne sich langsam aufzulösen, so beschreibt er das.

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Vielen Kulturschaffenden im Rödertal geht es in dieser Zeit ähnlich. Das auferlegte Berufsverbot wirke sich als Störfaktor auf das aus, was er doch so gerne mache, erklärt Musiker Thomas Keilhauer. 

Der Wachauer tourt seit vielen Jahren gemeinsam mit dem aus Liegau-Augustusbad stammenden Ronny Hermann durch die Region. Als „Onkel Tom und Huck“ ist das Gitarren-Duo vielen ein Begriff. Rund 30 Konzerte mussten die beiden in diesem Jahr absagen. 

Waren froh, dass sie im Sommer hier und da spielen konnten, etwa an der Seifersdorfer Marienmühle, wo „wir ein bisschen Straßenmusik“ gemacht haben, so Keilhauer. Der als Lehrer in der Döbelner Musikschule arbeitet und wie sein Kompagnon, der Rettungssanitäter ist, auf der einen Seite froh, dass sie mit der Musik nicht ihre Existenz sichern brauchen. 

Immer wieder neu motivieren

Dennoch: „Diese erzwungene Pause, diese vielen Monate, in denen wir nicht auftreten durften“, so Keilhauer, „das ist gewaltig an die Moral gegangen“. Man stelle sich da selbst in Frage. 

Er müsse sich in dieser Zeit immer wieder neu motivieren, um die Musik, sein Hobby, für sich am Leben erhalten zu können. Was nicht einfach ist. 

Der Wachauer glaubt, dass dieser Lockdown bestimmt noch weit über den November hinaus andauern wird. Dass ein solches Herunterfahren des öffentlichen Lebens wieder in der Luft lag, hatte man beim Weixdorfer Kulturverein, dem Betreiber des „Dixiebahnhof“, geahnt. 

Dort waren bereits ab Mitte Oktober alle Veranstaltungen abgesagt worden. „Uns war klar, dass angesichts der zunehmenden Infektionszahlen im Land ein erneuter Lockdown drohte“, so Simone Jenke, die für die Öffentlichkeitsarbeit des im Norden Dresdens gelegenen Kulturzentrums verantwortlich ist. Bis Ende des Jahres ist der Dixiebahnhof geschlossen. 

"Sollte keine Besserung eintreten, muss ich handeln"

Im kommenden Jahr „wollen wir aber wieder durchstarten“, hofft Simone Jenke, die nicht davon ausgeht, dass ob der kulturellen Zwangspause bei vielen Menschen ein Entwöhnungsprozess eingesetzt hat. Denn: „Kultur ist einfach wichtig für uns alle“, erklärt sie. 

Sagen auch all die, die davon leben. Der Wachauer Eventmanager Johannes Baumgärtel plant schon fürs kommende Frühjahr. Jedoch: Sollte im kommenden Jahr keine Besserung eintreten, „muss ich handeln“. 

In diesem Falle müsse er sich womöglich eine andere berufliche Identität zulegen. Aber erst mal gelte es den zweiten Lockdown zu überstehen und „dann schauen wir mal, wie es weitergeht“, so Baumgärtel. Irgendwie werde es sicher weitergehen, davon ist er, sind auch all die, die in der Kulturbranche tätig sind, überzeugt.

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