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Das Corona-Jahr - kurz durchgerechnet

Der Dresdner Kabarettist Erik Lehmann steht seit Monaten nicht mehr auf der Bühne. Sein satirischer Rückblick auf das Jahr im Corona-Karussel - ein Gastbeitrag.

Der Dresdner Kabarettist Erik Lehmann.
Der Dresdner Kabarettist Erik Lehmann. © Robert Jentzsch | www.rjph

Von Erik Lehmann

Was für ein Jahr! Zweitausendzwanzig werden wir wohl so schnell nicht vergessen. Während unser aller Gesundheitsminister sich im Corona-Karussell wie ein "Spahn"-Ferkel am Spieß drehte, als er am Jahresanfang verzweifelt versuchte, Atemschutzmasken auf dem Weltmarkt aufzutreiben, fuhr der Finanzminister gleich mal ein ganz schweres Geschütz auf: Eine Bazooka sollte es sein. Wirtschaftsminister Peter Altmeier dagegen war etwas zurückhaltender, befand sich dafür aber im Wettstreit mit Karl Lauterbach um den Titel "Häufigster Dauergast in Polittalkshows", wobei er auf grazilen Höckerchen, wie bei "Hart aber fair" versuchte, das Gleichgewicht zu halten.

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Nahezu ganz und gar nicht im Gleichgewicht aber schien und scheint die Wirtschaft an sich zu sein. Gerade auch Sachsens Wirtschaft hatte und hat es schwer. Im ersten Lockdown das Herunterfahren der Bänder in Autoindustrie und Maschinenbau. Zwischendrin die Dauerdebatte um die Stilllegung der Kohlekraftwerke und jetzt erwischt es wieder die gesamte Tourismusbranche und vor allem das Weihnachtsland. Im Erzgebirge bleibt man auf Räuchermännchen, Engeln, Sternen und Schwibbögen sitzen. Weihnachtsmärkte geschlossen, Brauereien kurz vorm Bankrott und die Pulsnitzer Pfefferkuchen finden auch nicht mehr zum Kunden und bleiben da, wo der Pfeffer wächst.

Ein Plädoyer gegen Schnellschüsse

Doch wie soll man dieses Dilemma lösen? Wer hat die richtige Antwort? Mich würde es nicht wundern, wenn die Lösung letztendlich aus Sachsen kommt, sind wir doch das Bundesland mit den genialen Erfindungen und Verkaufsschlagern: Porzellan, Tageszeitung, Trommelwaschmaschine, FCKW-freier Kühlschrank, Thermoskanne, Armbanduhr, Feinwaschmittel, BH, Zahncreme, Mundwasser, Teebeutel, Filterpapier, Holzschleifpapier, Bierdeckel und Aktendulli - alles in Sachsen erfunden.

Doch jetzt müssen wir erst mal wieder durch den Lockdown. Und vor allem wir Künstler, also alle aus der Kreativwirtschaft, haben erneut die A...karte gezogen. Zwar berichten Fernsehen, Radio und Internet fleißig, wie die Minister Altmeier und Scholz jede Woche mit einem neuen Finanzpaket für Künstler und Soloselbständige um die Ecke kommen, aber was auf Pressekonferenzen verkündet wird und am Ende tatsächlich passiert, das sind dann doch zwei Paar Schuhe. Und das soll keine billige Politikerschelte werden. Aber ein Plädoyer gegen Schnellschüsse. Diese gehen nämlich meistens nach hinten los. Und wenn sie dann auch noch aus einer Bazooka kommen, will man sich nicht wirklich hinter den Finanzminister stellen.

Aber machen wir's mal konkret: Die Soforthilfe für Soloselbständige im Frühjahr: 9.000 Euro für drei Monate. Na gut, die 9.000 Euro gab's halt nur für laufende Betriebskosten. Okay, was hat so ein selbständiger Künstler an Betriebskosten? Wenn's hoch kommt, 'ne Bahncard 50, 2. Klasse. Das sind Kosten von 224,70 Euro jährlich, macht auf drei Monate gerechnet 56,18 Euro. Da merkt man ganz schnell, da sind die 9.000 Euro ruck zuck ausgeschöpft. Die 56,18 Euro sind übrigens Brutto. Die Soforthilfe muss natürlich nächstes Jahr noch versteuert werden. Was wiederum logisch ist, denn irgendwie sollten sich die Künstler an ihrer eigenen Rettung schon auch beteiligen.

Wie ein verunglückter Streifschuss

Dann gab's die Überbrückungshilfe im Sommer, wieder für 3 Monate. Bis zu 80 Prozent der Fixkosten. Also von den 56,18 Euro gab's dieses Mal ganze 44,94 Euro. Aber da die Überbrückungshilfe nur von einem Steuerberater beantragt werden konnte, machte das Extrakosten von 500 Euro. Diese natürlich zu 80 Prozent erstattet - aber nur, wenn der Umsatzrückgang im April und Mai im Vergleich zum Vorjahr bei mehr als 60 Prozent lag, denn das war die Voraussetzung für den Zugang zur Überbrückungshilfe - blieben 100 Euro Extrakosten, abzüglich der 44,94 Euro für die Bahncard-Erstattung, kommt man auf minus 55 Euro und sechs Cent. Toll, oder? Ach so, und weil sich der Monat Juni mit der ersten Soforthilfe überschnitten hatte, wurde dieser mit anteilig 18,73 Euro noch abgezogen: Endergebnis: minus 73,79 Euro Überbrückungshilfe.

Und jetzt denken Sie bestimmt: Na, da hätte man sich die Beantragung aber auch sparen können. Na, gucken wir mal, ob das die Soloselbständigen gemacht haben?

Faktencheck: Achtung - offizielle Zahlen vom Finanzministerium: Erstes Hilfspaket, Gesamtvolumen 50 Milliarden Euro - davon zur Auszahlung bewilligt: 13,5 Milliarden Euro. Zweites Hilfspaket: 25 Milliarden Euro - abgerufen: 1,5 Milliarden. Das sind ganze sechs Prozent.

Das ist keine Bazooka, Herr Scholz, das ist ein verunglückter Streifschuss aus einer Schrotflinte.

Ein zeitlich unbegrenztes Berufsverbot

Aber jetzt kommt ja die Neustarthilfe. Neustarthilfe, wie toll das klingt! Ein bisschen wie Begrüßungsgeld. Haben Sie`s gehört, die Neustarthilfe, das sind pauschal einmalig 5.000 Euro. Und das für jeden faulen, arbeitsscheuen Künstler. Okay, genauer gesagt: "bis zu" 5.000 Euro... im Zeitraum von Dezember bis Juni. Eigentlich sollen Künstler in diesem Zeitraum maximal 25 Prozent ihres durchschnittlichen Monatsverdienstes vom vergangenen Jahr bekommen, welches sie, wenn sie doch irgendwie nebenbei noch ein bisschen was dazuverdienen, wieder zurückzahlen müssen. Ganz ehrlich, als Entschädigung für ein zeitlich unbegrenztes Berufsverbot, finde ich das ein bisschen billig.

Und vielleicht sagen Sie jetzt: "Ach, Ihr Künstler macht's auch nur wegen dem Geld, oder?"

Aber da möchte ich intervenieren: Wir Künstler, zumindest wir vom politischen Kabarett, machen es wegen des Geldes. Und auch ein bisschen aus Prinzip.

Mehr über den Autor finden Sie im Internet unter www.knabarett.de

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