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Corona: Wie ein Kinderheim den Alltag meistert

Die Pandemie hat das Leben im Haus am Czorneboh bei Bautzen wochenlang auf den Kopf gestellt. Das war sehr belastend, hat aber auch etwas Positives bewirkt.

Kristina Jöhling (links), Leiterin vom Kinderheim Wuischke, und ihre Kollegin Susan Gebhardt sind froh, dass die meisten Corona-Einschränkungen vorbei sind. Einige Nachwirkungen spüren sie aber noch.
Kristina Jöhling (links), Leiterin vom Kinderheim Wuischke, und ihre Kollegin Susan Gebhardt sind froh, dass die meisten Corona-Einschränkungen vorbei sind. Einige Nachwirkungen spüren sie aber noch. © SZ/Uwe Soeder

Wuischke. Der großzügige Garten am Fuße des Czornebohs ist belebt. Kinder und Jugendliche fahren Fahrrad, hören Musik oder sitzen zusammen in der Sonne. „Die Lage und Umgebung unseres Hauses waren unsere Rettung“, stellt Kristina Jöhling, die Leiterin des Kinderheims Wuischke, fest. Für sie, die 14 Erzieher und 26 Kinder hob Corona Mitte März den Lebensalltag in ihrem Haus komplett aus den Angeln.

„Dieses Datum werde ich wohl so schnell nicht vergessen“, sagt Kristina Jöhling mit Blick auf die Allgemeinverfügung vom 16. März. An jenem Montagnachmittag bekam sie die Information, dass alle Schulen in Sachsen geschlossen werden. Schnell musste sie einen neuen Dienstplan entwerfen, damit die Kinder und Jugendlichen ganztägig betreut werden können. Das Ergebnis: Die Betreuer mussten 24-Stunden-Dienste machen. „Das war schwierig. Die Mitarbeiter haben ein Privatleben und teilweise eigene Kinder, die sie plötzlich betreuen mussten“, erinnert sich Kristina Jöhling, die das Kinderheim seit 2012 leitet, an diese Herausforderung, „und es war völlig unklar, wie lange diese Situation so bleiben würde.“

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Betreuer wurden plötzlich zu Lehrern

Normalerweise sind zwischen 8 und 13 Uhr alle Bewohner und Betreuer außer Haus. Die Kinder und Jugendlichen sind in Schule oder Kita und kommen erst zum Mittag wieder. Dann wird in den Wohngruppen gemeinsam gekocht, gegessen und gespielt – Alltag eben, wie in einer Familie. 

In ihren Elternhäusern können die Kinder im Alter zwischen drei und 18 Jahren, die in Wuischke betreut werden, aus den unterschiedlichsten Gründen vorübergehend oder langfristig nicht leben. Sie bleiben dementsprechend ein paar Jahre oder bis zum Erreichen des Erwachsenenalters in ihrer Wohngruppe im „Haus am Czorneboh“, das in Trägerschaft der Kinderarche Sachsen ist.

Die gewohnten Abläufe waren im März plötzlich Vergangenheit. Um den Kindern trotz der Ausnahmesituation Orientierung zu geben, planten die Betreuer am Vormittag eine feste Zeit ein, in der die Kinder die Schulaufgaben erledigen. Das Problem: „Fast alle Schüler sind auf unterschiedlichen Schulen und in verschiedenen Klassenstufen. Und jede Schule hat die Unterrichtsmaterialien anders übermittelt: manche per Mail, manche über ein Online-Portal, manche per Post und manche gar nicht“, sagt Kristina Jöhling. In letztem Fall mussten sich die Betreuer die Aufgaben selbst ausdenken.

Neun Wochen lang kaum Kontakt nach außen

Die erste Begeisterung über die neue Situation war bei den Kindern schnell verflogen. „Da gab es Phasen, in denen alle einfach pappsatt waren“, erinnert sich Kristina Jöhling. Neun Wochen lang waren sie quasi an das Gelände gebunden, konnten ihre Eltern und Freunde nicht treffen. Das Betretungsverbot im Heim galt aber auch für Psychologen und Therapeuten, deren Arbeit sich jedoch nicht aus der Ferne erledigen lässt.

Das und die generellen Einschränkungen sorgten bei manchen Kindern für Rückschritte und Unterbrechungen im Entwicklungsprozess. Die sogenannten Selbstversorger beispielsweise, die lernen sollen, im täglichen Leben selbstständig zurechtzukommen, konnten das plötzlich nicht mehr, weil sie nicht selbst einkaufen durften.

Mitarbeiter schieben Überstunden vor sich her

Auch die psychische Anspannung war groß. „Für die Mitarbeiter war es eine Belastung im doppelten Sinne: zum einen die Mehrarbeit, zum anderen die Angst davor, dass sich jemand ansteckt und am Ende alle in Quarantäne müssen“, sagt Kristina Jöhling. „Bei jedem Husten hatten wir Angst, es könnte das Virus sein. Die Mitarbeiter mussten den Kindern Sicherheit, Rat und Orientierung geben, obwohl sie selbst alle verunsichert waren und nicht wussten, wie es weitergehen würde.“

Die Mitarbeiter machten in dieser Zeit viele Überstunden, die sie bis heute nicht bezahlt bekommen haben oder abbummeln konnten. Dafür sucht die Kinderarche noch eine Lösung. Eine Vertretung durch Pädagogen, die in ihren Einrichtungen nicht arbeiten konnten, stand im Raum, wie Susan Gebhardt erzählt. Sie ist Fachbereichsleiterin Kinder-, Jugend- und Familienhilfe beim Träger der Einrichtung. „Es gab einige Ideen in dieser Richtung, aber es wäre nicht fachgerecht gewesen, einem fremden Pädagogen die Hauptverantwortung für zum Teil verhaltensauffällige Kinder zu geben“, sagt sie.

Dennoch: Kristina Jöhling ist stolz darauf, dass die Kinder diese Situation so gut gemeistert und verkraftet haben. „Sicher gab es auch Situationen, in denen einzelne Jugendliche impulsiv auf die Einschränkungen reagierten. Doch es hat auch für einen neuen Zusammenhalt in den Gruppen und für eine positive, neue Dynamik gesorgt“, sagt sie. Trotzdem: „Länger hätte es nicht gehen dürfen.“  

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