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Das sagen Menschen aus dem Kreis Bautzen zur Impfpflicht

Impfpflicht für alle, nur für bestimmte Berufsgruppen oder lieber gar keine: So sehen es Vertreter aus Medizin, Bildung, Politik und Beratung im Kreis Bautzen.

Von David Berndt
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Äußern sich zum Thema Impfpflicht: Pflegeheimchefin Ursula Fleischer, Prof. Erik Hahn, Ärztin Anna Reiche (o. v. l.), Bautzens OB Alexander Ahrens, Mobbingberaterin Annegret Grothkopp, Sebastian Kieslich vom Bildungsgut Schmochtitz St. Benno (u. v. l.)
Äußern sich zum Thema Impfpflicht: Pflegeheimchefin Ursula Fleischer, Prof. Erik Hahn, Ärztin Anna Reiche (o. v. l.), Bautzens OB Alexander Ahrens, Mobbingberaterin Annegret Grothkopp, Sebastian Kieslich vom Bildungsgut Schmochtitz St. Benno (u. v. l.) © Bildstelle

Bautzen. Bis Ende des Jahres soll die Ethikkommission ihre Stellungnahme zu einer allgemeinen Pflicht für die Corona-Schutzimpfung abgeben. Zumindest eine begrenzte Impfpflicht ist in Deutschland seit diesem Freitag beschlossene Sache, nachdem Bundestag und -rat zugestimmt haben.

Für eine begrenzte Impfpflicht hatte sich zuletzt auch der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU) offen gezeigt, eine allgemeine Impfpflicht aber abgelehnt. Dagegen hatte sich Dr. Martin Völker, Obmann der Kinderärzte im Landkreis Bautzen, für eine Impfpflicht für Erwachsene ausgesprochen. Sächsische.de hat weitere Meinungen und Stimmen zu dem Thema eingeholt.

Ärztin plädiert für Impfpflicht ab 18 Jahren

Dr. Anna Reiche ist Fachärztin für Allgemeinmedizin im Bautzener Ortsteil Kleinwelka.
Dr. Anna Reiche ist Fachärztin für Allgemeinmedizin im Bautzener Ortsteil Kleinwelka. © Archiv/SZ/Uwe Soeder

„Es ist jedem seine Entscheidung, ob er sich selbst gefährdet, indem er sich nicht impfen lässt. Genauso wenig sind Rauchen und ein gefährlicher Alkoholkonsum in Deutschland verboten. Jedoch ist das Gesundheitssystem aktuell durch die vielen schweren Verläufe einer Belastung ausgesetzt, die in den nächsten Wochen auch zu einem Kollaps führen kann.

Abgesehen von der Belastung des Pflegepersonals und der Ärzte, die in den Kliniken arbeiten, ist eine dritte vulnerable Gruppe betroffen: Patienten, die einer vernünftigen Akutbehandlung bedürfen aufgrund eines Herzinfarkts, Schlaganfalls, Verkehrsunfalls; Krebspatienten, die einer Operation bedürfen; Patienten, die Chirurgen brauchen, die nicht seit Monaten an der Belastungsgrenze arbeiten.

Diese Menschen muss der Staat schützen. Und daher plädiere ich für eine Impfpflicht für alle Personen ab 18 Jahren.“

Professor sieht Alternativen zur allgemeinen Impfpflicht

Dr. Erik Hahn ist Professor unter anderem für Medizinrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz.
Dr. Erik Hahn ist Professor unter anderem für Medizinrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz. © Anna Hantschke

„Eine allgemeine Impfpflicht sehe ich derzeit kritisch, da hier noch eine Reihe weniger belastender Alternativen im Raum steht. Das betrifft etwa die einfache Zugänglichkeit von Impfungen im ländlichen Raum und für ältere Personen, das schnelle Boostern der besonders gefährdeten Gruppen und zusätzliche Informationsangebote, die mehr Personen zur freiwilligen Impfung motivieren.

Leichter rechtfertigen lässt sich eine Impfpflicht für Mitarbeiter bestimmter Gesundheitseinrichtungen oder für bestimmte Berufsgruppen wie das medizinische Personal, das besonders häufig im Kontakt mit hochbetagten und vorerkrankten Personen steht, die sich zum Beispiel wegen ihres schwächeren Immunsystems auch mit einer Impfung selbst nicht genug schützen können.

Eine Impfpflicht für bestimmte Altersgruppen wie derzeit in Griechenland wäre dagegen als äußerstes Mittel allenfalls denkbar, wenn nur auf diese Weise die Überlastung der Intensivstationen tatsächlich verhindert werden kann.“

Pflegeheim-Chefin sieht Impfpflicht als einzige Lösung

Ursula Fleischer ist Geschäftsführerin der Pflegeheim Bautzen-Seidau gGmbH.
Ursula Fleischer ist Geschäftsführerin der Pflegeheim Bautzen-Seidau gGmbH. © Archiv/SZ/Uwe Soeder

„Nach eineinhalb Jahren Pandemie und einer schier ausweglosen Situation sehe ich derzeit keine andere Lösung als die allgemeine Impfpflicht. Die medizinischen und sozialen Auswirkungen der Pandemie sind verheerend. Die Impfung rettet Leben - das Leben unserer Bewohner und Mitarbeiter.

Derzeit arbeiten alle am beziehungsweise über dem Limit. Wir müssen schnell zurückfinden zur Normalität und zu einem angstfreien Miteinander. Sollte sich die Impfpflicht nur auf den Gesundheitssektor erstrecken, muss dies alle Berufsgruppen erfassen, die hier beschäftigt sind. Dies betrifft die Heil- und Pflegeberufe genauso wie alle Personen, die mit vulnerablen Personengruppen in Kontakt treten und diese gefährden können.

Von der Impfpflicht sollten nur Personen ausgenommen sein, bei denen medizinische Gründe entgegenstehen. Gleiches gilt für Kinder.“

Bautzens OB hält nichts von Impfpflicht für einzelne Berufe

Alexander Ahrens (SPD) ist Oberbürgermeister der Stadt Bautzen.
Alexander Ahrens (SPD) ist Oberbürgermeister der Stadt Bautzen. © SZ/Uwe Soeder

„Eine allgemeine Impfpflicht kann und sollte nur das letzte Mittel sein. Schon frühzeitig habe ich mich stark für das Impfen ausgesprochen und bin nach wie vor der Meinung, dass wir diese Pandemie nur durch eine hohe Impfquote dauerhaft überwinden können. Dass jetzt über eine allgemeine Impfpflicht debattiert wird, ist aber verständlich, da gerade auch in Sachsen die Quoten zeigen: Es reicht nicht aus!

Allerdings ist hier ein deutliches Politikversagen zu erkennen. Man kann nicht die Impfpflicht über 18 Monate kategorisch ausschließen und nun eine 180-Grad-Drehung hinlegen. Man hätte ehrlich sein und auf die Virologen und Ärzte hören sollen und die Impfpflicht als letztes Mittel zu keinem Zeitpunkt ausschließen dürfen.

Von einer Impfpflicht für bestimmte Berufs- oder Altersgruppen halte ich nichts. Eine Impfpflicht sollte, wenn sie kommt, für alle ab 18 Jahren gelten.“

Mobbingberaterin hält Druck beim Impfen für falsch

Annegret Grothkopp ist Mobbingberaterin beim ostsächsischen Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
Annegret Grothkopp ist Mobbingberaterin beim ostsächsischen Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. © SZ/Constanze Knappe

„Ich kann sagen, dass ich kein Impfgegner war und bin. Heute jedoch haben wir eine andere Situation als früher, da Impfstoffe über einen längeren Zeitraum entwickelt wurden. Deshalb bin ich generell gegen die Impfpflicht. Wir sind mündige Bürger und leben in einem demokratischen Land, wo jeder selbst entscheiden sollte, was er für sich für richtig hält. Wir haben Möglichkeiten, uns zu informieren und abzuwägen, was gut für uns ist. Dazu gehören vor allem im Alter Vorerkrankungen, die ein Risiko sein können.

Aus meiner langjährigen Arbeit als Mobbingberaterin weiß ich, dass Druck nie ein Mittel ist, um Probleme zu lösen. Impfpflicht im medizinischen Bereich kann bedeuten, dass noch mehr Mitarbeiter diese Arbeit aufgeben. Und was dann?

Als ausgebildete medizinische Kraft würde ich heute selbst entscheiden wollen, was ich mit mir machen lasse, wenn ich noch in diesem Bereich arbeiten würde.“

Schmochtitz-Rektor sieht Impfen als Christenpflicht

Sebastian Kieslich ist Rektor des Bildungsguts Schmochtitz Sankt Benno bei Bautzen.
Sebastian Kieslich ist Rektor des Bildungsguts Schmochtitz Sankt Benno bei Bautzen. © SZ/Uwe Soeder

„Ich bin für eine allgemeine Impfpflicht. Denn leider ist die Impfquote immer noch zu gering. Sie reicht nicht aus, um das Coronavirus einzudämmen. Die vergangenen Lockdowns mit den Kontaktbeschränkungen haben mit uns allen schon etwas gemacht. Wir sehen und spüren ja, wie die Gesellschaft auseinanderdriftet. Von daher sollten wir doch alle ein Interesse daran haben, diese Pandemie nicht weiter zu verlängern, sondern alles dafür zu tun, sie zu beenden. Für mich ist die Impfung auch eine Christenpflicht, weil es hier nicht nur um meine Gesundheit geht, sondern auch um die des Mitmenschen.

Die Bekämpfung des Coronavirus und der Schutz der Schwächeren ist nicht das Problem einzelner Alters- und Berufsgruppen, sondern eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. In meinen Augen ist eine Impfpflicht nur für Einzelne ein falsches Signal. Ausgenommen sind diejenigen ohne medizinische Impfempfehlung.“