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Landkreis Bautzen: Keine Impf-Taxis

Sachsen will den Transport alter Menschen zu den Impfzentren anders organisieren. In der Taxibranche sorgt das für Ärger. Ein Unternehmer aus Kamenz erzählt.

Der Fahrservice von Tino Wittig in Kamenz lief vor Corona sehr gut. Seit Monaten hält er sich aber nur mit Krankenfahrten über Wasser. Fahrten zu Impfzentren wären da willkommen.
Der Fahrservice von Tino Wittig in Kamenz lief vor Corona sehr gut. Seit Monaten hält er sich aber nur mit Krankenfahrten über Wasser. Fahrten zu Impfzentren wären da willkommen. © Matthias Schumann

Kamenz. Tino Wittig betreibt seit fünf Jahren einen Fahrservice in Kamenz - und hat es gerade nicht leicht. Denn die Corona-Krise trifft auch die Taxi- und Mietwagenbranche schwer. Sie lebt von der Mobilität der Menschen. Doch die gibt es seit Monaten nicht. Reihenweise werden deutschlandweit deshalb Gewerbe in der Branche abgemeldet. Vor allem in den Großstädten. Laut dem Fachmagazin "Taxi-Times" droht knapp ein Drittel aller Arbeitsplätze in der Branche wegzufallen.

Idee der Impf-Taxis wieder verworfen

Die Idee der sächsischen Staatsregierung, sogenannte Impf-Taxis einzuführen, sorgte deshalb vor ein paar Wochen für leicht positive Stimmung in der Branche. Hintergrund: Damit für Senioren das Risiko einer Corona-Ansteckung reduziert wird, sollte ihnen für die Fahrt zum Impfzentrum durch kostenlose oder vergünstigte Taxifahrten die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel erspart werden. Zuvor hatte es auch im Landkreis Bautzen massive Beschwerden wegen zu langer Anfahrtswege zum Kamenzer Impfzentrum gegeben.

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Doch die Idee wurde nun wieder verworfen. "Der Freistaat ist mit den Landkreisen und Städten und Gemeinden noch im Gespräch zu dieser Frage. Impf-Taxis wird es aber nach derzeitigem Stand nicht geben", teilt Cynthia Thor von der Pressestelle des Bautzener Landratsamtes auf Nachfrage von Sächsische.de mit.

Sollen Feuerwehren den Transport übernehmen?

Doch was nun? An den langen Anfahrtswegen hat sich nichts geändert. "Die Städte und Gemeinden sind aufgerufen, über die Feuerwehr oder andere Möglichkeiten einen Transport von älteren Menschen zu organisieren", sagt Cynthia Thor vom Landratsamt.

Für die Taxi- und Mietwagenbranche bedeutet das einen herben Rückschlag. Doch unverhofft kommt er nicht. "Ich hatte von Anfang an ein komisches Gefühl bei den Versprechungen. Viele meiner Kollegen meinten, dass sie das erst einmal schwarz auf weiß lesen wollen. Eher glauben sie nicht daran", sagt Tino Wittig.

Er ist mittlerweile genervt - vor allem von der Hü-und-Hott-Taktik der sächsischen Staatsregierung. Dass nun Feuerwehren für diese Aufgabe eingesetzt werden sollen, sei unverständlich. "Auch sie werden nicht umsonst fahren. Warum überlässt man solche Aufträge nicht uns Profis?", kritisiert Wittig. Es wäre wenigstens ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen.

Tino Wittig war selbst wochenlang an Corona erkrankt. "Der Virus ist real, doch wir brauchen eine Exit-Strategie aus dem Lockdown. Leider hat man das Gefühl, dass die Politiker nicht wissen, was sie tun", sagt der 52-Jährige

Ohne Krankenfahrten schon längst pleite

"Ich generiere einen Großteil meiner Einnahmen über Krankenfahrten. Dialysen, Chemos oder Bestrahlungen - das hat mir in der Corona-Krise den Hals gerettet. Sonst wäre ich pleite", sagt Tino Wittig. Diese würden allerdings durch die Krankenkassen aktuell geringer und zudem frühestens nach vier Wochen nach erbrachter Leistung vergütet.

Alle andere Aufträge seien weggebrochen. Keiner darf zur Disco, zu Partys, Konzerten. Keiner muss vom Junggesellenabschied abgeholt werden. Niemand lässt sich zum Flughafen fahren. Zu normalen Zeiten fährt Wittig viele ältere Kunden zum Einkaufen oder zum Friseur. Aber viele trauen sich zurzeit nicht aus dem Haus. "Das ist ja momentan auch richtig. Viele werden von ihrer Hausgemeinschaft versorgt. Ich befürchte, dass das allerdings nach der Pandemie so bleiben wird. Damit bricht der Branche künftig ein wichtiger Faktor weg."

Zudem seien Krankenfahrten ein hart umkämpftes Geschäft, weil sie das einzige sind, was derzeit noch geht. Manche haben ihre Taxis auch für Corona-Infizierte umgerüstet. Und trotzdem gibt es erste Insolvenzen. Tino Wittig unterhält sich mit vielen Kollegen. "Es geht allen ähnlich bescheiden", sagt er.

Konzentrierte Impfung in mehreren Orten angedacht

Das Landratsamt sagt aber, dass alle Menschen auf Kosten der Krankenkasse mit dem Taxi zum Impfen fahren könnten, die einen Schwerbehindertenausweis mit den Merkmalen "Bl", aG" und "H" haben beziehungsweise den Pflegegrad 3 (mit eingeschränkter Mobilität), 4 oder 5 besitzen. "Dazu muss man sich aber auch erstmal einen Transportschein vom Arzt holen, das ist ziemlich umständlich", sagt Wittig.

Vielleicht wird das Problem auch bald anders behoben: "Im Gespräch ist die über Städte und Gemeinden organisierte Bereitstellung von Räumen zur konzentrierten Impfung vor Ort. Hier liegen dem Landkreis einige Angebote aus Gemeinden vor", berichtet Cynthia Thor. "Diese würden von mobilen Impfteams aufgesucht, die derzeit noch in Alten- und Pflegeheimen im Einsatz sind", heißt es.

Übrigens: Taxiunternehmer und -Fahrer aus Sachsen demonstrierten Mitte Dezember vor dem Landtag und forderten Hilfen für das Taxigewerbe. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach mit ihnen und gab das Anliegen an Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) weiter. Der delegierte es an das Sozialministerium. "Wenn das so läuft wie mit der Impfstoffbesorgung, wird es dort noch eine Weile liegen", sagt Tino Wittig enttäuscht.

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