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Landkreis ist größter Corona-Hotspot

In Kliniken werden immer mehr Covid-19-Patienten behandelt. Ein Arzt, ein Soziologe und der Landrat nennen sechs Gründe.

Wie hier in Pirna wird immer wieder auf das Tragen von Mund-Nasen-Schutz hingewiesen. Das wird aber häufig ignoriert.
Wie hier in Pirna wird immer wieder auf das Tragen von Mund-Nasen-Schutz hingewiesen. Das wird aber häufig ignoriert. © Daniel Förster

Die Zahl der positiv auf das Corona-Virus getesteten Personen im Landkreis ist auf einem neuen Höchststand. Die 7-Tage-Inzidenz liegt bei 364,4 Fällen je 100.000 Einwohner. Das ist der höchste Wert in Sachsen und gehört zu den höchsten Tageswerten in ganz Deutschland. "Da die stationäre Behandlungsbedürftigkeit bis zu 14 Tage nachläuft, müssen wir deshalb bereits jetzt die Strategien anpassen", fordert der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck.

Auch in den Helios-Kliniken im Landkreis steigt die Zahl der schwer Erkrankten. In Pirna werden aktuell 55 Covid-19-Patienten stationär behandelt. In den Weißeritztal-Kliniken in Freital und Dippoldiswalde sind es 54, so viele wie noch nie. Es sind aber noch genügend Intensiv-Betten im Landkreis frei.

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Grund 1: Unterschätztes Risiko

Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge kam im Frühjahr glimpflich durch die Pandemie, kaum jemand kannte einen Covid-19-Patienten. Dadurch ist das Bewusstsein für die Gefahr jetzt geringer als in Regionen, die im Frühjahr stärker betroffen waren, wie etwa Bayern.

Zudem verlaufen Infektionen in vielen Fällen glimpflich. "Typische Symptome der Immunantwort des Körpers auf eine Infektion können bei jungen Menschen oder Kindern häufiger ganz fehlen. Dennoch sind sie ansteckend", sagt Dr. Christian Riedel, Leitender Oberarzt Pneumologie an der Helios-Klinik Pirna.

Auch die Gleichsetzung mit einer Grippe ist ein unterschätztes Risiko. "Beatmete Covid-19-Patienten bleiben über sehr lange Zeit auf der Intensivstation an der Beatmung und haben auch danach weiterhin einen erhöhten Sauerstoffbedarf", erklärt Riedel.

Grund 2: Infektionsketten nicht mehr nachvollziehbar

Anders als im Frühjahr lassen sich Infektionsketten jetzt oft nicht mehr vom Gesundheitsamt nachvollziehen - trotz Unterstützung von Bundeswehr und Krankenkassen. Dazu sind die Fallzahlen einfach zu hoch. "100 bis 150 Fälle schaffen wir im Schnitt pro Tag abzuarbeiten", sagt Landrat Michael Geisler (CDU). Am Montag, 23. November, waren es aber beispielsweise über 200 neue Fälle. Auch am Dienstag waren es mehr als 150.

Eine neue Strategie beim Testen, beispielsweise anlasslose Massentests, gibt es nicht. Worauf möglicherweise der extreme Anstieg zurückgeführt werden könnte. Deshalb werde von einer verstärkten Ausbreitung ausgegangen.

Im Frühjahr gab es dagegen ein konzentriertes Infektions-Geschehen, bei dem es leichter war, Infektionsketten mit Quarantäne-Maßnahmen einzudämmen. als Herde beispielsweise auf Pflegeheime zurückzuführen waren wie in Niesky. Die Ausbreitung des Corona-Virus Sars-Cov-2 ist jetzt schwieriger einzudämmern.

Grund 3: Ältere Bevölkerung besonders betroffen

Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Plätzen in Pflegeheimen im Bezug zur Bevölkerungszahl. Diese Einrichtungen waren seit Beginn der neuen Corona-Welle im Oktober besonders betroffen. Bei denen lassen sich Abstandsregelungen, das Maskentragen oder Hygienemaßnahmen aufgrund bestimmter Erkrankungen oder Einschränkungen nicht so einfach umsetzen. Als Beispiele seien da nur Demenz oder Schwerhörigkeit genannt.

Wie das Robert-Koch-Institut bereits im Sommer untersucht hat, ist die Bevölkerung über 65 Jahren von schweren Erkrankungen besonders betroffen. Während bei der jüngeren Bevölkerung im Frühjahr keine Übersterblichkeit hochgerechnet werden konnte, war das bei über 65-Jährigen aber festzustellen. Das wird auf das im Alter schwächer werdende Immunsystem zurückgeführt. Aktuell liegt der Altersdurchschnitt im Landkreis bei 48,9 Jahren und damit über dem von Sachsen (47,6).

Grund 4: Neue Situation in Tschechien

Die Grenznähe zu Tschechien spielt jetzt eine andere Rolle als im Frühjahr. Damals hatte Tschechien rigoros reagiert und verzeichnete kaum Fälle. "Und es gab dort die Angst, dass wir das Virus zu ihnen tragen. Jetzt haben wir eine diametrale Lage. Tschechien und Polen gehören zu den Hotspots in Europa", erklärt Raj Kollmorgen, Professor für Soziologie und Management des sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz. Tschechien reagierte jetzt viel später mit staatlichen Maßnahmen.

Der Anteil der Grenzpendler im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge ist insbesondere in der Gastronomie hoch. Die Arbeitskräfte waren im Oktober auch wichtig, als insbesondere in der Sächsischen Schweiz der Tourismus noch brummte.

"Das ist eigentlich ein schönes Zeichen, wie gut wir bereits verknüpft sind", so Kollmorgen. Nur nicht in der Corona-Pandemie. Es geht bei der Bewertung auch nicht darum, Schuldige zu finden, sondern um die umfassende Bewertung, warum sich die Situation jetzt anders darstellt als im Frühjahr.

Grund 5: Skepsis gegen staatliche Maßnahmen

Die Bundeswehr hilft in Krankenhäusern, die Kliniken melden knapper werdende Kapazitäten auf den Intensivstationen, immer mehr Menschen kennen Erkrankte - dennoch gehen regelmäßig in Pirna oder Sebnitz Menschen auf die Straße, um gegen die Corona-Maßnahmen Stimmung zu machen oder fahren zu Demos nach Leipzig und Berlin. Raj Kollmorgen wundert das nicht. "Der Mensch ist außerordentlich findig in der Reinterpretation von Fakten und der Anpassung an seine Ideologien."

In Ostsachsen gebe es in beachtlichen Bevölkerungskreisen eine Grundskepsis gegen staatliche Maßnahmen und Institutionen. Das habe auch mit Erfahrungen des Strukturwandels in den 1990er-Jahren zu tun. "Politische Milieus mit diesem Denken, das sich auch auf die Pandemiebekämpfung bezieht, sind bei uns stärker verbreitet", erklärt Kollmorgen. Auch das könne tendenziell eine Verbreitung des Virus' befördern.

Belegung von Betten in den Weißeritztalkliniken Freital und Dippoldiswalde mit Covid-19-Patienten.
Belegung von Betten in den Weißeritztalkliniken Freital und Dippoldiswalde mit Covid-19-Patienten. © Helios-Kliniken

Grund 6: Ländlicher Raum

Im Frühjahr hatte sich der ländliche Raum als großer Vorteil erwiesen. Mit weniger Geld, weniger Mobilität und einem höheren Altersschnitt war es weniger wahrscheinlich, dass das Virus durch Reisen in Hotspots der Skiregionen oder Berufspendeln in den Landkreis eingetragen wird. "Dieser einstige Vorteil wird nun zum Nachteil", sagt Kollmorgen.

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