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Corona: Dramatischer Appell aus dem Kreis Görlitz

Die Inzidenz im Kreis Görlitz liegt viel zu hoch. Die Folgen in Kliniken und Heimen sind dramatisch. Mehr Betten und Soldaten sind nötig.

Landrat Bernd Lange äußert sich zur Corona-Lage
Landrat Bernd Lange äußert sich zur Corona-Lage © Nikolai Schmidt (Archiv)

Der Landkreis Görlitz stellt sich auf zusätzliche Einschränkungen ein - über die am Mittwoch von Kanzlerin und Ministerpräsidenten vereinbarten hinaus. Denn der Kreis Görlitz gehört mit einer 7-Tages-Inzidenz von 320 zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Kreisen in Deutschland. Für alle Hotspots mit einer Inzidenz über 200 hatte die Runde am Mittwochabend zusätzliche Auflagen vereinbart.

Wie sie aussehen werden, muss jetzt der Freistaat vermutlich bis zum Wochenende festlegen. So sehen das Landrat Bernd Lange und seine Sozial-Beigeordnete Martina Weber. Nach den Angaben von Bernd Lange könnten die Kontaktbeschränkungen deutlich härter ausfallen. Im Gespräch ist offenbar auch eine Art Ausreiseverbot aus dem Landkreis Görlitz. Ohne triftigen Grund könnten dann Reisen über die Kreisgrenzen hinaus verboten werden.

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Allerdings müssten diese zusätzlichen Auflagen auch kontrolliert werden. Schon jetzt ist das ein Problem sowohl an den Grenzen zu Polen als auch Tschechien wie in den Städten selbst. Deswegen hat der Landkreis erneut die Landespolizei um Amtshilfe ersucht. Die Beamten sollen verstärkt in Einkaufszentren die Einhaltung der Corona-Auflagen kontrollieren sowie überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Auch die Städte und Gemeinden wurden vom Kreis erneut aufgefordert, die Kontrollen zu verstärken. Landrat Bernd Lange hält die derzeitigen Einschränkungen eigentlich für ausreichend, "wenn wir sie kontrollieren".

Altenheime ein Schwerpunkt, aber nicht der einzige

Lange und seine Beigeordnete skizzierten ein dramatisches Bild der Lage im Landkreis Görlitz. Seit 70 Jahren habe es so etwas nicht mehr gegeben. "Wir befinden uns in einer Krise wie seit den 1950er Jahren nicht mehr", sagte Lange.

Bislang waren sie davon ausgegangen, dass vor allem die vielen Infizierten in den Alten- und Pflegeheimen die Fallzahlen im Kreis nach oben treiben. Tatsächlich tragen sie auch zu 40 Prozent zu der Entwicklung bei. Aber mittlerweile macht das diffuse Infektionsgeschehen in der normalen Bevölkerung bereits 60 Prozent aller Fälle aus. Möglicherweise würden die Menschen auch unbewusst die Regeln nicht einhalten. Deswegen appellierte Lange an die Bevölkerung im Kreis, sich diszipliniert an die Regeln zu halten, um aus der Spirale der Infektionen herauszukommen.

Intensivkapazitäten im Kreis erschöpft

Bevor es dazu kommt, wird aber noch viel Zeit verstreichen. Denn die Pandemie hat eine lange Bremsspur. Die Infektionszahlen, die in diesen Tagen bekannt werden, zeichnen das Bild von vor einer Woche nach. Erst nach zwei, drei Wochen landen die jetzt Neuinfizierten bei schwerem Krankheitsverlauf in den Krankenhäusern. Es gibt also eine Nachlaufzeit von etwa drei Wochen in der Pandemie.

Die Situation in den Krankenhäusern des Landkreises ist jedenfalls sehr ernst. Martina Weber bezeichnet die Lage bereits als "5 nach 12". Die 29 Intensivbetten sind zu 96 Prozent ausgelastet - nur noch eins ist frei. Die Intensivpatienten sind im Schnitt 73 Jahre alt, derzeit reicht ihre Altersspanne von 48 bis 87 Jahre. Eine lange Zeit hier gepflegter 26-jähriger Intensivpatient wurde mittlerweile nach Dresden verlegt, wie sein Zustand ist, ist im Kreis nicht bekannt.

Die mehrfach bereits aufgestockten 195 Betten auf Normalstationen sind zu 83 Prozent ausgelastet.

Intensivpatienten werden jetzt regelmäßig an Kliniken außerhalb des Landkreises verlegt. Bislang war das vor allem das Uniklinikum in Dresden und Krankenhäuser im Kreis Bautzen, aber auch Freital. Doch die Lage in Bautzen gestaltet sich ähnlich schwierig wie in Görlitz, so dass dieser Weg zunehmend versperrt ist. So werden erste Patienten auch nach Cottbus, Spremberg und Leipzig verlegt.

Dringend mehr klinische Kapazitäten nötig

Doch das stellt auch den Rettungsdienst vor größere Probleme, denn es steigt die Zahl der Transporte. Doch dafür gibt es weder genug Fahrzeuge noch Personal, so dass auch hier der Freistaat um Hilfe gebeten wurde. "Wir können keine Notärzte mitschicken, da muss der Freistaat uns unterstützen", erklärte Frau Weber. Zugleich will der Landkreis Kräfte des Katastrophenschutzes für den Rettungsdienst einsetzen.

Zwar konzentrieren sich die Kliniken im Landkreis im Moment auf die Behandlung von Covid-19-Patienten und akut Erkrankten wie Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten, auch Unfallopfer sind darunter oder palliative Fälle. Doch wird ihnen finanziell das Freihalten von Intensivbetten für Covid-19-Patienten nicht ausreichend vergütet. Deswegen hat der Landkreis den Freistaat aufgefordert, Kliniken wie das Martin-Ulbrich-Haus in Rothenburg oder das Emmaus in Niesky von seinen eigentlichen Aufgaben teilweise zu befreien und dafür in die Behandlung von Covid-19-Patienten einzubinden. Dadurch könnten sowohl die Betten- als auch die pflegerischen Kapazitäten erhöht werden. "Die Rothenburger Klinik ist eine chirurgisch-orthopädische Fachklinik, die eigentlich keinen Grund hat, ihre geplanten OPs abzusagen", erklärt Martina Weber. "Das muss jetzt der Freistaat entscheiden". Ähnliche Entscheidungen sind zur Behandlung von psychisch erkrankten Covid-19-Patienten für die Kliniken in Großschweidnitz und Görlitz nötig.

Zum Teil wird die Rothenburger Klinik aber schon jetzt zu einer Art Tagesklinik dafür genutzt, um Covid-19-Patienten, die mittlerweile negativ getestet und zuvor in Kliniken wie Görlitz, Zittau oder Weißwasser behandelt wurden, in Rothenburg dann auszukurieren. Am schwierigsten ist die Lage am Kreiskrankenhaus Weißwasser, weil dort viele Mitarbeiter krankheitsbedingt ausgefallen sind.

Sorgen bereitet den Verantwortlichkeiten auch, dass die Kliniken keine Kapazitäten mehr haben, wenn sich - wie sonst auch - Anfang des Jahres die Influenza stärker ausbreitet. Derzeit gibt es zudem gehäufte Noroviren-Ausbrüche und die ersten Glätte-Unfälle. All das bringt die Kliniken an die Grenzen des Leistbaren.

Mehr Bundeswehr-Soldaten erbeten

Ohne die derzeit 120 Bundeswehrsoldaten wäre die Lage im Landkreis Görlitz noch schwieriger. Deshalb dankte Bernd Lange der Bundeswehr herzlich für deren Einsatz wie auch den Mitarbeitern in den Altenheimen, Kliniken und in seiner Verwaltung, die sich seit einem Dreivierteljahr der Pandemie entgegenstellen.

Der Kreis Görlitz ist dabei für die Bundeswehr einer der Schwerpunkte - bundesweit. 15 Prozent der derzeit von der Bundeswehr in den bundesweiten Corona-Einsatz geschickten 600 Sanitätskräfte sind im Landkreis Görlitz eingesetzt. "Sie leisten eine gute Arbeit", erklärte Eric Gusenburger, Sprecher der Bundeswehr in Sachsen, "aber es ist noch mehr zu tun".

Deswegen hat Landrat Bernd Lange die Bundeswehr gebeten, weitere 44 Einsatzkräfte zu schicken, 20 weitere für die Kliniken und 24 für den Einsatz in Altenheimen. Eine Entscheidung soll in den nächsten Tagen fallen. Zugleich hat der Kreis eine Verlängerung des Einsatzes bis ins neue Jahr beantragt. Sachsenweit sind 500 Soldaten der Bundeswehr im Einsatz.

Auf den Aufruf des Kreises an die Bevölkerung, sich als Helfer für einen Einsatz im Altenheim zur Verfügung zu stellen, meldeten sich bislang 44 Personen, die ersten Helfer wurden bereits vermittelt.

Zentrale Impfstation in der Messe Löbau

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Zugleich hat der Landkreis dem Freistaat das Messegelände in Löbau als zentrale Impfstation gemeldet, dort könnten nach Vorstellung von Landrat Bernd Lange drei bis vier Impfstrecken eingerichtet werden. Ob es am Ende wirklich so viele werden, ist aber noch offen.

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