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Wenn die Stille Nacht viel zu still ist

Familie Wolf aus Lauenstein lebt für die Musik. Jetzt hat Corona den Ton abgedreht. Schon zum zweiten Mal. Wie hält man das aus?

Von Jörg Stock
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"Immer weiter machen." Die Musikerfamilie Wolf aus Lauenstein, Tino, Madeleine, Luisa und Laura (v.l.), büßt diesen Advent wohl um die fünfzig Auftritte ein, aber nicht die Lust an der Show.
"Immer weiter machen." Die Musikerfamilie Wolf aus Lauenstein, Tino, Madeleine, Luisa und Laura (v.l.), büßt diesen Advent wohl um die fünfzig Auftritte ein, aber nicht die Lust an der Show. © Egbert Kamprath

Wer heute am Haus der Wolfs in Lauenstein auf die Klingel drückt, hätte normalerweise kein Glück. Madeleine Wolf, freiberufliche Sängerin, wäre längst unterwegs nach Seiffen, um im Hotel "Buntes Haus" ein Konzert zu geben. Stattdessen sitzt sie in ihrer Stube, gießt Kaffee ein und reicht Plätzchen. Die sind selbst gebacken. "Irgendwas muss man ja machen", sagt sie.

Die Frage, was es im Advent zu tun gibt, war für Madeleine Wolf viele Jahre sonnenklar: singen, solo, und als Frontfrau der Volksmusikgruppe Bimmelbah' Musikanten. Auch diesmal standen um die fünfzig Auftritte im Kalender. Manchmal drei an einem Tag. Anfragen gab es noch mehr. Manchen fällt ja erst kurz vor knapp ein, dass Weihnachten ist, sagt Tino, Madeleines Mann, ihr Techniker und DJ und außerdem Gitarrist bei den Bimmelbahnern, lächelnd. "Leider hat der Tag bloß 24 Stunden."

Notverordnung kassiert alle Bühnen ein

Doch die Hoffnung, das bittere Corona-Jahr, das nach den endlosen Lockdowns erst zwischen Mai und Juni anfing, mit einem üppigen Finale wenigstens etwas genießbarer zu machen, hat sich zerschlagen. Dabei war relativ lange alles okay, sagt Tino. Doch binnen weniger Tage habe sich das Blatt gewendet. "Das ist für alle Beteiligten überhaupt nicht schön."

"Sängerin mit Leib und Seele." Madeleine Wolf bei einem ihrer letzten Auftritte vor dem Kulturlockdown im Huthaus von Deutschkatharinenberg.
"Sängerin mit Leib und Seele." Madeleine Wolf bei einem ihrer letzten Auftritte vor dem Kulturlockdown im Huthaus von Deutschkatharinenberg. © privat

Die Corona-Notfall-Verordnung hat selbstständigen Kulturarbeitern wie Madeleine Wolf und Hobbymusikern wie den Bimmelbah' Musikanten praktisch alle Bühnen weggenommen. Die Hotels sind für Touristen tabu, die Kulturhäuser geschlossen, die Weihnachtsmärkte abgesagt. Auch private Feiern finden so gut wie nicht mehr statt.

Hochzeit schon dreimal verschoben

Dass Privatkunden die Musik abbestellen, hatte sich schon vor dem "Wellenbrecher" der Staatsregierung abgezeichnet. Mit dem Anstieg der Coronafälle stieg auch die Unsicherheit bei den Menschen, sagt Madeleine Wolf. Überfordert vom Wust der Regeln und der Last der Verantwortung hätten einige Organisatoren lieber gleich die Segel gestrichen.

Bis Anfang November wurden die Lücken im Konzertkalender mit spontanen Aufträgen gestopft. Auf Abruf zu sein, sagt Madeleine Wolf, gehört seit der Pandemie mehr denn je zum Geschäft. Was sonst Monate im Voraus feststand, wird in wenigen Tagen organisiert. Aber viele warten auch lieber ab. Es gibt Hochzeiten, die sind schon dreimal verschoben worden.

Hoffnungsvoller Sommer: Madeleine Wolf (vorn rechts) singt mit den Bimmelbah' Musikanten am Aussichtsturm Ottos Eck in Naundorf bei Dippoldiswalde.
Hoffnungsvoller Sommer: Madeleine Wolf (vorn rechts) singt mit den Bimmelbah' Musikanten am Aussichtsturm Ottos Eck in Naundorf bei Dippoldiswalde. © privat

Madeleine Wolf ist dankbar, dass die Kunden Ausweichtermine buchen. Für 2022 hat sie schon viele Auftritte eingetragen. Fürs aktuelle Geschäft nützt das freilich nichts. Noch sind zwar nicht alle Termine ausradiert, denn der Kulturlockdown reicht ja vorerst nur bis Mitte des Monats. Dass es danach besser wird, hoffen die Wolfs zwar. "Aber der Glaube fehlt", sagt Tino.

Bund will Corona-Hilfen verlängern

Madeleine Wolf, gelernte Hotelfachfrau, lebt für die Musik. "Ich bin Sängerin mit Leib und Seele", sagt sie. Und leise schiebt sie nach: "Noch." Das soll nicht zu pessimistisch klingen. Bisher spielt der Gedanke, die Selbstständigkeit aufzugeben, bei ihr keine Rolle. Ihr Weg sei der richtige, sagt sie. "Aber leicht ist es nicht."

Die Weihnachtszeit bringt ihr normalerweise etwa 20 Prozent der Jahreseinnahmen. Einnahmen, die schon 2020 weggebrochen waren. Damals haben die staatlichen Überbrückungsgelder geholfen, die Lücke zu füllen. Ob auch diesmal wieder Hilfen für sie fließen werden, weiß die Sängerin nicht.

Die Lockdown-Zeit sinnvoll gefüllt: Madeleine Wolf mit ihrer kürzlich erschienenen CD und der neuen Scheibe der Bimmelbah' Musikanten.
Die Lockdown-Zeit sinnvoll gefüllt: Madeleine Wolf mit ihrer kürzlich erschienenen CD und der neuen Scheibe der Bimmelbah' Musikanten. © Egbert Kamprath

Der Bund hat immerhin zugesagt, Soloselbstständige erneut zu unterstützen, etwa mit dem Programm "Neustarthilfe Plus", das bis März 2022 verlängert werden soll. Während der Lockdowns 2019/2020 zahlte der Bund fast 38 Millionen Euro Überbrückungsgelder an Selbstständige der sächsischen Kulturbranche. Sachsen selbst half heimischen Kulturschaffenden mit über sechs Millionen Euro.

Verlassen kann sich Familie Wolf auf das Gehalt von Vater Tino. Als Techniker und Betriebswirt arbeitet er im Vertrieb eines großen Unternehmens für Präzisionsdrehteile. Verlassen kann sich die Familie aber auch auf ihre Lust an der Show. "Wir versuchen, immer weiter zu machen", sagt Tino, "den Kopf nicht in den Sand zu stecken."

Das war schon im letzten Lockdown so. Da haben die Bimmelbahner eine neue CD produziert, die "Musikalische Schlittenfahrt". Nun hat auch Madeleine Wolf ein neues Album herausgebracht. Auf "Dir gehört mein Herz" singt sie Titel aus populären Musicals wie Cats, Phantom der Oper oder Tarzan. Wenn es etwas Gutes gibt an der Situation, sagt sie, dann ist es wohl die Zeit, die nun bleibt, um sich mit solchen Dingen zu beschäftigen.

Allerdings fehlt mit den Auftritten die Gelegenheit, Tonträger zu verkaufen. Und das, wo CDs ohnehin immer weniger gefragt sind. Viele hätten daheim und im Auto gar keine Abspielgeräte mehr, sagt Tino Wolf. Madeleines Songs kann man zwar im Netz herunterladen oder streamen. Das bringt aber nur ein paar Cent ein. Man muss Realist sein, sagt Tino. "Es geht vor allem darum, dass man gefunden wird."

Und dass man gesehen wird. Das geht am besten dort, wo es keinen Lockdown gibt: im Fernsehen. Der Mitteldeutsche Rundfunk hat die Bimmelbah' Musikanten für seine neue Heilig-Abend-Sendung gebucht: Stille Nacht im Arzgebirg. Dort singen die Lauensteiner gemeinsam mit guten Kollegen, mit den Bergsängern Geyer, den Hutzenbossen und den Schwarzwasserperlen.

Die Aufzeichnungen zur Show haben den Wolfs und ihren Mitspielern viel Spaß gemacht, auch wenn sie dort dasselbe Lied ein gutes Dutzend mal in die Kameras singen mussten. Endlich ein Tag, an dem sich nicht alles um Corona drehte. "Man will das auch mal ausblenden", sagt Madeleine Wolf, "und sich auf die Arbeit konzentrieren."

"Sichtbar bleiben." Die Bimmelbah' Musikanten bei Dreharbeiten für die Heilig-Abend-Show des MDR im Wald bei Sayda.
"Sichtbar bleiben." Die Bimmelbah' Musikanten bei Dreharbeiten für die Heilig-Abend-Show des MDR im Wald bei Sayda. © Anett Schönecke

Solche Tage ändern nichts daran, dass es bei den Wolfs jetzt so viel freie Stunden gibt, wie seit Jahrzehnten nicht im Advent. Tochter Laura, die bei den Bimmelbahnern Alt singt, kann, ob sie das nun gut findet oder nicht, noch mehr für ihr Abi lernen. Manchmal gibt es Hausmusik, um im Training zu bleiben. Für Tino Wolf ist klar: Wenn die Region die Pandemie überstehen will, muss die Wirtschaft am Laufen bleiben, auch der Tourismus. Und dafür, sagt er, werden die Musikanten ihren Beitrag leisten.

Die Bimmelbah' Musikanten im MDR Fernsehen: Stille Nacht im Arzgebirg, 24.12. 2021, ab 16.40 Uhr