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Uni Leipzig will Long-Covid-Patienten helfen

300 Covid-Erkrankte aus Sachsen lassen sich für eine Studie untersuchen. Ein Interview mit der Leiterin über das Projekt und seine Chancen.

Long-Covid geht oft mit Erschöpfung und Müdigkeit einher.
Long-Covid geht oft mit Erschöpfung und Müdigkeit einher. © 123rf

Mindestens jeder zehnte Coronapatient hat selbst Wochen oder Monate nach der Erkrankung mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen, die als Long-Covid-Symptome bezeichnet werden. Das belegen aktuelle Zahlen aus England. Viele der Betroffenen sind noch immer arbeitsunfähig und sehnen sich nach einer Rückkehr zur Normalität. Wie und ob das gelingen kann, soll eine Studie untersuchen, die die Universität Leipzig jetzt gestartet hat. Insgesamt 300 Long-Covid-Patienten werden dafür intensiv untersucht. Die SZ hat mit einer Studienleiterin – Professorin Steffi Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin der Uni Leipzig, – über ihre Erwartungen an die Studie gesprochen.

Frau Professorin, warum ist eine solche Studie notwendig?

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Long-Covid ist ein neues Krankheitsbild. Das Besondere an der Erkrankung ist, dass gesundheitliche Spätfolgen nicht nur bei besonders schwer Erkrankten oder künstlich beatmeten Patienten auftreten, sondern auch bei jenen, die nur leichte Symptome hatten. Oft sind dies Menschen im mittleren Lebensalter, die eigentlich noch voll im Berufsleben stehen, jetzt aber vielfach nicht mehr oder nur eingeschränkt arbeitsfähig sind. Die gesundheitlichen Spätfolgen der Corona-Infektion wurden oft nicht ernst genug untersucht. Denn erst jetzt wird deutlich, dass sie offensichtlich über das, was man als Folgen anderer Virusinfektionen kennt, hinausgeht.

Und das tun Sie mit Ihrer Studie jetzt?

Genau. Die ersten der 300 Studienteilnehmer wurden bereits untersucht. Alle haben eine nachgewiesene Covid-Infektion überstanden und leiden noch immer unter den Spätfolgen. Ein Teil von ihnen sind Patienten der Long-Covid-Ambulanz des Uniklinikums. Ein weiterer Teil kommt aus unserer Life-Gesundheitsstudie, für die bevölkerungsrepräsentativ 10.000 Leipziger intensiv auf sogenannte Zivilisationskrankheiten untersucht wurden. Probanden dieser Personengruppe, die eine Corona-Infektion überstanden haben und nun an Spätfolgen leiden, sind für uns besonders interessant. Denn von ihnen haben wir Vergleichsdaten aus der Vor-Corona-Zeit vorliegen. Eine solche vergleichende Untersuchung ist etwas ganz Besonderes.

Welche längerfristigen gesundheitlichen Probleme treten im Zusammenhang mit Covid 19 auf?

Sie können sehr vielfältig sein und verschiedene Organsysteme betreffen, wie die Lunge und das Herz-Kreislauf-System. Betroffene klagen zum Beispiel über Kurzatmigkeit oder Beschwerden nach körperlicher Anstrengung. Sehr häufig sind auch neurologisch-psychiatrische Symptome wie chronische Erschöpfung – Fatigue genannt, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Angst und Depressivität oder Ausfälle im Geruchs- und Geschmackssinn.

Prof. Steffi Riedel-Heller (57) hat in Leipzig und Baltimore studiert. Sie forscht zur Epidemiologie psychischer Störungen.
Prof. Steffi Riedel-Heller (57) hat in Leipzig und Baltimore studiert. Sie forscht zur Epidemiologie psychischer Störungen. © Uni Leipzig

Besondere Sorgen bereiten uns die anhaltende Minderung der Gedächtnisleistung und die damit verbundene eingeschränkte Leistungsfähigkeit. Für die Studienteilnehmer aus unserer vorangegangenen Life-Studie sind für uns die Verläufe besonders interessant, zum Beispiel die kognitiven Tests zum Konzentrationsvermögen und zur geistigen Leistungsfähigkeit.

Welches Ziel hat die Long-Covid-Studie?

Wir wollen die Langzeitfolgen der Covid-Infektion erforschen und verstehen. Es gilt vor allem herauszufinden, wie lange die Beeinträchtigungen anhalten und welche Faktoren ihren Verlauf beeinflussen. Das bessere Verständnis soll natürlich letztlich dazu dienen, Long-Covid-Symptome zu verhindern oder abzumildern. Manche Patienten haben bereits eine Reha oder andere Behandlungen genutzt. Uns geht es auch darum, Versorgungspfade und -angebote zu erfassen. Wir wollen zudem herausarbeiten, ob es Risiko- oder Schutzfaktoren gibt, vielleicht auch immunologische Besonderheiten, die Dauer oder Schwere der Long-Covid-Symptome beeinflussen.

Könnte eine Corona-Impfung ein solcher Schutzfaktor sein?

Ganz klar ist, dass eine Impfung vor einer Corona-Infektion und damit auch vor Long-Covid-Spätfolgen schützt. Ob eine spätere Impfung die nach einer durchgemachten Infektion folgenden Long-Covid-Symptome zu verbessern vermag, wird diskutiert. Das kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantwortet werden. Es gibt erste Berichte, dass die klinischen Beschwerden von Long-Covid-Patienten durch eine Corona-Impfung gelindert wurden. Studien dazu sind auf dem Weg. Deren Ausgang wird mit Spannung erwartet.

Welche Untersuchungen werden bei den 300 Probanden vorgenommen?

Es erfolgen sehr umfangreiche Untersuchungen, zum Beispiel kardiologische wie EKG und Ultraschall der Halsschlagader. Ferner Untersuchungen der Lungenfunktion, labormedizinische Analysen, insbesondere auch immunologische Marker. Eine Teil-Stichprobe erhält ein Hirn-MRT. Einen großen Raum nehmen kognitive Tests und standardisierte Befragungen ein. Wir befragen die Patienten über psychische Symptome wie Ängste, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Erschöpfung, Schmerzen und Schlafstörungen.

Wie wird das alles finanziert?

Wir freuen uns sehr, dass der Freistaat Sachsen unsere Arbeit mit mehr als einer halben Million Euro unterstützt. Damit ist unsere wissenschaftliche Arbeit bis zum Jahresende gesichert. Anfang 2022 wollen wir erste Ergebnisse präsentieren. Natürlich ist es unser Ziel, die Patienten auch nach dieser Zeit weiter medizinisch zu begleiten. Long-Covid-Symptome brauchen eine längerfristige Beobachtung. Doch wichtig ist erst einmal der erste Schritt.

Ist diese Studie mit 300 Teilnehmern eigentlich repräsentativ?

In der Wissenschaft ist es immer wünschenswert, eine große Zahl von Betroffenen zu untersuchen. Wichtig für diese Studie ist, dass es eine sehr tiefgreifende Untersuchung ist, für die teilweise sogar Vergleichswerte aus Vor-Coronazeiten vorliegen. Das ist wissenschaftlich sehr wertvoll und war auch für das sächsische Wissenschaftsministerium ausschlaggebend, unsere Arbeit finanziell zu unterstützen.

Das Gespräch führte Stephanie Wesely.

Behandlung von Long-Covid

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  • Am Uniklinikum Leipzig gibt es in Sachsen derzeit die einzige Post-Covid-Ambulanz mit einer interdisziplinären Betreuung. Das heißt, Pneumologen, Kardiologen, Rheumatologen, Intensivmediziner, Neurologen und Psychotherapeuten arbeiten zusammen. Die Termine bis Jahresende 2021 seien bereits vergeben, sagt Professor Hubert Wirtz, Pneumologe der Ambulanz. Patienten brauchen eine Überweisung.

  • Speziell für psychische Probleme gibt es eine Post-Covid-Ambulanz am Sächsischen Krankenhaus Altscherbitz in Nordsachsen.

  • Auch das Uniklinikum Dresden plant den Aufbau einer solchen interdisziplinären Klinik, befindet sich nach Angaben des Kliniksprechers aber noch in der Sicherstellung der Finanzierung.

  • Patienten mit Spätfolgen einer Corona-Infektion können sich auch an Haus- oder Fachärzte wenden.

  • Tipps für die ganzheitliche Behandlung gibt der Ratgeber „Post-Covid, Selbsthilfe bei postviralen Beschwerden“ der Carstens-Stiftung (Taschenbuch, 6,90 Euro).

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