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Leipziger Impfforscher: "Ängste sind unbegründet"

Dr. Torben Schiffner spricht im Interview über die aktuelle Corona-Lage, Impfstoffe und sein Rezept gegen die Gefahr einer neuen Pandemie.

In Deutschland sind bereits Hunderttausende gegen Corona geimpft.
In Deutschland sind bereits Hunderttausende gegen Corona geimpft. © Symbolbild: Sebastian Gollnow/dpa

Der promovierte Impfstoffforscher Torben Schiffner, 34, entwickelt seit Dezember an der Leipziger Uni eine Breitband-Impfung gegen unterschiedliche Corona-Viren für kommende Pandemien. Für sein Forschungsprojekt kam der Hoffnungsträger mit einem 1,6-Euro-Millionen-Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung vom Scripps Research Institut im kalifornischen San Diego nach Sachsen, um ein Labor für Impfstoffentwicklung aufzubauen – mitten in der Pandemie.

Herr Schiffner, der Auftakt der Impfungen gegen Covid-19 läuft einigermaßen chaotisch. War das vorhersehbar?

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Man hätte sich sicher einen reibungsloseren Start gewünscht. Aber eine Impfkampagne in diesem Ausmaß hat es bisher noch nicht gegeben. Gerade die Impfungen in Pflegeheimen sind sehr aufwendig, auch weil der Biontech-Impfstoff ständig bei minus 80 Grad gelagert werden muss. Deutschland liegt im europäischen Vergleich aber durchaus im Mittelfeld – es gibt Länder, die es besser machen, aber auch welche, die weit hinterherhängen.

Werden die großen Reihenimpfungen der Bevölkerung bald besser laufen?

Davon gehe ich aus, weil die Logistik in großen Impfzentren leichter zu organisieren ist und immer mehr Impfstoffe vorhanden sind. Der Impfstoff von Moderna muss auch nur bei minus 20 Grad gelagert werden, wie im normalen Gefrierschrank.

Rechnet man die aktuellen Zahlen hoch, dauert diese Phase noch mindestens zwei Jahre …

Noch ist der Impfstoff knapp und wir verimpfen tatsächlich nicht alles, was vorhanden ist. Das muss sich ändern. Aber ich bin zuversichtlich. Die Zahlen steigen langsam und es stehen hoffentlich bald mehr Impfstoffe verschiedener Anbieter bereit.

Dr. Torben Schiffner ist Professor am Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. Studiert hat er in London und Hamburg, promovierte im Anschluss an der Uni Oxford.
Dr. Torben Schiffner ist Professor am Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. Studiert hat er in London und Hamburg, promovierte im Anschluss an der Uni Oxford. © Uni Leipzig

Haben Deutschland und die EU zu zögerlich bestellt?

Die EU hat immerhin etwa vier Impfdosen pro Einwohner vorbestellt, ehe sie überhaupt wusste, welcher Impfstoff funktionieren würde. Um das Risiko zu minimieren, hat man diese Bestellungen auf mehrere Anbieter verteilt. Heute zu sagen, man hätte mehr von den Firmen bestellen sollen, die zuerst fertig waren, ist unfair.

Macht es einen Unterschied, mit welchem Produkt man geimpft wird?

Generell nein. Die beiden bisher zugelassenen Impfstoffe sind sich sehr ähnlich, der Unterschied liegt eher in der Handhabung und der Kühlung, ohne dass sich für die Menschen etwas ändert. Impfstoffe beinhalten den Bauplan für das Spike-Protein des Corona-Virus’. Sie bringen dem Körper bei, Antikörper gegen dieses Protein zu produzieren.

Aber es gibt unterschiedliche Präparate.

Wir unterscheiden zwei unterschiedliche Typen von Impfstoffen. Die bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffe von Biontec/Pfizer und Moderna sowie kommende Vektorimpfstoffe von Astra-Zeneca und eventuell bald Johnson & Johnson. Spürbare Unterschiede könnte es für die Geimpften nach heutigem Wissensstand vor allem bei speziellen Allergien oder Unverträglichkeiten geben.

Viele Menschen haben Vorbehalte, darunter viele Pflegekräfte. Zu Recht?

Pflegekräfte, die jetzt skeptisch sind, haben oft ein ungutes Gefühl, weil die Entwicklung so wahnsinnig schnell verlief. Das ist nachvollziehbar, aber leicht zu entkräften: Gerade wegen des hohen Tempos wurden die klinischen Studien umso größer durchgeführt, jeweils mit riesigen Probandengruppen von bis zu 40.000 Menschen, sonst sind es etwa 3000 bis 6000.

Die Zeit hat man an anderen Stellen eingespart, etwa indem Daten sofort an die Zulassungsbehörden geleitet wurden, statt sie monatelang zu sammeln. Ohnehin werden mRNA-Impfstoffe seit vielen Jahren ohne große Probleme erprobt. Ängste sind also unbegründet – zumal inzwischen weltweit Millionen Menschen einen dieser Impfstoffe erhalten haben, ohne dass größere Probleme aufgetreten sind.

Eine Mitarbeiterin im Städtischen Klinikum Dresden hält im Impfzentrum für Mitarbeiter ein Injektionsfläschchen mit dem Impfstoff gegen Corona in den Händen. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer war der erste, der in der EU zugelassen wurde.
Eine Mitarbeiterin im Städtischen Klinikum Dresden hält im Impfzentrum für Mitarbeiter ein Injektionsfläschchen mit dem Impfstoff gegen Corona in den Händen. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer war der erste, der in der EU zugelassen wurde. ©  dpa/Robert Michael

Was sagen Sie Impfgegnern – welche Chancen bietet das Impfen?

Die große Chance der Impfstoffe besteht darin, dass wir wieder zu einem normalen Leben ohne Lockdown zurückkehren können, mit Konzerten und großen Fußballspielen mit Tausenden Zuschauern. Dafür müssen aber 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.

Wie lange wird das Ihrer Einschätzung nach dauern?

Schwierig vorherzusehen. Ich denke aber, dass es möglich ist, die Pandemie in Deutschland bis Ende dieses Jahres in den Griff zu kriegen. Weltweit wird es nicht so schnell gehen.

Helfen die Impfungen gegen die Sars-CoV-2-Mutationen?

Es sieht so aus, dass die englische Variante gut abgedeckt wird. Bei der südafrikanischen Variante gibt es bereits drei Mutationen in dem Bereich, der von Antikörpern bevorzugt erkannt wird. Wenn in Zukunft noch mehr Mutationen hinzukommen, könnte es sein, dass die Wirkung der Impfung ein wenig nachlässt. mRNA-Impfstoffe lassen sich aber schnell modifizieren, Biontech-Chef Şahin hat von lediglich sechs Wochen gesprochen.

Die Impfstoffe bedeuten keinen vollen Schutz. Muss man weiter Maske tragen?

Kein Impfstoff bietet hundertprozentigen Schutz, weil alle Menschen genetisch unterschiedlich sind. Die ersten Stoffe mit 95 Prozent Effektivität sind aber schon sehr, sehr gut. Wir wissen derzeit aber noch nicht, ob sich Geimpfte asymptomatisch infizieren und das Virus dann weiterverbreiten können. Bis dies geklärt ist, und bis genug Menschen geimpft wurden, muss man wohl die Hygieneregeln einhalten.

Die Maske wird uns noch eine Weile begleiten.
Die Maske wird uns noch eine Weile begleiten. © Symbolbild: Friso Gentsch/dpa

Müssen sich von Corona-Genese trotzdem impfen lassen?

Die meisten Genesenen dürften zwar geschützt sein. Letztlich sollten sie dennoch geimpft werden, weil der Impfstoff zuverlässiger gute Antikörper bildet als eine Infektion – allerdings hat ihre Impfung geringere Priorität.

Sie haben an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes in den USA mitgewirkt und sollen nun eine Art Breitband-Impfstoff entwickeln. Was ist das Ziel?

Wir wollen einen Wirkstoff finden, der unserem Immunsystem beibringt, Schwachstellen an verschiedenen Corona-Viren wie SARS-CoV-1, SARS-CoV-2 oder MERS-CoV gezielt anzugreifen. Immerhin gab es in den vergangenen 20 Jahren drei unterschiedliche Corona-Viren, die den Sprung auf den Menschen geschafft haben. Es ist also abzusehen, dass so etwas wieder passiert. Künftig wäre es wichtig, einen Breitband-Impfstoff parat zu haben, der möglichst viele Corona-Viren abdecken kann.

Wie gehen Sie dabei vor?

Wir kehren das bisherige Verfahren der Impfstoffentwicklung um. Statt verschiedene Impfstoff-Kandidaten zu testen, schauen wir uns an, welche Antikörper im Blut von Genesenen gebildet wurden, die mehrere Viren bekämpfen können. Damit entdecken wir Schwachstellen der Corona-Viren und nutzen Computersimulationen, um Impfstoffe zu entwickeln, die gezielt diese Schwachstellen angreifen.

Erwarten Sie während ihrer fünf Jahre in Leipzig den Durchbruch?

Es wurden bereits Antikörper gefunden, die sieben verschiedene Corona-Viren erkennen können. Ich halte es für durchaus realistisch, dass es uns gelingt, binnen fünf Jahren zumindest im Labor eine Breitband-Impfung zu erzeugen. Klinische Studien würden folgen.

Sind Leipzig und Sachsen auf dem Weg zu einer internationalen Hochburg der Impfstoffentwicklung?

Professor Jens Meiler baut hier seit 2019 ein Institut für Wirkstoffentwicklung auf – schon vor der Corona-Pandemie. Er hat mich auch nach Leipzig eingeladen. Wir hoffen sehr, Leipzig in der akademischen Wirkstoffforschung zu einem weltweit wichtigen Standort zu machen.

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Reichen die Forschungsbedingungen dafür in Deutschland aus?

In den USA ist es zwar zum Teil leichter und weniger bürokratisch, an größere Fördersummen zu kommen. Deutschland verfügt aber über sehr großes Knowhow. Das zeigen gerade die Erfolge von Biontec und Curevac.

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