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Wie denkt Jan Josef Liefers jetzt über #allesdichtmachen?

Jan Josef Liefers ist zum Gesicht der Kritiker der Corona-Politik von #allesdichtmachen geworden. Er steht dazu, zeigt aber auch Selbstkritik.

Fast täglich war Jan
Josef Liefers in der vergangenen Woche in Talkshows zu sehen oder in großen Zeitungs-Interviews zu lesen. Hier versucht er, sich bei Maybrit Illner zu erklären.
Fast täglich war Jan Josef Liefers in der vergangenen Woche in Talkshows zu sehen oder in großen Zeitungs-Interviews zu lesen. Hier versucht er, sich bei Maybrit Illner zu erklären. © ZDF

Dresden. So klingt reine Freude: „Großen Dank an alle, die uns die Treue halten, durch dick und dünn mit uns gehen und nicht im Münsteraner Regen stehen lassen!“ So kommentierte Jan Josef Liefers am Montagmorgen die Quoten des „Tatort“ vom Sonntagabend: 14,22 Millionen Zuschauer. Neuer Jahresrekord. „Danke für dieses eindrucksvolle Statement“, schrieb Liefers weiter. Da klang neben Freude noch was anderes an: Erleichterung.

Popularität ist etwas Großartiges. Sie kann aber auch eine Bürde sein, sich sogar in eine Plage verwandeln. Vor allem Schauspielerinnen und Schauspieler kennen das. Jan Josef Liefers kennt das besonders gut, spätestens jetzt, seit zehn Tagen. Seit er und 52 Kolleginnen und Kollegen vorletzten Donnerstag die Aktion #allesdichtmachen starteten und in Videos die Corona-Politik aufs Korn nahmen, kritisch, ironisch, satirisch, etliche sagen auch: zynisch.

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Die Reaktionen sind so massiv wie die Kampagne selbst, es gibt begeisterte, es gibt entsetzte, es gibt wenig dazwischen. Und da sich gerade negative Kritik immer gern gegen Personen richtet – das ist in der Filmbranche nicht anders als in der Politik –, steht Jan Josef Liefers in deren Zentrum. Gemessen daran, scheint der gebürtige Dresdner zu den populärsten Schauspielern Deutschlands zu gehören.

Jan Josef Liefers ist ein Star

Aber was heißt „scheint“? Der 57-Jährige ist ohne Frage ein echter Star. Spätestens, seit er im Münsteraner „Tatort“ an der Seite von Axel Prahl den herrlich blasierten und komischen Gerichtsmediziner Professor Doktor Karl Friedrich Boerne gibt. Fast 20 Jahre machen die beiden das jetzt schon. Sie sind das beliebteste Ermittler-Team der beliebtesten Krimireihe des deutschen Fernsehens. Kein Wunder also, dass Jan Josef Liefers, wohl kaum freiwillig, zum Gesicht der Kampagne #allesdichtmachen wurde. Krimikollege Axel Prahl hatte sich nicht daran beteiligt.

Seither sieht Liefers sich, stellvertretend für die anderen Beteiligten, teils massiven Vorwürfen ausgesetzt. Dass er auf den Gefühlen von Intensivmedizinern und Angehörigen von Corona-Toten herumtrampele. Dass er das Narrativ der „Lügenpresse“ bediene. Dass er überhaupt „Querdenkern“, Corona-Leugnern, den Rechten, den Antidemokraten in die Hände spiele. Auch das lässt der Star nicht auf sich sitzen, und man kann sagen: zu Recht. „Ich lasse mir nicht von Rechten aufzwingen, was ich sage und was nicht“, erklärt er in einem Interview mit der Berliner Zeitung. „Das wurde uns ja schon im Osten immer gesagt: Wer die DDR kritisiert, der spielt dem Klassenfeind in die Hände.“ Dann folgt eins dieser populären Narrative: „Heute heißt es: Wer die Corona-Maßnahmen kritisiert, spielt den Rechten in die Hände.“

Starrsinn oder Rückgrat?

Noch etwas ist Jan Josef Liefers zweifellos: der zurzeit begehrteste Interviewpartner des deutschen Showbusiness. Jedes Medium würde gerne mit ihm über die Aktion und seine Haltung dazu reden. Nur wenige Anfragen kann er annehmen. Die aber sind gut gewählt: WDR, NDR, Maischberger, Berliner Zeitung, Die Zeit. Alle mit sehr großer Außenwirkung. Es dürfte ihm wichtig sein, dass möglichst viele Menschen mitbekommen, was er dazu zu sagen hat. Und anders als viele an #allesdichtmachen beteiligten Kolleginnen und Kollegen steht Liefers trotz allem zu der Kampagne. Es gibt Menschen, die das für Starrsinn halten. Andere nennen es Rückgrat.

So sympathisch er ist, so nett und so ewigerjungemäßig; Glätte und Biegsamkeit kann man Liefers schwerlich attestieren. Seine Ecken hat er sich bewahrt, seit der damals 25-jährige Nachwuchs einer Dresdner Bühnenfamilie am 4. November 1989 auf der bahnbrechenden Kundgebung von Politikern und Kulturschaffenden auf dem Berliner Alexanderplatz auftrat, einen eigenen Text vortrug und das Seine zum kulturell-intellektuellen Todesstoß gegen das SED-Regime beitrug. Erst zwei Jahre zuvor hatte er das Schauspielstudium beendet und war am Deutschen Theater engagiert worden.

Seither lief es prächtig für ihn. Im Wiedervereinigungsjahr ging er ans Hamburger Thalia-Theater, trat daneben in Filmen auf, bis Kino und vor allem Fernsehen seine eigentliche künstlerische Heimat wurden. Mit Helmut Dietls Mediensatire „Rossini“ etablierte er sich 1996 endgültig in der ersten Liga und dreht seither fast pausenlos. Er ist der Mann für Komödien ebenso wie für ernste Stoffe, spielte in der Literaturverfilmung „Der Turm“ das Alter Ego des Vaters von Autor Uwe Tellkamp, tritt häufig in deutschen Historiendramen auf wie „Das Wunder von Lengede“, „Der Untergang der Pamir“ und „Der Baader-Meinhof-Komplex“. In „Nacht über Berlin“ über den Reichstagsbrand von 1933 spielte er an der Seite seiner Frau, der Schauspielerin und Sängerin Anna Loos, mit der „Radio Doria“-Bandleader Liefers seit 2004 verheiratet ist und zwei Töchter hat.

Die andere, vielleicht auch dieselbe Seite: Jan Josef Liefers positioniert sich auch zu gesellschaftlichen Fragen. Er gehörte zu denen, die Asyl für den Whistleblower Edward Snowden fordern. Er engagiert sich auf vielfältige Weise gegen Armut, bekam dafür unter anderem das Bundesverdienstkreuz. Unmittelbar nach dem Losbrechen des Wirbels um #allesdichtmachen stellte er auch das klar: „Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u. Ä. weise ich glasklar zurück. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe als der AfD.“ Das gelte auch „für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte.“

Liefers: "Ich wurde immer meschuggener"

Was aber war das Motiv für seine Teilnahme an dieser enorm streitbaren Kampagne, die in derart emotionalisierten Zeiten auch heftigen Widerspruch geradezu herausfordert? Vor allem dieser Frage hat sich Liefers in den letzten Tagen immer wieder gestellt. Und erklärt: Zu Beginn der Pandemie sei er genauso schockiert gewesen wie alle anderen und von der Richtigkeit der Maßnahmen überzeugt und habe alles über Corona wissen wollen. „Ich habe alle möglichen Zeitungen gelesen, habe Fernsehen geschaut – ich wurde immer meschuggener“, sagte er der Wochenzeitung Die Zeit. Irgendwann habe er kaum noch geschlafen, sei abends ins Bett gegangen mit diesen News und morgens damit aufgewacht. Bis es ihm kurz vor Weihnachten zu viel geworden sei, er die Reißleine gezogen und einfach nichts mehr angeguckt oder gelesen habe. „Fast krank geworden bin ich nicht von diesem tückischen Virus – sondern vom medialen Dauerfeuer deswegen.“

Das könnte erklären, warum Liefers es offenbar nicht mitbekommen hat: Anders als er in seinem Video behauptet, haben nicht erst in den letzten Wochen einige wenige Medien damit begonnen, sich kritisch zur Coronapolitik zu äußern. Das deutlich hartnäckigere Nachfragen begann nach einer Phase der verunsicherten Zurückhaltung und des „Vorsicht ist besser“ bereits im Herbst mit den wieder ansteigenden Infektionszahlen. Es steigerte sich im Dezember zur Unüberhör- und -sehbarkeit angesichts der Totenzahlen und Alarmmeldungen aus den Intensivstationen. Zur gleichen Zeit schwoll auch der offene Maßnahmenstreit in der Politik an. Zu jener Zeit also, als Liefers „die Reißleine“ gezogen und sich vom Info-Fluss abgekoppelt hatte, sein Unbehagen aber gewachsen war.

In eben jener Phase kam der Kontakt zum Regisseur Dietrich Brüggemann zustande, nach bisherigem Kenntnisstand gemeinsam mit dem Arzt und Unternehmer Paul Brandenburg Urheber von #allesdichtmachen – und wie dieser ein Mensch mit politischer Agenda sowie durchaus problematischen Verbindungen zu problematischen Mitgliedern der „Querdenker“-Bewegung. Das sei ihm allerdings nicht klar gewesen, räumte Liefers in der Talkshow von Maybrit Illner ein (hier gibt es die Sendung in der ZDF-Mediathek). „Was ich nicht gemacht habe, ist eine saubere Recherche.“ An der Aktion beteiligt habe er sich, weil er „sechs, sieben Leute kenne, alles Kumpels“, die da mitgemacht hätten. „Damit ist die Sache für mich dann erst mal soweit safe.“ Inzwischen habe er gelernt: „Das darf man nicht machen. Man muss alles zurückverfolgen bis zu den Wurzeln.“

Gefragter Talkshow-Gast: Jan Josef Liefers
Gefragter Talkshow-Gast: Jan Josef Liefers © ZDF und Svea Pietschmann

Vollkommen glücklich mit der Kampagne ist Liefers im Nachhinein nicht mehr. Vor allem nicht mit dem, was er in seinem Video über „die Medien“ geäußert hat. „Mir ist total klar, dass das ungerecht und undifferenziert ist. Dass das falsch zu verstehen ist, das kann man nicht verhindern. Das liegt aber an der kurzen, satirischen Form. Da kann man nicht differenzieren und auch noch an alle gleichermaßen denken.“

An seiner grundsätzlichen Kritik der Corona-Politik hält er fest: Es werde viel zu wenig über die Maßnahmen debattiert, Alternativen würden zu wenig erprobt beziehungsweise abgebügelt, zwischen Kritikern und Befürwortern herrsche vielfach ein „totalitärer“ Tonfall. Die Menschen zwischen diesen beiden Polen würden leider viel zu wenig gehört, findet Liefers. Menschen wie er, „die zwischen diesen polarisierten Gruppen stehen und weder der einen noch der anderen Seite zugehören wollen, aber natürlich schon zweifeln und ihre Fragen haben. Das ist mein Punkt: Da gibt es ein Vakuum.“ Beim Lesen solcher Interviews kann man nur ahnen, wie sich Liefers‘ Rückgrat bei solchen Worten zu voller Länge dehnt. Die Bilder der TV-Talkshows hingegen zeigen deutlich: Es arbeitet schwer in ihm, er überlegt, denkt nach, fährt sich grübelnd durch die Haare, macht Punkte, muss Widerspruch hinnehmen, manchmal bockig, manchmal einsichtig. Es ist kompliziert. Alles.

Viel Kritik, aber auch viel Zuspruch für #allesdichtmachen

Sollte es ein Vakuum von Meinungen zwischen den Polen jemals gegeben haben: Spätestens seit zehn Tagen wäre es gefüllt. Der Zuspruch für #allesdichtmachen ist nicht weniger breit und laut als die Kritik daran. Gerade Liefers erhält für sein Mitwirken viel Lob, unter anderem von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet. Die Moderatoren der NDR-Talkshow – Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo und Judith Rakers – waren nett zu ihm, der Gesprächspartner beim Interview für Die Zeit war Gesundheitsminister Jens Spahn. Mehr Ernstnehmen geht kaum. Prominente haben es auch da leichter.

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Manchmal funktioniert Prominenz auch umgekehrt: Die Popularität der Debatte um #allesdichtmachen trug wohl mehr als die gewohnte Star-Besetzung dazu bei, dass der zufällig perfekt dort hinein platzierte Münsteraner „Tatort“ am Sonntag so viele Zuschauer hatte. Beinahe gespenstisch war es, wie sehr der Inhalt dazu passte. Es ging um gewaltsame Tode ebenso wie die Aussagekraft von Statistiken sowie die Frage, ob dem Pathologen Boerne wissenschaftliches Fehlverhalten unterlaufen war. Was ihn über den sogenannten Dunning-Kruger-Effekt sinnieren lässt: „Möglicherweise bin ich wegen meiner eigenen Inkompetenz nicht in der Lage, meine eigene Inkompetenz zu erkennen.“ Dieser Anfall von Selbstzweifel ist – natürlich – nur vorübergehend. Erneut zeigte sich: Selbst wenn wir Zuschauer gelegentlich dazu neigen, sollte man Schauspieler nicht mit ihren Figuren verwechseln, denn auch Boerne und Liefers trennt mehr, als sie eint. Nicht nur die Fähigkeit, sich selbst ernsthaft zu hinterfragen. Für so etwas, um noch mal Professor Boerne zu zitieren, „bedarf es eines gewissen Maßes an Größe“.

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