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SOE: Reisebüros im Lockdown

Die Corona-Notfall-Verordnung hat die Schließung für Publikum verfügt. Einen Freitaler ärgert die Ungleichbehandlung gegenüber dem Einzelhandel.

Von Gunnar Klehm
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Karsten Führer und Geschäftspartnerin Sylke Zenker dürfen ihre Kunden nur vor ihrem Reisebüro "Reisezeit" in Pesterwitz treffen.
Karsten Führer und Geschäftspartnerin Sylke Zenker dürfen ihre Kunden nur vor ihrem Reisebüro "Reisezeit" in Pesterwitz treffen. © Egbert Kamprath

An der Ladentür in Freital-Pesterwitz klopft es. Karsten Führer zieht seine Maske zurecht und schließt von innen auf. Eine ältere Dame streckt ihm einen Reisevertrag für den Sommer entgegen. Führer guckt kurz drüber und freut sich, dass ihm seine Stammkunden trotz allem halbwegs treu sind.

Es ist zwar die ganz gewöhnliche Öffnungszeit an einem Dienstagvormittag, doch gegenwärtig ist für Reisebüros nichts wie immer. Publikumsverkehr ist für sie seit Neuestem untersagt. Führer und seine Geschäftspartnerin Sylke Zenker ärgert besonders, dass es ausgerechnet für Reisebüros noch schärfere Einschränkungen gibt als für den Einzelhandel oder die Gastronomie. Dort kommt man wenigstens noch mit dem Nachweis als Geimpfter oder Genesener rein. Für Reisebüros ist quasi ein Lockdown verhängt.

Jegliche Vorsorge getroffen

Dass sie nur noch Reisen "to go" verkaufen dürfen, ärgert sie maßlos. Sie haben jegliche Vorsorge getroffen. Eine Luftfilteranlage mit neustem Standard eingebaut, Raumteiler für den angeordneten Abstand aufgestellt und Glasscheiben auf den Schreibtischen sorgen für zusätzlichen Schutz. Mit Terminvereinbarung würde zudem Kundenrückstau vermieden. Alle Beschäftigten sind zudem geimpft. Mehr kann man als Unternehmer nicht an der Eindämmung der Pandemie mitwirken.

Trotzdem sollen Reisebüros mindestens bis 12. Dezember für Kunden geschlossen bleiben. "Bei aller Akzeptanz unserer Rechtsstaatlichkeit und Anerkennung verschiedener Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie kann ich einzelne Punkte nicht mehr nachvollziehen", schreibt Führer in einem offenen Brief.

Keinesfalls will er sich mit Radikalen gemein machen, die jetzt die Corona-Lage für sich nutzen wollen. Aber dass ausgerechnet die Reisebüros mit den schärfsten Maßnahmen bedacht werden, will er nicht klaglos hinnehmen. Dass nebenan dagegen eine Schlange am Testzentrum stehen darf, lässt ihn den Kopf schütteln.

Nicht jeder Kunde hat Internet

Für seine Stammkundschaft will er trotzdem da sein. "Es gibt nun mal noch viele Kunden, die nicht online buchen und kompetent beraten werden wollen", sagt Führer. Mit kurzfristigen Stornierungsbedingungen bietet er auch einen Mehrwert an. Im Dezember würden traditionell die Urlaube für den Sommer, die Hauptreisezeit, geplant.

Vieles läuft jetzt per Telefon. Die Kunden sagen dann ihre Wünsche, Führer, Zenker und ihre Angestellten stellen entsprechende Angebote zusammen und senden sie dann per E-Mail zu. Aber selbst E-Mail-Adressen sind nicht immer selbstverständlich vorhanden, dann muss es auch mal per Post gehen. Schließlich stehen Kunden mit Papieren in der Hand vor der Ladentür.

Am Ende bleibt weniger Kundschaft und dennoch für jeden Einzelnen ein Mehraufwand. Ihr zweites Reisebüro "Reisezeit" in Kesselsdorf hatten sie schon nach der ersten Corona-Saison aufgegeben, die Mitarbeiterinnen aber behalten.

Ministerium: Einschränkung ist zumutbar

Die in Dresden ansässige Reisebürokooperation TSS hat über ein Mitglied einen Antrag auf "einstweiligen Rechtsschutz" gestellt. Am Dienstag hat das Oberverwaltungsgericht abgelehnt, die Schließung der Reisebüros außer Vollzug zu setzen.

Der Verein "Dresdner Reisebüros" hat darüber hinaus die Sächsische Landesregierung um eine Erklärung gebeten. Die Antwort aus dem Sozialministerium, die Sächsische.de vorliegt, hat bei den Betreibern der Reisebüros nicht gerade zur Beruhigung der Gemüter beigetragen. Der Landesregierung sei zwar bewusst, dass sich nun Unternehmen der Branche um ihre Existenz sorgen, nötig sei die Maßnahme aber trotzdem. So würden Kontakte und damit das Infektions-Geschehen reduziert. Das sei unabdingbar, weil Krankenhäuser überlastet sind.

Weshalb aber nicht 2G wie im Einzelhandel erlaubt ist, wird damit begründet, dass Reisebüros ja online weiterarbeiten könnten. "Aber genau das möchte unser Kunden-Klientel ja nicht", sagt Anett Herrmann, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Dresdner Reisebüros. Eingeschränkt werde laut Ministerium auch "nur der unmittelbare persönliche Kundenkontakt und nicht die Geschäftstätigkeit als solche". Es sei zumutbar, dass "entsprechende Vorgänge am Computer oder telefonisch erledigt werden". Zudem wird auf Überbrückungshilfen des Bundes und das Kurzarbeitergeld verwiesen.

"Wie weltfremd muss man sein, um eine solche Antwort zu verfassen", sagt Führer und betont, dass er die Pandemie keineswegs leugnet, die Ungleichbehandlung für ihn aber nicht nachvollziehbar ist.

Schließung vorerst bis 12. Dezember

Ganz kompliziert wird es für Einrichtungen mit gemischten Angeboten wie etwa den SZ-Treffpunkten. Dort können Kunden Kleinanzeigen aufgeben, Bücher oder Souvenirs erwerben und auch Touren über SZ-Reisen buchen. In Paragraf 9 der Corona-Notfall-Verordnung heißt es wörtlich: "Die Öffnung von Reisebüros, Versicherungsagenturen, Vermögensberatungsbüros, Unternehmensberatungsbüros, Finanzdienstleistungsbüros mit Ausnahme der Banken und Sparkassen, für Publikumsverkehr ist untersagt".

Da kommt die Frage auf, wie gemischt ein genanntes Geschäft sein muss, um nicht mehr als Reisebüro zu gelten. Führer will deshalb aber noch nicht Lebensmittel oder Bekleidung ins Sortiment aufnehmen, um seine Kunden beraten zu dürfen. Er ist optimistisch, dass die Regelung so nicht beibehalten wird.

Der Funken Hoffnung ist auch nicht gänzlich unbegründet. Am Ende heißt es in dem Antwortbrief des Ministeriums, dass "die Öffnung der Reisebüros bei der kommenden Anpassung der Corona-Notfall-Verordnung geprüft wird".