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Lockdown im Kinderheim

Heimkinder haben keine Lobby. Auch in der Pandemie werden sie vergessen, sagt die Heimchefin in Dorfhain.

Wenigstens ist der Spielplatz offen: Der Garten des Dorfhainer Kinderheims wirkt gut gegen Lagerkoller. Beim Homeschooling hilft er nur bedingt.
Wenigstens ist der Spielplatz offen: Der Garten des Dorfhainer Kinderheims wirkt gut gegen Lagerkoller. Beim Homeschooling hilft er nur bedingt. © Steffen Unger

Manuel kommt angesprungen, um die schlammige Kugel zu erwischen und sie zu Rudolf, dem Erzieher, zu ballern, der den Tormann macht. Doch da rutscht er weg und liegt selber im Matsch. Er flucht nicht über die verdreckte Hose. Solange er hier draußen ist, muss er keine Arbeitsblätter ausfüllen, muss nicht am Computer gucken, ob der Lehrer wieder was geschickt hat. Für den Lockdown findet er spontan nur ein Wort: "Scheiße."

Der Bolzplatz liegt im Garten des Kinderheims Dorfhain. Das ist das Gute: Dieser Platz war trotz Pandemie immer offen und immer bereit, Energien, Spannungen, Frust aufzunehmen. Davon gibt es reichlich. Manuel, dreizehn, der ohne Corona jetzt in einer Freitaler Oberschule sitzen würde, stöhnt über sein Pensum. Heute muss er "übelst viel" für Geschichte schreiben. Und wenn er das geschafft hat, wird schon "ein übelster Stapel" neue Aufgaben warten. "Da hast du keinen Bock mehr!"

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Das Heim, betrieben vom Deutschen Roten Kreuz, ist in einer Villa eingerichtet. Ein Dorfhainer Elektrofabrikant hatte sie in den 1920ern für sich bauen lassen. Heute ist hier das Ersatzzuhause von 18 Kindern und Jugendlichen, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Familien leben können. Und seit es das Virus gibt, ist die Villa auch eine Ersatzschule. Was fehlt, sind die Lehrer.

"Wir haben keine Lobby." Sybille Clemens leitet das Kinderheim von Dorfhain. Den Lockdown hat sie nur mit geborgtem Personal durchgehalten.
"Wir haben keine Lobby." Sybille Clemens leitet das Kinderheim von Dorfhain. Den Lockdown hat sie nur mit geborgtem Personal durchgehalten. © Steffen Unger

Während die "häusliche Lernzeit" selbst intakte Familien vor große Probleme stellte, brachte das Schul-Aus den Kinderheimbetrieb an den Rand des Kollapses. Vor allem deshalb, weil plötzlich alle Kinder, die sonst den Vormittag in den Schulen verbrachten, plötzlich im Haus waren. Die Erzieher, die eigentlich von acht bis zwölf frei haben, mussten zum Dienst antreten, der nunmehr rund um die Uhr lief.

"Jammern und meckern verboten!" Das steht auf einem Schild im Büro von Sybille Clemens. Sie ist gelernte Kinderkrankenschwester, Erzieherin, und seit zwölf Jahren die Heimleiterin in Dorfhain. Sie ist nicht die Frau, die bei Problemen einknickt. Sie sucht lieber Lösungen. Doch das ist nicht so leicht, wenn die stationäre Jugendhilfe, wozu auch ihr Haus gehört, in der Pandemie total vergessen wird, wie sie sagt.

Jüngstes Beispiel: Die Heimerzieher fehlen auf der Liste des Ministeriums der jetzt zu impfenden Personen. Für Sybille Clemens ist das symptomatisch: "Wir haben keine Lobby." Während sich intakte Elternhäuser für gute Bedingungen in Kitas und Schulen stark machen, tun das Eltern von Heimkindern kaum. Sich für die Heime einzusetzen, hieße, auf die eigenen Probleme aufmerksam zu machen - Überforderung, Vernachlässigung, Sucht. "Niemand will sich mit diesem Makel outen."

Auch wenn die Arbeit gerade nicht so viel Spaß macht: Diese Leitsätze neben Sybille Clemens' Schreibtisch gelten weiter.
Auch wenn die Arbeit gerade nicht so viel Spaß macht: Diese Leitsätze neben Sybille Clemens' Schreibtisch gelten weiter. © Steffen Unger

Erzieher im Kinderheim arbeiten anders als die in der Kita. Pro Wohngruppe, in der acht bis zehn Kinder leben, gibt es vier Betreuer. Ausgenommen den Vormittag ist immer einer für die Gruppe da, auch nachts. Es sind Ersatzmütter und Ersatzväter. Enge Absprachen und Erreichbarkeit auch im Frei sind für das Team die Norm. Schichtarbeit und psychische Belastung in Kauf nehmen, das wollen nur wenige, sagt Sybille Clemens. Deshalb sind Personalsorgen ihr ständiger Begleiter.

Mit Corona hat sich die Lage noch einmal verschärft. Solange Lockdown ist, die Kinder im Heim hocken, fallen täglich vier Stunden Mehrarbeit an, um die Vormittagsbetreuung abzusichern. Mit den eigenen Erziehern sei das nicht zu schaffen, sagt Sybille Clemens. Nur gut - in Anführungszeichen - dass die Kitas des DRK voriges Frühjahr und auch jetzt wieder über Wochen geschlossen waren. So konnten Erzieher von dort im Kinderheim einspringen. "Wir haben Mann und Maus in die Gruppen geschickt."

Die Herausforderung: nicht nur Erzieher sein, auch Lehrkraft. Fünf verschiedene Schulen schickten Aufgaben über Lernsax ins Heim. Abgesehen davon, dass anfangs Computer fehlten, es gab nur einen pro Wohngruppe, und dass das Internet in vielen Ecken der alten Villa zu schwach war: Den Kindern fällt es schwer, sich zu organisieren, sagt die Heimchefin. Ein guter Teil besucht Förderschulen, hat sowieso Motivationsprobleme. Es hakt beim Lesen und Verstehen. "Wie sollen sich die Kinder dann selbstständig Stoff aneignen?"

Zu viele Aufgaben, die man nicht "checkt": Der 15-jährige Gilberto versucht, sich den Aufbau des menschlichen Auges einzuprägen.
Zu viele Aufgaben, die man nicht "checkt": Der 15-jährige Gilberto versucht, sich den Aufbau des menschlichen Auges einzuprägen. © Steffen Unger

Erfolglosigkeit führt zu Frustration. Und dieser Frust war auf einmal nicht mehr in der Schule, sondern da, wo die Kinder eigentlich abschalten sollen, im Heim. Und das Tag für Tag. "Es war schlimm", sagt Sybille Clemens. Die Erzieher können nur bedingt helfen, vor allem, wenn die Schulzeit schon länger her ist. Da fehlt die Zeit, sich in die Aufgaben reinzudenken, sagt sie. Und ab elf muss schon wieder das Mittagessen vorbereitet werden.

Gilberto, 15, ist in der 8. Klasse. Er paukt Bio, Aufbau des menschlichen Auges. Zuerst fand er es ganz cool, als die Schule zu war, erzählt er. Aber dann kamen all die Aufgaben, "immer neue Themen, die ich nicht gecheckt habe". Man googelt nach, und dann kommen Hunderte Seiten, die auch nichts bringen. "In der Schule war es entspannter", sagt Gilberto. Da war auch mal jemand anderes dran. Er selbst konnte sich zurücknehmen. Im Homeschooling ist nur er dran, immer.

Corona hat den Kindern viel Kontakt genommen, nicht nur den zur Schule. Manuel ging in Dorfhain zur Jugendfeuerwehr. Da hat er mal Zeit für sich gehabt, erzählt er, zum Nachdenken, zum Reden mit den Freunden. Seit einem Jahr gibt es keinen Dienst mehr. Es gibt überhaupt wenig Erlebnisse, wenig Dinge zum Erzählen, sagt Heimchefin Clemens. Das verstärkt den Lagerkoller, der in einem Kinderheim ohnehin schon permanent vorhanden ist. Sie beobachtet einerseits Gereiztheit, andererseits auch verstärkte Lustlosigkeit bei den Kindern. "Nichts macht mehr Spaß."

Kopf auslüften zwischen den Lerneinheiten: Gilberto und sein Erzieher Rudolf Kaiser kicken eine Runde auf dem hauseigenen Bolzplatz.
Kopf auslüften zwischen den Lerneinheiten: Gilberto und sein Erzieher Rudolf Kaiser kicken eine Runde auf dem hauseigenen Bolzplatz. © Steffen Unger

Der größte Teil der Heimkinder ist nun in die Klassenräume zurückgekehrt. Ab Montag ist es für Gilberto und Manuel auch soweit. Sybille Clemens hofft inständig, dass der Lockdown bald vorbei ist. Mehr als hoffen kann sie nicht. Vielleicht schmerzt sie das am meisten: Dass sie die klaren Worte, die Kinder brauchen, nicht geben kann. "Wir sind nicht mehr der Fels in der Brandung", sagt sie, "weil auch wir nicht wissen, wie es weitergeht."

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