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Lockdown in Tschechien: Genieße die Ruhe!

Die Maßnahmen gegen Corona haben auch überraschend angenehme Nebenwirkungen - findet unser Korrespondent in Prag.

Polizisten patrouillieren auf einer leeren Straße in Prag nach Beginn der nächtlichen Ausgangssperre, die die Regierung wegen steigender Corona-Zahlen verhängt hatte.
Polizisten patrouillieren auf einer leeren Straße in Prag nach Beginn der nächtlichen Ausgangssperre, die die Regierung wegen steigender Corona-Zahlen verhängt hatte. © AP/dpa/Petr David Josek

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt

Drei Jahrzehnte ist es schon her, da die britische Band Depeche Mode mit „Enjoy the Silence“ (Genieße die Ruhe) einen Hit einspielte, der zu ihren kommerziell erfolgreichsten gehörte. Im offiziellen Video wandert Sänger Dave Gahan mit einer Königskrone auf dem Kopf durch karge schottische Hügellandschaft, entlang der stürmischen Atlantikküste von Portugal und in den schneebedeckten Schweizer Alpen. Zwischendurch setzt er sich immer wieder auf einen Klappstuhl, schaut versonnen in die Ferne und genießt die Ruhe.

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Für ein Remake des Videos heute könnte der gekrönte Dave Gahan seinen Klappstuhl locker auch in meinem Prager Garten aufschlagen. Um sich zwischen 21 Uhr abends und fünf Uhr morgens an einer speziellen Ruhe zu ergötzen. Da gilt hier derzeit eine nächtliche Ausgangssperre, die mit der unerfreulichen Krone namens Corona zu tun hat.

Kein nächtliches Grundrauschen mehr

Da hört man nichts mehr von den zig Tausenden Autos, die sonst täglich in zwei Kilometern Luftlinie Entfernung die wichtigste tschechische Autobahn von Prag Richtung Mähren und in umgekehrter Richtung frequentieren. Das Grundrauschen dieses massiven Verkehrs macht jetzt nachts hörbar völlig anderen Geräuschen Platz. Leisem, geheimnisvollem Rascheln aus meinem Garten, das ich sonst nie gehört habe. Es wird bei einem leichten Wind hörbar und verfolgt mich und meinen Kater bis in den Schlaf.

Ich habe meinen Garten vorrangig mit Ziergräsern bepflanzt. Die sind überaus dekorativ. Herausragend dabei ist mein Pampasgras, das im zweiten Jahr zum ersten Mal seine champagnerfarbenen Rispen entwickelte. Anfangs waren es nur drei, jetzt sind es auch schon mal bis zu 25 jedes Jahr, die sich mit geballter Kraft im Spätsommer ans Tageslicht schieben und bis zu 1,75 Meter groß werden.

Gespenstische Leere an der Prager U-Bahn-Haltestelle Muzeum.
Gespenstische Leere an der Prager U-Bahn-Haltestelle Muzeum. © Vit Simanek/CTK/dpa

Zu meinen vielen anderen Lieblingsgräsern in meinem Garten gehört das Lampenputzergras mit seinen filigranen Blättern und imposanten Rispen, die tatsächlich wie ein Werkzeug aussehen, mit dem man zwar keinen Lampen, aber immerhin Flaschen innen säubern könnte.

Beim Urlaub in Dänemark kam mir die Idee, Elefantengras anzupflanzen. Das aus Asien über Dänemark nach Europa eingeführte Ziergras wächst so schnell, dass man dabei beinahe zusehen kann. Für mein Elefantengras habe ich mir in Prag Ableger aus einem anderen Garten besorgt. Reichlich gegossen, wird es von Jahr zu Jahr größer und überragt mich mittlerweile.

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Im November binde ich meine trocken gewordenen, raschelnden Ziergräser zusammen, damit sie auch im Winter eine Augenweide sind. Jetzt erzeugen sie mithilfe des Winds einen anheimelnden Ohrenschmaus. Sage also niemand, dass Corona bei all seinem Übel nicht auch schöne Nebenwirkungen haben kann.

Leider kann ich mir die Einladung an Dave Gahan zum Genuss meiner speziellen Ruhe sparen. Nicht nur, dass er seine Krone oder seinen Klappstuhl aus dem Video zu „Enjoy the Silence“ im Laufe der Jahrzehnte mit Sicherheit verlegt haben wird. Nein, er würde auch deshalb nicht kommen, weil er die Stille von Prag nur genießen könnte, weil Tschechen gerade Hochrisikogebiet ist. Das muss er nicht haben. Lausche ich also gemeinsam mit meinem Kater nachts allein weiter.

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