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Lockdown bei Sven Baumgart in Geising

Den Sinn der Corona-Verordnung sieht der Ratskeller-Wirt ein. Doch Verwaltungen machen ein Bürokratiemonster daraus und Politiker halten sich nicht daran.

Sven Baumgart, Inhaber des Ratskellers Geising
Sven Baumgart, Inhaber des Ratskellers Geising © Egbert Kamprath

Galgenhumor beherrscht Sven Baumgart perfekt. Seit November hat er die Gästezimmer seines Ratskellers frisch gemalert. Auf ein Lob für die gelungene Arbeit antwortet er nur: "Man wills dem Insolvenzverwalter ja im ordentlichen Zustand übergeben."

Der Ratskeller in Geising gleich neben dem Rathaus ist eine Institution, und Sven Baumgart, der ihn vor 13 Jahren übernahm, ist es längst auch. Bei ihm wird aus einem Tresenbier schnell nachts halb zwei. Er kann bestens unterhalten, am allerbesten mit Witzen über sich selbst. "Halbtags arbeite ich schon, seit ich 14 bin", sagt er doppelbödig, "zwölf Stunden sind es immer." Nachmittags ein OP-Termin? Bleibt genügend Zeit, um vormittags in der Gastwirtschaft zu bedienen.

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Ort, Lage, Leute - in Geising passte alles

Geising war das Örtchen seiner Wahl, als der 53-Jährige beschloss, selbst einen Gasthof zu übernehmen. "Hier stimmte alles: der Ort, die Lage, die Leute". Als er das erste Mal Gewerbesteuer an die Stadt Altenberg zahlen musste, war er sogar ein bisschen stolz. "Das war für mich die Bestätigung, gut zu arbeiten."

Den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 habe er eingesehen, das Schicksal der Menschen in den Altersheimen ging ihm nahe. Er würde sich sofort impfen lassen, "mit jedem Impfstoff." Von einem flächendeckenden Einsatz der Coronatests habe er sich viel versprochen. "Aber inzwischen habe ich das Vertrauen in unseren Staat verloren", sagt er.

Anderen Fehler verzeihen, aber kein Pardon bei eigenen

"Gesundheitsminister Jens Spahn gibt ein Spendendinner, als wir schon lange nicht mehr öffnen durften. Eine Politikerin macht einen Urlaubsflug nach Kuba, während unsere Stammgäste nicht kommen dürfen. Die Schulen öffnen mit einer Testpflicht, aber dann sind keine Tests da. Den alten Leuten in Altenberg wird ein Impfbus versprochen, aber dann kommt keiner." Das alles sollen die Bürger Politikern nachsehen, Entschuldigungen annehmen, Fehler verzeihen.

Doch wenn Sven Baumgart bei einem Antrag die Fristen nicht einhält, gibt's kein Pardon von der Arbeitsagentur - und auch kein Geld.

Kurzarbeitsantrag nur mit Anzeige

"Im November beantragten wir Kurzarbeit für meine vier Mitarbeiter", erzählt er. Dazu muss man wissen, dass nicht nur ein Antrag nötig ist, sondern auch eine "Anzeige über Arbeitsausfall", ebenfalls bei der Arbeitsagentur. "Wir hatten Kurzarbeit wegen des Lockdowns schon im März 2020 angezeigt, also dachte ich, die Anzeige gilt noch. An den Gründen hatte sich ja nichts geändert."

Denn wie alle anderen Gastronomen auch hatte Sven Baumgart auf den "Zeitraum der geplanten Arbeitszeitreduzierung" keinerlei Einfluss. Die Corona-Verordnung mit den Lockdown-Maßnahmen erlässt der Freistaat Sachsen. Für die Arbeitsagentur kein Grund, den Arbeitsausfall in der Gastronomie von selbst auf das Öffnungsverbot zurückzuführen.

Bürokratische Hürden der Coronahilfen

"Am 23. Dezember bekam ich Post, dass der Antrag ohne Anzeige nicht bewilligt wurde." Am 28. Dezember schickte er also noch die Anzeige ab. "Doch die kam erst am 4. Januar in der Arbeitsagentur an. Zu spät, meinten die, die Frist endete im Dezember, 'die Gesetze sind für alle gleich.'" Kurzarbeitsgeld für November erhielt Baumgart also schon mal nicht.

Bürokratische Hürden überall: Die berühmte Novemberhilfe des Bundesfinanzministeriums von 75 Prozent des Umsatzes vom Vorjahresmonat hat Baumgart zwar inzwischen vollständig erhalten, "aber von der Dezemberhilfe fehlen noch ein paar Tausend Euro", sagt er und imitiert die Behördensprache: "Der Rest wird noch geprüft, von Nachfragen bitten wir abzusehen." Die Anträge für die Januarhilfen kann sein Steuerberater seit Anfang März herunterladen. "Nachts halb zwei, sonst sind die Server überlastet."

Zahlungen für Kredit, Versicherungen und Steuerberater

Stichwort Steuerberater: Die Wirtschaftshilfen des Bundes dürfen nur sie beantragen. "Das Finanzamt hat keinerlei Schwierigkeiten, eine jahrealte Blumenstrauß-Rechnung in meinen Steuererklärungen anzuzweifeln", sagt Baumgart. "Aber meinen Novemberumsatz aus dem Jahr 2019 kennen sie offensichtlich nicht gut genug, um die Hilfen auszurechnen. Dazu brauche ich einen Steuerberater."

Baumgart schätzt die Arbeit seines Beraters, aber er muss sie auch bezahlen - genauso wie Strom und Wasser, "circa 1.500 Euro monatlich", dazu Krankenkasse, Versicherungen, Personalkosten. Über 30.000 Euro privates Geld hat er seit November in den Ratskeller geschossen.

Schließungen im Osterzgebirge sind oft endgültig

"Ich könnte meine Leute ja auch entlassen. Dann würden sie den Staat mehr kosten als das Kurzarbeitergeld", sagt Baumgart. "Aber erstens arbeite ich gern mit ihnen zusammen. Zweitens kriege ich hier keine neuen." Personalmangel und Nachwuchssorgen in der Gastronomie waren schon vor Corona die dringendsten Probleme im Osterzgebirge.

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Inzwischen wirken sich die Schließungen und der lahmgelegte Tourismus auf die nächste Reihe aus. "Warum haben wir denn hier in Geising noch einen Fleischer, einen Bäcker und einen Gemüsehändler? Weil die Gastronomie und die Touristen dort einkaufen", sagt Baumgart. Nur von den Einwohnern könnten die Läden nicht überleben. "Und wenn hier einer zu macht, macht kein neuer auf."

Baumgart lacht gern, für dumpfe Parolen ist er zu gewitzt. "Bei der nächsten Wahl wähle ich die Satirepartei", sagt er. "Die passt am besten zu dieser Komödie hier."

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