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"Lockdown wäre saubere Lösung, aber…“

Der Pirnaer Landrat Michael Geisler warnt davor, dass Infektionsketten bald außer Kontrolle geraten könnten. Warum er trotzdem gegen einen Shutdown ist.

Der Pirnaer Landrat Michael Geisler (CDU) mit Mund-Nasen-Schutz. "Mich piept das Ding auch an."
Der Pirnaer Landrat Michael Geisler (CDU) mit Mund-Nasen-Schutz. "Mich piept das Ding auch an." © Daniel Förster

Die Corona-Lage im Landkreis ist angespannt. Jeden Tag gibt es rund 30 positive Tests, an die 90 Personen werden mittlerweile in den hiesigen Krankenhäusern behandelt, wobei davon nicht alle aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge kommen. Weil sich das Virus immer schneller verbreitet, wird in den nächsten Wochen im Landkreis mit einem Anstieg auf 60 bis 100 neue Infizierte pro Tag gerechnet. Bereits heute sind beim Landratsamt in Pirna und Freital knapp 100 Mitarbeiter und Bundeswehrsoldaten damit beschäftigt, Kontaktpersonen von Infizierten zu ermitteln und die Testungen zu managen. Pro Infizierten geht man im Schnitt  von 15 Kontakten aus, die zunächst in Quarantäne gesteckt und rasch getestet werden müssen. Bald wären also pro Tag 1.000 Kontakte nachzuverfolgen. Viel zu viel für den Landkreis. "Irgendwann sind wir über unserem Limit", sagte Landrat Michael Geisler (CDU) im Gespräch mit der SZ. 

Pflegeheime in Freital sind Corona-Hotspots

Dabei ist die Lage durch die Schulferien möglicherweise weniger schwierig als sie ansonsten wäre. Als Hotspots gelten derzeit nicht Schulen, sondern einige Freitaler Pflegeheime. Allein im Pflegeheim „Haus Sonnengarten“ sind Stand Montag 69 Bewohner und 36 Mitarbeiter positiv getestet worden. Im Seniorenheim Jochhöh in Pesterwitz liegt die Zahl der positiven Tests unter den Bewohnern bei 33 und unter den Mitarbeitern bei 15. Aus dem Altenpflegeheim „Bodelschwingh“ wurden am Montag zehn infizierte Bewohner und sieben infizierte Mitarbeiter gemeldet. Schon wenige Tage nach der Rückkehr der Schüler und Lehrer aus den Ferien könnte es wieder betroffene Bildungsstätten geben. 

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Nur Maßnahmen beschließen, die man kontrollieren kann

Noch vor den Ferien musste die Altenberger Außenstelle des Glück-Auf-Gymnasiums Dippoldiswalde wegen einer starken Corona-Verbreitung geschlossen werden. Mit Blick auf die  sich zuspitzende Lage hält Landrat Geisler einen Lockdown für eine "saubere Lösung" - aber kaum für realistisch. Denn: "Wir können uns das wirtschaftlich nicht mehr leisten." So wird es voraussichtlich im Landkreis weiter verschärfte Maßnahmen geben. Der Landrat appelliert zunächst an die Einwohner, wo es nur geht, eine Maske zu tragen. "Mich piept das Ding auch an. Aber selbst wenn es mich nicht schützen sollte, schütze ich wenigstens andere und die mich." Vor einem Gespräch von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) mit Landräten und Bürgermeistern in Dresden warnte Geisler vor komplizierten und unübersichtlichen Einschränkungen. Diese Vorschriften sollten einfach zu verstehen und auch umsetzbar sein. Zudem hätten Maßnahmen nur dann Sinn, wenn sie gerichtsfest sind und wenn man sie im Alltag kontrollieren kann. Geisler verwies auf zahlreiche Bußgelder und Strafen, die letztlich von Gerichten gekippt worden sind. 

Hoteliers und Wirte brauchen Unterstützung

Außerdem sagte der Landrat vor dem Treffen in Dresden, dass die Hoteliers und die Gastwirte in der Region Unterstützung brauchen. Bei der ersten Welle hätten Versicherungen die Unternehmen oft im Stich gelassen und lehnten Ersatzzahlungen für Umsatzausfälle mit der Begründung ab, dass die Schließungen flächendeckend staatlich angeordnet waren. Im Zweifel will Geisler - sollte sich die Lage weiter verschlechtern - einzelne Häuser anlassbezogen schließen. In diesem Fall hätten die Betreiber nach seinem Dafürhalten mehr Chancen, von den Versicherungen Geld zu bekommen.

Unterdessen wurde bekannt, dass in Pirna von der AfD eine weitere Demonstration in Zusammenhang mit den Corona-Schutzmaßnahmen angemeldet wurde. Dabei soll es laut Anmeldung um das Thema "Die Eliten und wir" gehen. In Pirna kam es bereits ab April zu Kundgebungen, bei denen Kritik an den Corona-Schutzmaßnahmen formuliert wurde, aber auch Verschwörungstheorien verbreitet und die staatliche Ordnung abgelehnt wurde.

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