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So lief der letzte Shoppingtag vor dem Lockdown

Bis auf wenige Ausnahmen müssen in Sachsen wegen Corona ab Montag die Läden schließen. Der letzte Shoppingtag ist in Dresden mehr Stille als Sturm.

Wenige Menschen und viele Polizeiwägen: Die Prager Straße am Sonnabend-Nachmittag.
Wenige Menschen und viele Polizeiwägen: Die Prager Straße am Sonnabend-Nachmittag. © Ronald Bonß

Dresden. Die Frau mit pink-schwarz geflecktem Kurzhaarschnitt läuft gegen den Strom. Die Mittfünfzigerin zerrt eine Roll-Tasche hinter sich her, ihr Weg führt Richtung Haltestelle.

Dabei hat der letzte Shoppingtag in Dresden-Prohlis erst begonnen. Paare mit Kindern, Scharen von Jugendlichen, einzelne Männer mit Dynamo-Masken traben aus der Bahn über die Straße. Sie alle wollen zum Kaufpark Nickern nahe der Autobahn nach Prag.

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Viel Polizei und wenige Menschen

Zur gleichen Zeit, etwa zehn Kilometer entfernt, fährt die Straßenbahn Linie 12 in Richtung Innenstadt. Ein älterer Herr friemelt an seiner OP-Maske im Gesicht herum, niest kräftig. Über seine Handinnenfläche zieht sich eine Spur, die er an seiner Hose abwischt.

„Dieses Scheißding“, schimpft er. Als die Bahn auf die Wilsdruffer Straße zurollt, kreuzt ein Mannschaftswagen der Polizei die Spur. „Die müssen das durchsetzen, damit es beim Verbot bleibt“, kommentiert er, seine Frau auf dem Nachbarsitz nickt.

Während die Polizei an diesem Samstag Rechtsextreme, Hooligans, Reichsbürger und selbsternannte Querdenker davon abhält, gegen das Demonstrationsverbot oder auch gegen das Strafgesetzbuch zu verstoßen, haben abertausende Dresdnerinnen und Dresdner etwas anderes im Sinn.

Aufgrund der hohen Corona-Zahlen schließen weite Teile des Einzelhandels nach dem dritten Advent. Es ist die letzte Gelegenheit zum analogen Shoppen.

Ladenmitarbeiter: "Ich wäre sonst sicher heute nicht hier"

Am frühen Samstag ist noch nichts zu sehen von den Massen, die heute in den Dresdner Shopping-Tempeln erwartet werden. Während der Polizeiwagen weiter entlang der Wilsdruffer Straße patrouilliert, entlassen die Straßenbahnen eher kleinere Gruppen, die wie stille Soldaten schnurstracks zum gegenüberliegenden Eingang der Altmarktgalerie marschieren.

Nur BWL-Student Moritz, der bei Saturn jobbt, hat es weniger eilig. „Ich muss arbeiten, sonst wäre ich heute nicht hier. Ganz sicher nicht“, sagt der junge Mann mit Hornbrille und Winterblässe eindringlich. Angesichts der Corona-Gefahr seien in den vergangenen Tagen ohnehin viel zu viele in der Stadt gewesen.

In den Kaufpark Nickern sind dieses Jahr bis zu 21.000 Menschen am Tag gekommen. Ob es heute ähnlich wird? Kurz nach Ladenöffnung sind die Menschenmassen auf den zwei Stockwerken überschaubar.

Im Bekleidungsladen Camp David thront Dieter Bohlen mit pulverweißem Grinsen und braungebrannter Haut über einer zaghaften Schlange an der Kasse, auf dem Parkplatz rangieren ein paar Autos zwischen einem Stand mit Oktoberfest-Herzen und einem mit Räucherfleisch vorbei.

Die 19-jährige Kira Sztremi ist mit Sohn Finn und Freund Max auf der Suche nach Geschenken. Die erste Tüte ist prall gefüllt, mit Windeln für den Kleinen und einem Puzzle für den Patenonkel. „Wir feiern dieses Jahr aber im kleinsten Kreis, nur mit den Eltern“, sagt Kira. „Schade, aber was will man machen?“

Kira Sztremi und Max Muster mit ihrem Kind kaufen am Samstag, dem letzten Shoppingtag vor dem Lockdown, Geschenke im Kaufpark Nickern ein.
Kira Sztremi und Max Muster mit ihrem Kind kaufen am Samstag, dem letzten Shoppingtag vor dem Lockdown, Geschenke im Kaufpark Nickern ein. © Ronald Bonß

Die hohen Ansteckungs- und Todeszahlen in der Region, sie scheinen etwas gemacht zu haben mit den Dresdnern. Die Angst vor dem Virus, die Angst vor Umsatzverlusten, die Angst vor aufgebrachten Menschen. Selten während der Pandemie war sie so greifbar wie an diesem letzten Tag. Kommt er, der große Knall?

Claudia Bertholds Kopf schaut hinter einer Reihe hübsch platzierter Schokoladenweihnachtsmänner, Trinkschokoladenbehälter und diverser Pralinenvariationen hervor. Die Leiterin der Camondas-Filiale in der Dresdner Altmarktgalerie hat anstrengende Tage hinter sich.

Die Leute seien hektisch gewesen, hätten meistens keinen Abstand gehalten. Und viele wollten – besonders im zweiten Laden an der Frauenkirche – keine Maske tragen. Immer wieder Diskussionen. Berthold ist müde davon. Dass heute Schluss ist? „Dann geht es online weiter“, sagt sie. Entlassen muss sie aber zunächst niemanden.

"Im Ernstfall machen wir die Türen zu"

Ob auch die Dresdner müde sind? Vor dem Apple-Store in der Altmarktgalerie bekommen Kunden ein Fieberthermometer an die Stirn gehalten - Einlasskontrolle. „Die Leute sind tiefenentspannt“, sagt der Mitarbeiter einer Security-Firma und nimmt einen tiefen Zug an seiner Zigarette.

Er ist heute zum ersten Mal hier, als zusätzliche Kraft, für den Ernstfall. Was passiert im Ernstfall? „Dann machen wir die Türen zu und niemand kommt mehr rein. Das war’s“, kommentiert er lapidar.

Schubartig scheinen die Menschen über den Vormittag hinweg in den Kaufpark zu drängen. Im einen Moment ist von dem stählernen Untergrund der murmelnden Treppe kein Fleck zu sehen, Menschenmassen bugsieren Großbildschirme und Säcke voller Schlussverkaufs-Klamotten Richtung Parkhaus. Im nächsten Moment sind Einzelne geblieben, Männer mit Dynamo-Masken grüßen sich im Vorbeirollen per Faustschlag.

Weihnachtseinkäufe schon vorher erledigt?

Ladenbesitzerin Jana, eine Frau mit sehr langen Wimpern und einem locker zusammengebundenen Haarknäuel, ist enttäuscht davon. „Es ist scheiße heute, wenig Umsatz“, sagt die 37-Jährige. In dem Laden, den sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt, funkelt und schimmert es überall. Glitzernde Uhren, opulente Halsketten, bunte Plastik-Ringe.

„Ich glaube, die Letzten haben ihre Weihnachtseinkäufe am Donnerstag schon gemacht.“ Nie sei es in den zehn Jahren, die sie den Laden betreibt, so schlecht gelaufen. Normalerweise stünde die Woche mit den höchsten Umsätzen jetzt bevor.

Der Einzelhandel in Sachsen, er wurde im Corona-Jahr härter auf die Probe gestellt als jemals zuvor seit dem Zusammenbruch der DDR. "Fehlende finanzielle Unterstützung und zusätzliche Bankkredite bei gleichzeitigem Frequenz- und Umsatzausfall entziehen den Unternehmen existenzielle Grundlagen", sagt David Tobias, Geschäftsführer des Handelsverbands Sachsen in Dresden.

Dresdner schätzen das Vor-Ort-Einkaufen

Wer heute in die Altstadt blickt, könnte trotzdem Hoffnung empfinden. Hoffnung für ein baldiges Absinken der Corona-Zahlen, weil weniger Menschen hier her gekommen sind, als erwartet. Weil der größte Teil der Last-Minute-Shopper vorbildlich Maske trägt und Abstand hält.

Mansur steht mit einem Freund und zwei Bekannten im Nieselregen vor einem Bekleidungsgeschäft in der Prager Straße. Der Vater hat seinen zwei kleinen Töchtern zu Weihnachten zwei Schmuckbastelsets gekauft. Stolz deutet er in seine Einkaufstüte. „Hier sehe ich das Produkt vor Ort und weiß, dass alles stimmt. Ich habe einfach mehr Vertrauen.“

Auch Heike Kothe und Tochter Lisa haben schon alle Geschenke besorgt. Eigentlich wollten sie zusammen nach Halle ins Outlet fahren. Doch Heike, die am Bautzener Krankenhaus als medizin-technische Angestellte arbeitet und Tag für Tag mitbekommt, wie die Infektionszahlen explodieren, war das Risiko einer Ansteckung dort zu hoch. Um trotzdem mal rauszukommen, wurde es Dresden.

Lisa Kothe (l.)und Mutter Heike (r.) haben unter anderem Gesellschaftsspiele für ihre Verwandten und Freunde besorgt.
Lisa Kothe (l.)und Mutter Heike (r.) haben unter anderem Gesellschaftsspiele für ihre Verwandten und Freunde besorgt. © Ronald Bonß

„Außerdem wollen wir die regionalen Händler noch einmal unterstützen“, erzählt Lisa. „Und Bock auf Zurückschicken habe ich auch nicht“, ergänzt Heike. Der letzte Einkaufstag vor dem Lockdown – für die beiden Frauen hat er fast etwas Beruhigendes.

Sie machen sich im langsamen Gang auf den Weg zum Altmarkt. In der Nebengasse haben sie gehört, soll es doch noch eine Bude geben, die Glühwein to go verkauft - trotz Verbot.

Im Kaufpark bilden sich derweil die Trauben vor allem in und vor den größeren Ketten. In der Spielwarenabteilung von Müller streifen Paare aus mehreren Generationen durch die Reihen und inspizieren potenzielle Geschenke. Schminkköpfe reihen sich an kichernde Plastikbabys, tanzende Faultiere an plüschige Koala-Bären, singende Zauberstäbe an Pokemon-Figuren.

Shoppen, bis der Arzt kommt

Durch Mediamarkt schallt Maria Carey mit „All I want for Christmas“ aus den Lautsprechern, als wenn die Vorweihnachtszeit wie immer wäre. Was die Sängerin sich dieses Jahr zu Weihnachten wünscht, dürfte statt dem besungenen Mann aber vor allem Normalität sein.

Security-Mitarbeiter Konstantin Neumann blickt vom Bäcker-Stand aus in die Menge. Für ihn fühle es sich nicht so an, sagt der 21-Jährige, als sei heute weniger los als sonst. „Aber in diesen Tagen und Wochen sind die Menschen schon gereizt, das zeigt sich deutlich. Das geht von Beleidigungen bis hin zu Handgreiflichkeiten, wenn Leute keine Masken tragen wollen. Hatte ich erst heute wieder.“

Als „Scheiß-Security“ habe ihn ein älterer Herr beschimpft. Am Vortag habe ein Notarzt kommen müssen, nachdem ein anderer älterer Herr mit hohem Fieber einen Autounfall gebaut hatte. Wochenlang habe der sich trotz Symptomen geweigert, zum Arzt zu gehen - und damit auch andere bedroht.

20 bis 50 Prozent weniger Kunden

Der Sturm vor der Stille, mit dem einige für den letzten Shopping-Samstag gerechnet hatten, ist in Nickern ausgeblieben. Im Vergleich zum dritten Adventswochenende des Vorjahres habe es mindestens 20 Prozent weniger Umsatz gegeben, sagt Centermanager Uwe Weiland am Nachmittag.

Selbst am Vorwochenende sei noch mehr losgewesen als jetzt. „Wir hatten vor kurzem erst die Black Week, die bei einigen Händlern über der Erwartung war. Jetzt ist wohl die Luft raus, das Geld weg, vielleicht auch bei einigen die Angst größer, denn die Inzidenz ist ja riesig.“

Statt des Rekords von 21.000 Besuchern kommen an diesem Samstag nur rund 16.000 in den Kaufpark. „Mir schlagen zwei Herzen in der Brust“, sagt Weiland. Für die Einzelhändler sei es eine dramatische Lage. „Aber anders als mit einem harten Lockdown kriegen wir das in Sachsen nicht geregelt. Man hätte früher schon die Bremse reinhauen müssen.“

Die Bilanz des letzten Shopping-Tags, das wird sich am Abend zeigen, sie ist aus Corona-Sicht generell so unspektakulär wie auch beruhigend. Die Händler hingegen, für sie ist der letzte Lichtblick vor Weihnachten ausgeblieben. Auch die Menschen aus dem Umland, die sonst Wochenende für Wochenende den Dresdner Elbepark nahe der A4 besuchen, sie kamen kaum.

Im Kaufpark Nickern wurde es nur auf der Rolltreppe manchmal eng.
Im Kaufpark Nickern wurde es nur auf der Rolltreppe manchmal eng. © Ronald Bonß

„Der Tag war verheerend“, sagt Centermanager Gordon Knabe. Statt 60.000 wie im Vorjahr verzeichnet er an diesem Sonnabend nur rund 35.000 Besucher – und 2019 waren die Läden bis Heiligabend geöffnet. „Es herrscht tiefe Verunsicherung“, so erklärt sich Knabe das ökonomische Desaster.

Handelsverband warnt: Viele Geschäfte werden nicht überleben

Etwas später am Tag ist es vor der Centrum-Galerie an der Prager Straße dunkel geworden, die Passanten werden weniger. Fast verzweifelt wirkt eine Werbetafel mit dem Bild einer glücklichen älteren Dame, die vor dem Weihnachtsbaum mit ihrem Enkel ein Spielzeugauto fährt. „Hier warten all die Wunschgeschenke“, heißt es dort.

Doch dass viele von ihnen vergeblich warten werden, hatte der Manager der Centrum-Galerie, Jürgen Wolff schon Mitte der Woche etwas resigniert festgestellt. Von einem Ansturm könne in den Tagen vor Weihnachten kaum die Rede sein, wenn doch wesentlich weniger los sei als in Normalzeiten, hatte Wolff festgestellt.

David Tobias vom Handelsverband erwartet, dass viele Geschäfte das erste Halbjahr 2021 nicht überleben werden. "Sichtbar und spürbar gibt es erste Insolvenzen, weitere Geschäftsschließungen werden aktuell leider folgen", sagt er.

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Für Konstantin Neumann, den Sicherheitsmann des Kaufparks Nickern, ist gegen Nachmittag nochmal etwas mehr zu tun. Ein Mann versucht, ein Parfum zu klauen, wird ertappt, führt sich auf, die Polizei kommt. Gegen Abend füllen sich die Hallen nochmal mit einigen Last-Minute-Geschenke-Jägern. Das letzte Aufbäumen. Am Ende wird es eine recht gewöhnliche Zehn-Stunden-Schicht für ihn gewesen sein. "Nur, dass schon weniger los war als sonst." Ab Montag wird er weitgehend geleerte Hallen bewachen. Der Erfahrung des Frühjahrs nach kommt nur noch etwa die Hälfte der Menschen in die verbliebenen Läden, sobald das Gros davon geschlossen hat.

„Keine schöne Zeit“, sagt eine Mutter vor der Altmarktgalerie und nimmt die Hand ihrer kleinen Tochter. „Wollen wir Hände desinfizieren?“

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