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Long Covid: Auf der Suche nach Heilung

Nervenwasser-Tests und Tauchkammer-Therapie. Um ihre Long-Covid-Symptome loszuwerden, versucht eine Ärztin alles. Doch Eifer ist so tückisch wie die Krankheit.

Die Druckkammer hat Brigitte Standke ihr nach der Covid-Infektion geholfen, wieder riechen und schmecken zu können.
Die Druckkammer hat Brigitte Standke ihr nach der Covid-Infektion geholfen, wieder riechen und schmecken zu können. ©  privat

Von Barbara Nolte

Am meisten hätten ihr die Sitzungen in der Druckkammer geholfen, sagt Brigitte Standke. 20 Mal ging es für sie in einer Röhre, die wie ein aufgeschnittener Flugzeugrumpf aussieht, runter auf 14 Meter unter dem Meer. Durch eine Maske, die sie vor dem Gesicht trug, strömte dabei Sauerstoff.

Brigitte Standke hatte keinen Tauchunfall, der seit mehr als hundert Jahren auf diese Weise behandelt wird. Sie hat sich im August bei einer Freundin mit Corona angesteckt. Sie waren abends im Restaurant verabredet, draußen, doch weil es regnete, gingen sie rein. „Ich muss eine hohe Dosis Viren abbekommen haben“, sagt sie. Sie war so geschwächt, dass sie wochenlang, abgesondert von Mann, Tochter und Sohn, auf dem Sofa lag. „Ich konnte nur den Wespen zugucken. Mehr ging nicht.“

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Neun Tage nach Ausbruch der Krankheit fingen die Symptome an, auf die sie sich keinen Reim machen konnte: Sie konnte nicht mehr kopfrechnen oder längere Texte verstehen. Hinzu kamen Kopf- und Gelenkschmerzen, Gleichgewichts- und Gedächtnisstörungen.

Heute weiß sie: Sie zählt zur Gruppe drei der Post-Covid-Patienten. Mehrheitlich sind das Frauen, die nie beatmet werden mussten, aber kognitive und neurologische Einschränkungen entwickelten. Menschen, in deren Leben Corona noch lange eine Rolle spielen wird, auch wenn die Pandemie tatsächlich bald zu Ende sein sollte. Die Behandlung erweist sich als schwierig.

Zu großer Eifer schadet

An einem windigen Morgen im Mai sitzt Brigitte Standke in einem Strandkorb auf ihrer Terrasse in der friesischen Kleinstadt Varel, um von ihren Versuchen zu berichten, ihre Krankheit zu lindern und zu ergründen. Sie ist eine lebhafte, schlanke Frau mit randloser Brille und kinnlangen Locken. 58 Jahre alt, Ärztin. „Ich bin durch meinen Krankheitsverlauf quasi gespurtet, weil ich das Glück hatte, an wegweisende Mediziner zu geraten“, sagt sie. Andere Patienten warteten ein halbes Jahr auf Termine. Das Netz an Spezialisten für die neue Volkskrankheit ist noch löchrig.

Deshalb will Standke andere wenigstens an ihren Erfahrungen teilhaben lassen: an den Wegen und Irrwegen, die sie genommen hat. Vier Mal hat sie sich innerhalb eines Dreivierteljahres interviewen lassen. Sie ist eine umtriebige Patientin, was ihr manchmal geschadet hat. Das Tückische an Long Covid ist, dass der Zustand sich verschlechtert, wenn man mit zu großem Eifer dagegen angeht. Aber das wusste man zunächst noch nicht.

Dass manche Behandlungsmethode unorthodox klingt, wie die Druckkammertherapie, ist bei einer neuen Krankheit zwangsläufig. Genauso, wie gegen schwere Verläufe ein HIV-Medikament und neuerdings eines gegen Milben und Fadenwürmer eingesetzt werden, haben sie in Israel bei neurologischen Post-Covid-Beschwerden gute Erfahrungen damit gemacht, Patienten bei Überdruck reinen Sauerstoff atmen zu lassen.

Median-Klinik Heiligendamm, im November. Beim ersten Treffen dort hält Brigitte Standke einen Plastikbecher in der einen Hand und einen Tischtennisball in der anderen. 30 Männer und Frauen laufen durch eine Turnhalle und jonglieren dabei mit Bällen oder fangen sie mit ihren Bechern wieder auf. Standke wendet ihnen den Rücken zu. „Wenn ich so viele sich bewegende Menschen im Blickfeld habe, wird mir sofort schlecht“, sagt sie.

Brigitte Standke war wochenlang geschwächt, ihr Gedächtnis ließ nach.
Brigitte Standke war wochenlang geschwächt, ihr Gedächtnis ließ nach. © Barbara Nolte/TSP

Früher war Standke Leistungsschwimmerin. Mit Anfang 50 hat sie noch an Marathons für Inline-Skater teilgenommen. In der Klinik schafft sie es gerade, die Treppen zu ihrem Zimmer im zweiten Stock hinaufzulaufen. Als sie dreieinhalb Wochen zuvor ankam, musste sie den Aufzug nehmen.

An diesem Tag verbringt sie die Mittagspause im Aufenthaltsraum am Ende ihres Flurs. Aufgerissene Fenster, Maske über Mund und Nase. Standke ist müde. Ihr Tag ist halb neun mit Morgengymnastik am Strand losgegangen. Das Reha-Programm reicht von Nordic Walking über Krafttraining bis zu Massagen. Es ist so umfangreich, dass sie mit einem Stundenplan in der Hand durch die Klinik läuft. Ihr Gedächtnis ist in der Kur nicht besser geworden. „Ich verwechsele oft Wörter: Statt Urteil sage ich zum Beispiel Urlaub“, sagt sie und lacht. „Das ist manchmal schon ganz witzig. Viele hier haben ähnliche Probleme. Dann ist es nicht mehr so schlimm.“

Tatsächlich sieht man auf den Klinikfluren Männer und Frauen, die Pläne studieren. Dass Corona eine Multiorganerkrankung ist, ist im November noch relativ neu. Zu den Lieblingsprogrammpunkten vieler Patienten gehören die Gruppensitzungen, in denen sie einander von ihren rätselhaften Symptomen erzählen und dabei die Gewissheit erlangen, keine eingebildeten Kranken zu sein.

„Psychisch hat mich die Reha gestärkt“, sagt Standke. Körperlich hatte sie kurz vor ihrer Entlassung einen Rückschlag erlitten, den sie sich nicht erklären kann. „Ich hatte mich auf 50 Prozent meiner alten Leistungsfähigkeit gesteigert. Auf einmal habe ich nur noch Pudding in den Beinen.“ Mittlerweile gibt es einen Begriff für das, was ihr passiert ist: ondulierender Verlauf.

Ein merkwürdiger Mix an Symptomen

Im November hat die Chefärztin der Klinik, Jördis Frommhold, zwar noch keine Erklärung dafür, aber immerhin eine Vermutung: Antikörper, die durch Corona aktiviert worden sind, haben die Nervenzellen angegriffen. In Haarwurzeln seien bereits Antikörper gefunden worden, sagt sie. Daher der Haarausfall, unter dem viele ihrer Patienten leiden.

Frommhold hat ihr Büro gleich hinter dem Empfang. Sie ist eine lebhafte Frau mit schwarzen kurzen Haaren, die schnell spricht und viel lacht. Es war ihre Idee, ein Reha-Programm für Menschen nach Covid-Infektionen zu entwickeln. Dabei hatte sie Lungenkranke im Sinn. Doch dann berichteten ihr Patienten von einem merkwürdigen Mix an Symptomen. Deshalb hat sie sie in Gruppen eingeteilt.

Da sind, erstens, die „echten Genesenen“, die sie nicht zu sehen bekommt. Außerdem gibt es die „spät Genesenen“, die nach Wochen an der Beatmung oder Herz-Lungen-Maschine geschwächt sind und Atemprobleme haben, und die „kranken Genesenen“, zu denen Standke zählt. „Sie ist eine der Ersten, die derart starke neurologische Einschränkungen haben“, sagt Frommhold. Um dem nachzugehen, hat sie für Standke einen Termin in der Uni-Klinik Rostock gemacht.

Im Dezember ist Brigitte Standke „mit bangem Gefühl“ dorthin gereist, erzählt sie bei einem Telefongespräch im neuen Jahr. Für die Diagnostik musste ihr Nervenwasser abgenommen werden. Ein Eingriff, der zu gefährlichen Entzündungen und Blutungen führen kann, wenn auch in den allerseltensten Fällen.

Fatigue schon seit der Spanischen Grippe bekannt

„Ich habe das Risiko in Kauf genommen, weil ich abgeklärt haben wollte, ob ich nicht doch etwas Organisches habe“, sagt sie. Neben vielen weiteren Untersuchungen musste sie Tests machen, um zu messen, wie gut oder schlecht ihr Gehirn funktioniert: Begriffe zuordnen, Figuren abmalen oder eine Taste drücken, sobald ein Kreuz auf einem Monitor erschien.

Die Ärzte haben nichts gefunden. Selbst bei den neurologischen Tests hat sie teilweise überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Erleichtert sei sie zurück nach Varel gefahren. „Drei Tage nachdem ich wieder zu Hause war, bin ich komplett zusammengebrochen. Ich beschloss: Ich lege mich jetzt einfach wieder auf die Couch.“

Schwindende Kräfte, massive Kopfschmerzen, Wortfindungsstörungen – das alles gehört zum Krankheitsbild der Fatigue. Seit der Spanischen Grippe, der großen Pandemie des vergangenen Jahrhunderts, ist die Krankheit bekannt. Zehn Prozent der Corona-Kranken mit mildem Verlauf zeigen Anzeichen dafür.

Die einzige Anlaufstelle in Deutschland, die Fatigue-Ambulanz der Charité, ist so überlaufen, dass nur Berliner und Brandenburger aufgenommen werden. „Ich habe immer wieder angerufen und gesagt: ,Es nützt nichts. Ich muss zu Ihnen!‘ „, berichtet Standke.

Sie bekam schließlich einen Termin für Mitte Januar. Als Erstes musste sie mit der Hand immer wieder einen Ball zusammendrücken. Dabei kam heraus: Sie hatte um 70 Prozent weniger Kraft. „Als ich dann einer Ärztin meine Symptome schilderte, meinte die, ich hätte eindeutig das Chronische Fatigue-Syndrom.“

Der Körper fällt in eine Art Winterschlaf

Das ist die verschärfte Form der Fatigue, die oft ein Leben lang nicht weggeht. Biochemisch wird sie so erklärt, dass nach Virusinfektionen wie Corona die Mitochondrien erlahmen, die in den Zellen Energie produzieren. Der Körper fällt in eine Art Winterschlaf. Medikamente dagegen gibt es noch keine.

Das Einzige, was hilft, ohne zu schaden, ist das sogenannte „Pacing“. Die Ärztin in der Fatigue-Ambulanz erklärte Brigitte Standke, wie es funktioniert: Sie müsse ihr Leben so weit runterfahren, dass sie sich nicht überfordere. „Nach vier Stunden stand ich wieder auf der Straße, drei Merkblätter in der Hand, nach denen ich leben sollte“, sagt Standke. Darauf steht beispielsweise, dass sogar „starke positive Emotionen“ schädlich seien, die davon ausgelöst werden könnten, dass zum Beispiel „die Lieblingssportmannschaft“ gewinnt. „Das war ein niederschmetternder Moment.“

Als in der Woche darauf der Entlassungsbrief aus Heiligendamm bei Brigitte Standke ankommt, schöpft sie wieder Hoffnung: Chefärztin Frommhold schlägt darin vor, dass sie es mit der Druckkammer-Therapie versuchen könnte.

Jördis Frommhold hat es sich zur Aufgabe gemacht, neben ihrer Arbeit in der Klinik das öffentliche Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Corona nicht nur für die gängigen Risikogruppen gefährlich ist. Deshalb setzte sie sich beispielsweise in den Jahresrückblick von Markus Lanz, hielt Vorträge – unter anderem einen vor Tauchmedizinern. Ein Kollege, der in Wiesbaden in einer Druckkammer arbeitet, meinte anschließend zu ihr: „Wenn du mal nicht mehr weiterweißt, können wir es experimentell versuchen.“

Frommhold hat Brigitte Standke als „Patientin X“ ausgesucht, wie sie es ausdrückt, denn die habe „als ärztliche Kollegin das nötige medizinische Verständnis für so einen Therapieversuch“.

Täglich 2,5 Stunden in der Druckkammer

Bei Post Covid seien wahrscheinlich Zellen im Gehirn entzündet, ihre Wände verdickt, weshalb zu wenig Sauerstoff in sie eindringen könne, erklärt Frommhold. Durch den hohen Umgebungsdruck in der Kammer werde 15 bis 20 Mal so viel Sauerstoff im Blut gelöst wie bei gesunden Menschen und „gewissermaßen in die Zellen gepresst“.

Brigitte Standke hat sich für die vier Wochen Behandlung in Wiesbaden eine Ferienwohnung gemietet. Sie hat ihren Hund ins Auto gepackt und für die täglichen zweieinhalb Stunden in der Druckkammer das Jugendbuch „Unter Korallen und Haien“. „Das passte thematisch und hat eine extragroße Schrift“, sagt sie.

Nach drei Tagen konnte sie zum ersten Mal seit ihrer Corona-Infektion wieder riechen und schmecken. Nach fünf bemerkte sie, dass sie nicht mehr nach Wörtern suchen musste. „Da wurde mir bewusst, dass ich gedanklich alles so hinkriege wie vor der Erkrankung.“ Außer dem Jugendbuch schaffte sie zwei dicke Romane für Erwachsene. Ihre Ärztin im Druckkammerzentrum Rhein-Main-Taunus will sich nicht über die Erfahrungen im neuen Einsatzgebiet äußern. „Die Patienten kommen mit einer so hohen Erwartungshaltung zu uns. Das wollen wir unter keinen Umständen noch fördern“, sagt sie. Bei Standke handele sich um einen Einzelfall, von dem man nicht auf andere schließen könne.

Dass ihre Kollegen das Ergebnis als vielversprechend empfanden, lässt sich daran ablesen, dass sie zusammen mit dem Institut für Experimentelle/Maritime Medizin der Uni Kiel eine Studie planen. Frommhold steuert die Patienten bei. Der Antrag liegt bei der Ethikkommission. Denn noch ist nicht ausgeschlossen, dass Standkes Genesungsschub zufällig in die Zeit der Druckkammer fiel. Oder dass Symptome, die während der Therapie verschwinden, später zurückkommen.

Die Fatigue ist geblieben

Am Morgen im Mai trinkt Brigitte Standke in ihrem Strandkorb gerade ihren zweiten Kaffee. Die Druckkammertherapie liegt sechs Wochen zurück, sie ist immer noch so eloquent wie vor Corona. „Ich bin mit meiner Situation sehr zufrieden, weil ich wieder denken kann“, sagt sie. „Ich hatte ja keine Lust mehr zu reden, weil ich nie wusste, ob ich einen Satz zu Ende bringe.“

In der Anfangseuphorie hat sie wieder in der radiologischen Gemeinschaftspraxis zu arbeiten begonnen, bei der sie Teilhaberin ist. Wenige Stunden am Tag, und selbst das wird ihr oft zu viel. Die Fatigue ist geblieben. „Ich spüre genau den Punkt, an dem ich mich übernommen habe, aber da ist es schon zu spät.“ Dann hat sie tagelang massive Kopfschmerzen. Letztens legte sie sich in ihrer Praxis ins MRT, sie fürchtete, ein Aneurisma zu haben.

„Wenn sich mein Zustand nicht dramatisch bessert, bleibt mir nichts anders übrig, als früher oder später aufzuhören zu arbeiten“, sagt sie. „Das volkswirtschaftliche Fiasko wird unseren Staat noch treffen. Wir haben eine Welle an Nichtbeschäftigung, die auf uns zukommt.“ Es klingt nüchtern, wie sie über ihre Zukunft spricht, nicht verzweifelt. „Das hätte ich mir auch anders vorgestellt“, sagt sie.

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Nun hat sie das Glück, sich die Frührente leisten zu können, wenn auch mit Einschränkungen, und andere Interessen zu haben: Sie jagt gern. Und sie hat ein neues Hobby hinzugewonnen. Ihre Ärzte meinten, dass es gegen die Schäden in ihrer Lunge hilfreich sei, ein Blasinstrument zu spielen. Brigitte Standke hat mit Jagdhorn angefangen.

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