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Corona hat bis zu 200 Langzeit-Symptome

Eine neue Leitlinie soll die Behandlung für Long-Covid-Patienten verbessern. Doch die eine Therapie gibt es nicht.

Etwa 15 Prozent aller akut an Covid 19-Erkrankten leiden zwölf Wochen und länger an Corona-Symptomen
Etwa 15 Prozent aller akut an Covid 19-Erkrankten leiden zwölf Wochen und länger an Corona-Symptomen © dpa

Der 40-jährige IT-Spezialist hatte nie Angst vor Covid 19. „Wenn es mich trifft, bleibe ich halt ein, zwei Wochen im Bett“, so habe er gedacht. Nie zuvor sei er im Krankenhaus gewesen. Doch Mitte Januar brachte ihn eine Corona-Infektion auf die Intensivstation. Zwölf Tage lang wurde er beatmet. Als er auf eine normale Station verlegt wurde, applaudierten die Pflegekräfte. „Schön, dass du nicht im Plastiksack rausgetragen wirst“, habe ein Pfleger gesagt. Ende Februar wurde er entlassen, völlig entkräftet. Duschen, Essen kochen, Müll rausbringen, das war ohne Hilfe nicht zu schaffen. „Nach den Treppen zu meiner Wohnung lag ich mit Muskelschmerzen auf dem Sofa.“ Es folgte ein Aufenthalt in einer Lungenklinik. Fünf Monate später ist der 1,90-Meter-Mann noch immer nicht arbeitsfähig und soll nun zur Reha.

Kein Einzelfall. Etwa 15 Prozent aller akut an Covid 19-Erkrankten leiden zwölf Wochen und länger an Corona-Symptomen, aber auch an Schmerzen, eingeschränkter Leistungsfähigkeit oder psychischen Problemen. „Diese als Long- oder Post-Covid bezeichneten Krankheitsbilder sind sehr komplex und eine große Herausforderung für Ärzte“, sagt Professor Michael Pfeifer, früherer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). „Aber auch für die Patienten. Verzweifelt gehen sie oft von Arzt zu Arzt, um Hilfe zu finden.“

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Die DGP hat deshalb am Mittwoch eine neue Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Long-Covid-Patienten vorgestellt, an der 21 Fachgesellschaften mitgewirkt haben. Im Nachgang von Corona-Infektionen wurden in einer weltweiten Studie fast 200 Symptome genannt.

1. Infektiologie

Viele Long-Covid-Patienten tragen noch monatelang Coronaviren in sich. Häufig sei das bei immungeschwächten Menschen zu beobachten, sagt Professor A. Rembert Koczulla, Chefarzt am Fachzentrum für Pneumologie Schönau und Mitautor der Leitlinie. Auch ein fehlgeleitetes Immunsystem werde häufig festgestellt, was sich dadurch äußere, dass der Körper eigene Strukturen angreift. Solche Autoimmunerkrankungen treten besonders häufig bei Frauen auf.

Zur Verbesserung des Immunsystems seien therapeutische Impfungen gegen Sars Cov 2 getestet worden. Normalerweise empfehle die Stiko erst sechs Monate nach der Erkrankung eine Impfung. „Früher angewendet, zeigte sich in Studien aber nur eine geringfügige Verbesserung. Deshalb werden therapeutische Impfungen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht empfohlen“, heißt es in dem Papier.

2. Allgemeinmedizin

Dem Haus- oder Allgemeinarzt kommt bei Covid 19 eine wichtige Rolle zu. In der primärärztlichen Versorgung seien eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte und die umfassende körperliche Untersuchung maßgeblich. Dabei müsste auf neurologische, psychische und funktionelle Einschränkungen geachtet werden. Hinzu komme eine Basisdiagnostik im Labor, wobei Professor Koczulla betont, dass einzelne Laborwerte für eine Beurteilung der Krankheit allein nicht ausreichten.

Die gezielte Befunderhebung sollte dazu dienen, Verschlechterungen zu erkennen und den Patienten dann an einen Facharzt zu überweisen. Trete keine Verschlechterung ein, sollte abgewartet werden. Behandelt werde symptombezogen, da es noch keine covid-spezifischen Therapien gebe.

3. Pneumologie

Luftnot und Schmerzen im Brustkorb gehören zu den häufigsten Symptomen, mit denen Long-Covid-Patienten zum Lungenfacharzt kommen. Die DGP empfiehlt Lungenfunktionstests in Ruhe und während des Gehens. Eine Bildgebung sei nicht unbedingt erforderlich. Auch ständig wiederkehrender Husten belaste viele Long-Covid-Kranke. Die Behandlung sollte symptomorientiert erfolgen.

Für Husten und Luftnot gebe es spezielle Leitlinien. Asthmasprays haben in Studien eine Linderung des Hustens gezeigt. Die DGP rät bei Husten zu einem Therapieversuch, empfiehlt die Mittel aber nicht generell. Positiv hebt Professor Koczulla hervor, dass sich Atmungseinschränkungen aufgrund der invasiven Beatmung auf der Intensivstation bei fast allen Patienten gut zurückbilden.

4. Neurologie

Chronische Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Kopf- und Muskelschmerzen sowie anhaltende Geruchs- und Geschmacksstörungen sind neurologische Symptome, die von fast allen Long-Covid-Betroffenen genannt werden. Wichtig sei es, die Entwicklung der Symptome – Verschlechterung oder Verbesserung – festzuhalten. Spezielle zertifizierte Tests sollten dazu genutzt werden.

Der Verlauf von Riech- und Schmeckstörungen bei Covid 19 wird als generell günstig angesehen: Ein Großteil der Patienten berichtet eine vollständige oder weitgehende Besserung binnen zwei Monaten. In fünf bis 20 Prozent der Fälle bleiben jedoch relevante Einschränkungen zurück. Die Schmerzbehandlung gehöre in die Hände von Spezialisten. Das gilt auch für die Therapie der chronischen Erschöpfung, Fatigue genannt, für die oft eine Reha nötig ist.

Symptom Luftnot: Ein Long-Covid-Patient lässt seine Lungenfunktion mit einem Bodyplethysmographen überprüfen.
Symptom Luftnot: Ein Long-Covid-Patient lässt seine Lungenfunktion mit einem Bodyplethysmographen überprüfen. © Sina Schuldt/dpa

5. Kardiologie

Die Gefahr von Komplikationen am Herz- Kreislaufsystem und den Gefäßen ist in den ersten sechs Monaten nach der Covid-Erkrankung deutlich erhöht. Hierzu gehören insbesondere venöse Thrombosen, Schlaganfälle, Herzinfarkte, Lungenembolien und auch das Auftreten einer Herzschwäche.

Das Risiko ist bei Patienten, die in der Akutphase stationär behandelt werden mussten, doppelt so hoch wie bei ambulant versorgten. Deshalb sollten alle Patienten, die während der Erkrankung an Herz-Kreislauf-Komplikationen litten, nach sechs bis zwölf Wochen klinisch und mittels EKG und Echokardiografie sowie Labormedizin untersucht werden. Weitere bildgebende Verfahren könnten sinnvoll sein. Die DGP empfiehlt die symptomorientierte Therapie entsprechend der aktuellen Leitlinien. Dazu gehören auch die Blutdruckeinstellung und die Blutverdünnung bei Thrombosegefahr.

6. Dermatologie

Hautveränderungen und Haarverlust treten bei einem vergleichsweise geringen Teil der Covid-Erkrankten auf. Auf der Haut könnten sich knötchenartige oder quaddelförmige Veränderungen zeigen, aber auch klare Bläschen auf gerötetem, oft juckendem Grund. Vor allem bei jüngere Patienten mit gering ausgeprägten Covid-Symptomen werden oft sogenannte Covid-Zehen beobachtet. Das sind bläuliche, kissenartige Verdickungen über den kleinen Zehen- aber auch Fingergelenken. In bis zu 25 Prozent der Fälle wird außerdem über vermehrten Haarausfall Wochen bis Monate nach der Infektion berichtet. Die meisten Hautläsionen heilen spontan und ohne spezifische Behandlung in wenigen Wochen ab. Bei Hinweis auf psychische Belastung, zum Beispiel ausgeprägte Entstellungsbefürchtung bei Haarausfall oder zwanghaftes Waschen der Hände, ist die psychosomatische Mitbetreuung angezeigt.

Da die Symptome bei Long-Covid so vielschichtig sind, zusammen oder vereinzelt auftreten können, wird eine interdisziplinäre Behandlung empfohlen, die den Menschen als Ganzes sieht. „Wir fordern einen Aufbau von speziellen Behandlungsstrukturen, zum Beispiel in Post- oder Long-Covid-Ambulanzen, Netzwerken und Spezialsprechstunden. Außerdem rehabilitative Behandlungsmöglichkeiten: von der Frühreha am Krankenbett über stationäre Heilkuren bis hin zur ambulanten Nachsorge“, sagt Professor Pfeifer. Insbesondere gehe es der DGP um eine sichere Finanzierung. „Denn die Corona-Pandemie ist noch lange nicht überstanden.“

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