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Luftwaffe in Dresden: Szenen wie im Kriegsgebiet

Die Bundeswehr bringt erstmals sächsische Covid-Patienten nach Nordrhein-Westfalen - mit einer fliegenden Intensivstation.

Von Tobias Wolf
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Ein Corona-Patient wird auf dem Flughafen Dresden von medizinischem Fachpersonal der Bundeswehr in ein Flugzeug vom Typ A310 MedEvac der Luftwaffe befördert.
Ein Corona-Patient wird auf dem Flughafen Dresden von medizinischem Fachpersonal der Bundeswehr in ein Flugzeug vom Typ A310 MedEvac der Luftwaffe befördert. © dpa-Zentralbild

Dresden. Es sind Szenen, die an Fernsehbilder aus Kriegsgebieten erinnern. Ein Militärflugzeug der Luftwaffe parkt am Mittwochvormittag in Sichtweite des Terminals am Dresdner Flughafen. Krankenwagen fahren im Takt an den Airbus A310 MedEvac heran, ein fliegendes Lazarett, das normalerweise verwundete Soldaten aus dem Einsatz in fernen Ländern nach Hause holt.

In diesen Zeiten soll die graue Maschine deutsche Patienten in Deutschland transportieren. In den letzten Tagen startete der A310 einmal vom bayerischen Memmingen nach Osnabrück, ein weiteres Mal vom Flughafen München.

Sebastian Stehr ist Intensivmediziner am Uni-Klinikum Leipzig und Sachsens Landeskoordinator für die Kleeblatt-Verlegungen.
Sebastian Stehr ist Intensivmediziner am Uni-Klinikum Leipzig und Sachsens Landeskoordinator für die Kleeblatt-Verlegungen. © Tobias Wolf

Diesmal transportiert sie Menschen aus Dresden und Umgebung, die schwer an Corona erkrankt sind und beatmetet werden müssen. Sechs Intensivpatienten aus Dresden, Meißen und Pirna, die noch selbst oder deren Angehörige zugestimmt haben, sagt Sebastian Stehr.

Man habe solche Patienten ausgewählt, die einen Flug gut überstehen würden. Der 46-Jährige, bekleidet mit signalroter Notarztjacke, ist Chef der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Uni-Klinikum Leipzig und für die Covid-19-Intensivstation verantwortlich. Und er koordiniert für Sachsen die Verlegung von Patienten im Kleeblatt-System in andere Bundesländer.

Der Transport mit der Bundeswehrmaschine ist ein logistischer Kraftakt. Allein zwei Tage hätten die Vorbereitungen dafür gedauert, so Stehr. Hinterher muss der Flieger zwölf Stunden desinfiziert werden. Stehr guckt auf die Maschine. Er scheint zufrieden zu sein.

Bundeswehr: „Wir fragen in dieser Lage nicht nach Geld.“

Eigentlich haben die Flugzeuge Platz für bis zu 20 Patienten. Wegen der coronabedingten Hygienevorschriften jedoch kann die Luftwaffe nur sechs Intensivplätze anbieten. Dafür sind die fast wie im Krankenhaus ausgestattet – mit Beatmungsgeräten etwa und Maschinen, die den Gesundheitszustand überwachen.

In weißen Ganzkörperanzügen, die vor einer Ansteckung schützen sollen, hieven Rettungswagenbesatzung und Bundeswehrsanitäter die Patiententragen auf die Ladeplattform. Schläuche und Kabel sind zu sehen. Vier Sanitäter sichern, während die Plattform nach oben gleitet.

Dort warten Kollegen, um sie in Empfang zu nehmen. Ein kurzes Übergabegespräch von Zivilarzt zu Bundeswehrarzt auf der Plattform, dann werden die Patienten ins Innere geschoben, bevor die Prozedur unten von vorn beginnt. Allein im Flugzeug sind 25 Menschen im Einsatz – die Piloten, Techniker, drei Ärzte und das Pflegepersonal.

Oberst Klaus Finck verfolgt das Ganze aus 50 Metern Entfernung. Der Chef des Bundeswehr-Landeskommandos ist für die Hilfseinsätze der Truppe in Sachsen verantwortlich. Zu den Kosten des Flugs könne er keine Angaben machen, sagt er.

„Wir fragen in dieser Lage nicht nach Geld.“ Üblicherweise kämen Landkreise oder Kommunen für den Einsatz der Soldaten auf. Die Kosten für die Flüge würden aber nicht in Rechnung gestellt.

Insgesamt sechs Krankenwagen fahren mit Intensivpatienten vor.
Insgesamt sechs Krankenwagen fahren mit Intensivpatienten vor. © dpa-Zentralbild
Die Verlegung ist ein Kraftakt für alle Beteilgten.
Die Verlegung ist ein Kraftakt für alle Beteilgten. © dpa-Zentralbild
Die FLughafenfeuerwehr ist aus Sicherheitsgründen vor Ort.
Die FLughafenfeuerwehr ist aus Sicherheitsgründen vor Ort. © dpa-Zentralbild
Vier Sanitäter sichern die Patiententrage beim Lift nach oben.
Vier Sanitäter sichern die Patiententrage beim Lift nach oben. © dpa-Zentralbild
Der A310 mit 6 Corona-Patienten startet Richtung Köln.
Der A310 mit 6 Corona-Patienten startet Richtung Köln. © dpa-Zentralbild

Gut 600 Soldaten helfen in Sachsen gerade bei der Pandemiebekämpfung, sagt er. Bei einfachen Tätigkeiten in Krankenhäusern und Pflegeheimen oder bei der Kontaktnachverfolgung in Gesundheitsämtern. „Wir bekommen stündlich neue Anfragen“, sagt Finck. Minuten später klingelt das Telefon des 62-Jährigen.

Der Freistaat braucht Unterstützung beim Impfen. Finck rechnet mit 180 Mann, die er dem Roten Kreuz zur Seite stellen wird. Im Fall der MedEvac-Flugzeuge hat die Hilfe Grenzen.

Denn die Luftwaffe muss sicherstellen, dass sie jederzeit Verwundete aus Auslandseinsätzen zurückholen kann und die Rettungskette für Soldaten nicht unterbrochen wird. Derzeit ist die Bundeswehr unter anderem in Mali, Irak und dem Libanon im Einsatz.

Neben dem ungepanzerten A310 verfügt die Luftwaffe noch über eine Airbus A400M-Propellermaschine mit sechs Intensivplätzen, die zuletzt bei der Evakuierung des Flughafens Kabul im Einsatz war, und einen A319 mit zwei Intensivplätzen. Auch eine Lockheed P-3 Orion der Bundesmarine stünde im Ernstfall bereit, die normalerweise als Seeaufklärer eingesetzt wird.

Das Ziel am Mittwoch ist der Flughafen Köln-Wahn. Von dort geht es für die Patienten in die Krankenhäuser Köln, Bonn, Bochum und Marl. Ob und wie viele weitere Einsätze die Luftwaffe mit ihren fliegenden Intensivstationen von Sachsen aus ansteuern wird, ist noch ungewiss.

Klar ist aber: Im Land mit der bundesweit niedrigsten Impfquote sind die Krankenhausbetten auf Normalstationen, die für Covid-19-Patienten sofort zur Verfügung stehen, am Mittwoch zu fast 90 Prozent ausgelastet, jene auf Intensivstationen zu über 95 Prozent.