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Macht Corona uns alle gaga?

Der Görlitzer Arzt für Psychosomatik Hans-Martin Rothe sagt, was seinen Patienten zu schaffen macht. Und warum Verleugnen so hoch im Kurs steht.

Seit Gründung der psychosomatischen Klinik in Görlitz 2002 ist Hans-Martin Rothe, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ihr Chefarzt.
Seit Gründung der psychosomatischen Klinik in Görlitz 2002 ist Hans-Martin Rothe, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, ihr Chefarzt. © Städtisches Klinikum Görlitz

Es ist Woche der seelischen Gesundheit. Aber gerade jetzt machen vielen Menschen Ängste zu schaffen. Eine aktuelle AXA-Studie oder auch die Freiburger Psychologin Katharina Domschke warnen gar vor einer dritten Welle. Die hat mit Corona zu tun, aber nicht mit Fallzahlen, sondern psychischen Problemen – die bislang aber kaum als die Gefahr wahrgenommen werden, die sie sind, beschrieb die FAZ jüngst. Wie sich die Coronakrise auf die Psyche auswirkt – größer und langfristig angelegte Studien bieten noch nicht genug belastbare Daten. Dennoch, Krankenkassen vermelden, dass Krankschreibungen wegen psychischer Probleme deutlich zugenommen haben. Es gibt weitere Hinweise, sagt auch Hans-Martin Rothe, Chefarzt für Psychosomatik am Städtischen Klinikum Görlitz.

Herr Dr. Rothe, wie ist die Situation in Görlitz? Kommen derzeit mehr Menschen zu Ihnen, die Hilfe brauchen?

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 Wir hatten jetzt immer wieder frühere Patienten bei uns, die durch die Coronabedingungen erheblich labilisiert wurden und zurück in die Behandlung gekommen sind. Wir haben aber auch neue Patienten, bei denen sich diese äußeren Faktoren bemerkbar gemacht und die psychisch labil reagiert haben, weil die Situation doch eine Menge zusätzlicher Herausforderungen gebracht hat, die zu bestehenden Herausforderungen nicht mehr zu bewältigen waren. Die das Fass also überlaufen ließen. 

Welche Zusatzherausforderungen sind das?

Vor allem die Kontaktbeschränkungen bis hin zur Isolation. Es handelt sich häufig um Betroffene, die ohnehin schon wenige Kontakte haben, weil ein psychisches Handicap besteht. Nun wurde es mit den Kontaktbeschränkungen schwieriger, sich vis-à-vis zu begegnen, sich die Hand zu schütteln oder gar zu umarmen. Ein Gutteil unserer Patienten hält sich auch sehr streng an die Regeln. Aber das heißt, sie kommen regelrecht in einen sozial-emotionalen Entzug. Normalerweise geht man vielleicht mit dem Hund spazieren, es gibt ein kurzes Schwätzchen. Jetzt gehen sich alle aus dem Weg. Die Kontaktnetze, die vorher vielleicht gerade noch so gehalten haben, sind so ausgedünnt, dass der persönliche Auftrieb durch Kontakte – dass man gegrüßt, angesprochen, angelächelt wurde – wegfällt. Aber soziale Netze, wenn auch grobmaschig, sind extrem wichtig.

Was sind die Auswirkungen?

Ein Extrembeispiel war ein Patient mit einer paranoiden Schizophrenie. Eine weitere Herausforderung war, dass zumindest nach außen die Erreichbarkeit von Praxen oder Krankenhäusern eingeschränkt schien. Es sind plötzlich Patienten nicht mehr erschienen, die neue Rezepte gebraucht hätten, sich aber nicht getraut haben. So auch der Patient, der sein Neuroleptika-Rezept nicht mehr geholt hat und in enorme paranoide Ängste geriet. Er wurde sehr aggressiv, weil er sich bedroht fühlte. So etwas passiert im Normalfall nicht. Wenn ein Patient aber seine Medikamente für ein Quartal nicht holt, weil er unsicher und außerdem telefonisch für uns nicht erreichbar ist, kann das richtig schiefgehen.

Wen trifft die Pandemie psychisch besonders?

Das ist ganz komplex. Auf der einen Seite sind es sicherlich Menschen, die einen Hang zum Depressiven oder zu Ängsten haben. Bei den Charaktereigenschaften betrifft es sicher die, die sehr darauf angewiesen sind, narzisstisch bestätigt zu werden und sich darstellen zu können – was bei Kontaktbeschränkungen weniger möglich ist. Aber der Gegenpol ist meiner Meinung nach ebenso betroffen: die Menschen, die eher kontaktscheu sind, aber dennoch eine gewisse Dosis an Kontakten brauchen, die ihnen auch noch erschwert wird.

Spüren Sie auch zunehmende wirtschaftliche Ängste bei den Patienten?

Klar, das kommt vor. Es gibt Betriebe, denen es nicht gut geht. Es gibt Patienten, die selbstständig tätig sind, aber an ihre Kunden zeitweise nicht rankamen. Finanzielle Unsicherheit wird auch bei uns deutlich.

Wie die FAZ schrieb, hat die Wissenschaftsakademie Leopoldina in ihrer jüngsten Stellungnahme zur Coronakrise das Thema „Soziale und psychische Folgen abmildern“ in 14 Zeilen zum Schluss behandelt. Ärgert Sie das?

Das ist etwas, das man sicher nicht so sehr betonen möchte, um nicht noch mehr Kollateralschäden zu erzeugen. Und natürlich muss die Leopoldina sich auf Punkte konzentrieren. Die Folgen für Wirtschaft, Schulen, berufliche Folgen – das hat alles enormen Stellenwert. Aber dass Menschen, die psychisch erkrankt und ohnehin beeinträchtigt sind, mit 14 Zeilen abgehandelt werden, ist schon dünn. Man sollte auch keine Panik erzeugen. Aber Menschen, die mit ihrer seelischen Gesundheit an einer Grenze sind, sind in einer solchen Krisensituation doppelt herausgefordert. Die Patientenzahlen sind zwar bei uns nicht extrem in die Höhe geschnellt, aber dabei spielt eben auch die Scheu der Patienten vor Krankenhäusern und Arztpraxen wieder hinein, nehme ich an. Auch jetzt sind Patienten am Telefon noch sehr unsicher. 

Wohin kann man sich in akuten Fällen wenden?

Es gibt die Ambulanzen der psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken in Görlitz. Es gibt Beratungsstellen bei Sozialverbänden wie der Caritas, die psychosoziale Beratung des Gesundheitsamtes, die niedergelassenen Psychotherapeuten und Fachärzte für Psychiatrie und für Psychosomatik. Und natürlich die Telefonseelsorge, bei der man Kontakt aufnehmen kann.

Im Lockdown kam bei Beratungsstellen die Sorge auf: Wie soll man den Kontakt halten zu Menschen, die Gespräche und Beratung brauchen? Viele haben zum Telefon gegriffen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das schon geht. Dass wir uns mit Menschen, die uns nicht kennen und die wir nicht kennen, am Telefon in ein Gespräch begeben können, in dem sich qualifiziert etwas entwickeln lässt. Es ist etwas völlig anderes als im direkten Gespräch, aber es ist viel besser als nichts. Wir haben jetzt in der Psychiatrie zwei Videotelefon-Anlagen, falls Kontaktbegrenzungen wieder schärfer werden. Derzeit aber kann jeder mit Maske zu uns kommen, der keine Infektionszeichen hat.

Was ist telefonisch nicht möglich?

Man bekommt schlecht einen Gesamteindruck von der Person. Man ist auf das Gesprochene beschränkt. Wenn ich der Person gegenübersitze, habe ich eine Wahrnehmung der ganzen Person - wie sie Blickkontakt aufnimmt, was sie ausstrahlt. Man kann Traurigkeit sicher auch am Telefon raushören, nicht aber Gesichtsausdrücke.

Sie sprachen das Thema Panik an. Panikmache wird Medien derzeit häufig vorgeworfen. Allerdings bekommt man den Eindruck, dass diejenigen, die bei Berichterstattungen jedes Mal „alles nur Panikmache“ rufen, am ehesten kurz vorm Durchdrehen sind. Macht Corona uns alle ein bisschen verrückt?

Das würde ich nicht sagen. Aber es ängstigt generell sehr. Und auf Ängste reagieren Menschen sehr unterschiedlich. Eine Variante ist, dass man vereinfacht, etwas für Schwachsinn erklärt – verleugnet. Das sind Reaktionsmechanismen, die wir sehr gut kennen in der Psychologie. In massiven Angstsituationen fällt jeder auf basalere Muster zurück. Es ist eine reife Leistung, Unsicherheiten gut auszubalancieren. Es ist viel einfacher, zu sagen: alles erfunden und erlogen. Es ist einfacher, andere zu „hörigen Bürgern staatlicher Anweisungen“ zu erklären als zu sagen: Stopp, wir können das alles nicht so genau einschätzen, wir gehen jetzt auf Nummer sicher, auch wenn es etwas übertrieben wirkt – es ist im Moment die beste Lösung. Die Unsicherheitstoleranz, die es dafür braucht, ist für viele eine Herausforderung. Vereinfachen, Polarisieren, Projizieren ist ein bekannter Entlastungsversuch.

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