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Macht Corona Weihnachten kaputt?

In vielen Familien werden die Adventszeit und das Fest anders aussehen als sonst. Drei Gründe sprechen dagegen, dass die Welt deshalb zusammenbricht.

Ein Jahr mit weniger Advent und Weihnachten? Wie schlimm ist das wirklich?
Ein Jahr mit weniger Advent und Weihnachten? Wie schlimm ist das wirklich? © dpa

Und wer sagt es Tante Erika? Sie wäre die elfte Person am Weihnachtstisch. Elf aber ist eins zu viel. Die Tante muss draußen bleiben. Selbst wenn sie weniger rachsüchtig ist als die Fee, die mangels Goldteller nicht zu Dornröschens Taufe geladen war und erbost den kompletten Hofstaat später in einen hundertjährigen Schlaf versenkte – unangenehm ist es schon. Eine Feier mit Tante am nächsten Tag wäre kein Trost. Es muss der Vierundzwanzigste sein. Das Fest aller Feste. Selbst wenn die Logistiker unter den Familienvorständen einen raffinierten Plan austüfteln, wer wen bis Silvester mitsamt den lieben kleinen Virenschleudern wie oft besucht: Das zählt nicht. Süßer die Glocken nie klingen.

Nur am 24. Dezember funkeln die Kerzen am Tannenbaum so besonders, nur da duftet der Lebkuchen außerordentlich, und nur da raschelt es geheimnisvoll im Geschenkpapier. Auf dieses Datum wird in vielen Familien fast vier Wochen lang hingelebt und -gearbeitet, erst gelegentlich und dann immer öfter. Man nennt es auch Vorfreude. Backen, Basteln, Putzen. Gerade jetzt suggeriert gemeinsames Teigkneten wünschenswerte Normalität. Wann, wenn nicht im Advent. Jauchzet, frohlocket.

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Wäre ich der Papst...

Kein anderer Tag im Jahr ist so mit Bedeutsamkeit aufgeladen und symbolträchtig wie der Heiligabend. Er dient dem Zusammenhalt der Familie, das immer gleiche Ritual stärkt die Verbundenheit, und jeder kennt seine Rolle. Papa kümmert sich um den Baum. Allen soll es gut gehen. Die Verwandtschaft trifft sich selten genug. Kinder und Kindeskinder leben weit verstreut zwischen Köpenick und Norwegen. Enkel wachsen heran, ohne dass die Großeltern die Entwicklung in Echtzeit erleben. Nachholen lässt sich das nicht. Deshalb möchte Tante Erika dringend dabei sein, und deshalb pfeift die Bundesregierung auf die Warnungen von Virologen und lockert die Corona-Regeln ein wenig. Es ist ein Zugeständnis wider besseres Wissen. Eine Beruhigungspille. Ein Kompromiss. Vor allem ist es eine überflüssige Entscheidung, weil man Regeln nur dann aufstellen sollte, wenn man sie kontrollieren kann.

Glaubt jemand ernsthaft, dass Behördenmitarbeiter am Weihnachtstag treppauf, treppab von Tür zu Tür gehen und nachzählen, ob die haushaltsfremde Tante als elfte Mitesserin beim Kartoffelsalat sitzt und Würstel schmaust? Horch nur, der Alte klopft draußen ans Tor?

So wird das nichts. Wie dann? Wenn ich das wüsste, wäre ich Papst, pflegen Politiker zu antworten, als wäre Papst der allererstrebenswerteste Job. Im Moment gibt es überhaupt wenig wünschbare Berufe, außer Fahrradhändler und Lieferdienstleister. Nein: Es wird nur was mit Vorsicht, Vertrauen, Verantwortung und was es sonst noch Schönes mit V gibt. Vernunft zum Beispiel. Nun hat manche Anti-Corona-Demo nicht den Eindruck erweckt, als sei Vernunft dort mit beiden Händen großzügig ausgestreut worden. Erfreulicherweise sind die anderen in der Mehrzahl. Sie werden sich nicht in Gefahr bringen für eine Feier mit Tante Erika. So traurig das ist. Aber ist es das wirklich? Still schweigt Kummer und Harm.

Ausreichend Zeit für Nächstenliebe

Drei Gründe sprechen dagegen, dass die Welt zusammenbricht oder wie Ministerpräsident Laschet behauptet, die Nachkriegsweihnacht dicht vor der Tür steht – nur weil abends zu zehnt gelichtelt wird. Erstens feiert mancher nie mit so vielen Menschen oder ohnehin allein. Oder gar nicht. Eine abwesende Tante spielt dann auch keine Rolle mehr. Zweitens kann es ganz hübsch werden im kleineren Kreis mit intensiveren Gesprächen und weniger Lärm.

Denn so harmonisch, dass man es ständig wiederholt haben will, verläuft Weihnachten weiß Gott selten. Gerade weil sich die Erwartungen an das Fest aller Feste hochschaukeln, genügt alle Jahre wieder ein Funken zum Streit. Und unter uns: Es ist schon ein komisches Parfüm, das die Erika offenbar tonnenweise zu Hause hortet. Drittens könnte weniger Aufwand mehr Aufmerksamkeit ermöglichen. Besinnung, Besinnlichkeit, solche Sachen. Christen berufen sich auf die Krippe zu Bethlehem und nehmen sich endlich einmal ausreichend Zeit für Nächstenliebe. Andere tun das, was sie schon immer tun wollten, statt Verzweiflungsgeschenke zu jagen: nichts. Hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.

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Ja, dieses Fest wird in manchen Familien vielleicht ein wenig anders aussehen als sonst. Selbst risikofreudige Draufgänger, die sich bevormundet und gegängelt fühlen, dürften kurz innehalten. Denn jedes Risiko, das sie eingehen, trifft im schlimmsten Fall einige liebe Verwandte mit. Sogar Tante Erika.

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