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Friseurin will Tübingen-Modell für Görlitz

Manchmal wütend, aber kein Wutbürger: Friseurin Mandy Krausen hat immer alle Corona-Einschränkungen mitgetragen. Jetzt ist auch sie für mehr Lockerungen.

Mandy Krausen in ihrem Friseursalon in der Görlitzer Innenstadt, in dem sich auch ein Kosmetik- und Nagelstudio befindet.
Mandy Krausen in ihrem Friseursalon in der Görlitzer Innenstadt, in dem sich auch ein Kosmetik- und Nagelstudio befindet. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Görlitz. Am Montagabend wird man Mandy Krausen nicht unter den Gegnern der Corona-Auflagen finden, die auf dem Görlitzer Postplatz demonstrieren. Dafür aber an diesem Donnerstagabend beim Görlitzer Stadtrat. Die 37-Jährige will erreichen, dass Görlitz zur Modellstadt wird. Ähnlich wie Tübingen, die Projektstadt für mehr Öffnungen im Lockdown. Dafür hat sie eine Onlinepetition gestartet, mit der sie sich an den Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu und Landrat Bernd Lange wendet. Sie wählte drastische Worte, aber sie leugnet Corona nicht.

Wie ihr geht es vielen Sachsen, die in den vergangenen Wochen und Monaten sich an die Auflagen gehalten haben, immer in der Hoffnung, dass die Pandemie in ein paar Wochen überstanden sei. Und immer wieder erleben mussten, dass es eben nicht so ist, dass der Lockdown verlängert wurde, dass die Perspektiven für Geschäfte, Hotels, Gastronomen weiter in die Zukunft verschoben wurden. So stieg die Frust, die Stimmung dreht.

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"Ich sage, warum ich das Impfen befürworte"

Mandy Krausen ist Friseurmeisterin. In ihrem 2010 gegründeten Friseursalon „Glückssträhne“ an der Elisabethstraße arbeitet sie mit sieben Mitarbeitern. Seit ein paar Wochen hat sie wieder auf, nach wochenlanger Schließung. Auch jetzt, wo der Handel wieder weitgehend schloss, kann sie ihre Kunden empfangen. Nur nicht im Kosmetikstudio, das sich ebenfalls in ihrem Salon befindet.

Sie kommt mit vielen Görlitzern ins Gespräch. „Die meisten Gespräche mit unseren Kunden drehen sich um die Krise“, sagt Mandy Krausen. „Einer erzählt mir zum Beispiel, warum er gegen das Impfen ist, ich sage, warum ich das Impfen befürworte. Solange man im Austausch bleibt, ist alles gut.“ Streit sei im Salon bisher nicht ausgebrochen. „Aber man merkt vielen an, dass sie erschöpft sind, ausgelaugt.“

Deswegen kam sie auf die Idee der Online-Petition. „Es geht mir überhaupt nicht darum, alle Regeln über den Jordan zu werfen“, sagt Mandy Krausen. Sie hat drei Kinder, ihre älteste Tochter ist 15. „Sie lässt sich in der Schule testen, weil sie dann zum Unterricht kann. Und wenn man sagt, lieber zwei Tests pro Woche für mehr Sicherheit, finde ich das auch okay. Weil eine Perspektive damit verbunden ist: dass die Schulen offen bleiben können.“

Das Problem ihrer Initiative: Die Corona-Einschränkungen werden nicht von Bürgermeister oder Landrat erarbeitet, sondern in den Bund-Länder-Konferenzen. Deren Empfehlungen setzen die Länder in den Coronaschutz-Verordnungen um. Dort festgelegte Lockerungen oder deren Rücknahme umzusetzen, ist Aufgabe der Landkreise. Und trotzdem setzt sie ihre Hoffnungen auf den Görlitzer OB und den Görlitzer Landrat, die mal leise, mal laut, eine andere Corona-Strategie forderten: Abkehr von den Inzidenzwerten, mehr Öffnungen, mehr Tests. Mehr Perspektiven halt.

Mandy Krausen hat die Coronaschutz-Verordnung studiert und dabei den Artikel 8g gefunden. Der sieht Modellvorhaben in Kommunen vor.

Könnte auch Görlitz eine Modellstadt sein?

Dafür gibt es allerdings bestimmte Voraussetzungen. Zum Beispiel eine Inzidenz unter 100. Görlitz ist deutlich darüber, aktuell bei 178. Dass es so einfach nicht ist, sei ihr klar, sagt Mandy Krausen. „Ich möchte aber, dass sich unser Oberbürgermeister und unser Landrat Gedanken darüber machen und ein Konzept ausarbeiten, wie wir künftig weiterleben können, ohne dass die vielen kleinen Geschäfte zugrundegehen."

Die Möglichkeit, relativ unkompliziert einkaufen zu gehen, gab es zwei Wochen in Görlitz per Click & Meet. Einkaufen mit Termin. Seit Dienstag ist auch das wieder passé. Aber selbst das ging vielen nicht weit genug. „Ich finde es auch zu kompliziert“, sagt Mandy Krausen. „Wir haben viele kleinere, spezialisierte Geschäfte. Da ist doch nicht mit einem Kundenansturm zu rechnen.“ Das prädestiniere Görlitz für ein Modellprojekt: kleinere Geschäfte, keine Bevölkerungsdichte wie in einer Großstadt.

"Wir haben einen coolen Bürgermeister"

Sie blickt nach Tübingen. „Man richtet an mehreren Stellen Teststationen ein und bekommt beim Negativergebnis ein Armband oder so. Damit kann man sich einen Tag lang frei bewegen.“ Verschlechtere sich die Lage in den Kliniken, „wird es rückgängig gemacht, gar keine Frage. Und wenn ein Modellkonzept hier anders aussehen müsste, dann anders.“ Sie habe immer alles mitgetragen, „machen wir auch jetzt, wir sind für alles offen. Aber wir brauchen eine Perspektive.“

Görlitz habe junge Stadträte, „wir haben einen coolen Bürgermeister. Und trotzdem habe ich das Gefühl, es tut sich nichts.“ Mehrfach hatte sich der OB mit Geschäftsinhabern oder Hoteliers getroffen. „Dabei wünsche ich mir mehr Transparenz. Damit eben nicht der Eindruck entsteht, die machen nichts.“ Mehr Verständlichkeit wünscht sie sich insgesamt. Sie kann viele Beispiele nennen, auch aus dem Salon, „da komme ich nicht mehr mit“.

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Wenn sie erzählt, dann mit viel Elan. Aber eigentlich, sagt Mandy Krausen, sei auch sie erledigt. Mit 40.000 Euro sei sie inzwischen im Minus. „Ich habe Kredite aufgenommen, wir hatten eine Spendenaktion gestartet.“ Für die gab es auch Gegenwind. „Weil, wir dürfen ja öffnen.“ Mit Blick auf die Kosten, die auch für sie in mehreren Monaten Schließung entstanden, macht sie das wütend. Sich damit auf den Postplatz stellen, will sie nicht. „Ich glaube nicht, dass es unseren OB interessiert, wenn ich dort mit Schwurblern drei Runden drehe.“ Dann lieber ans Mikrofon im Stadtrat.

Hier geht es zur Online-Petition von Mandy Krausen.

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