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Pirna: Viel Frust über den Corona-Schutz

Die Menschen haben die Masken satt. Da hilft auch Polizeipräsenz nicht viel, wie sich in Pirnas Altstadt zeigt.

Leere in Lockdown-City: Die gemischte Corona-Streife aus Polizisten und Bediensteten des Landratsamts patrouilliert über den verwaisten Pirnaer Marktplatz.
Leere in Lockdown-City: Die gemischte Corona-Streife aus Polizisten und Bediensteten des Landratsamts patrouilliert über den verwaisten Pirnaer Marktplatz. © Daniel Schäfer

Schlange stehen vorm Bäckerladen. Corona erzwingt Einzelbedienung, mit Maske. Dass die Maske auch vor der Ladentür Pflicht ist, weiß die Frau, die als Zweite in der Schlange steht, gut genug. Trotzdem hat sie keine auf. Sie arbeitet als Kinderärztin, sagt sie, trägt zwölf Stunden am Tag Stoff vorm Gesicht. Da will sie wenigstens in der Mittagspause mal zehn Minuten Luft schnappen. Es sind sowieso keine Leute in der Stadt, außerdem ist sie geimpft. "Wen soll ich denn da anstecken?"

Es ist Bundesnotbremse in Pirna. Am Polizeirevier macht sich eine gemischte Streife fertig zur Kontrolle der Corona-Schutzmaßnahmen. Kommissar Tuschling und Hauptmeister Hauswald werden mit den Vollzugsbeamten Hantsche und Härtel vom Kreisordnungsamt eine Runde durch die Stadt gehen. Die Polizei unterstützt die Landkreisbediensteten im Falle von "hitzigen Debatten", sagt der Kommissar.

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Ordnungsbeamte als Ventil für den Frust

Diese Debatten nehmen zu. Immer mehr Leute sind gegen die Corona-Maßnahmen, sagt Kontrolleur Härtel. "Die Akzeptanz ist sehr gering." Seine Kollegin, frisch ausgelernt und eigentlich glücklich im Vollzugsdienst, pflichtet bei. Viele sind genervt, ja sogar wütend, sagt sie. Ordnungsbeamte müssten herhalten, um Dampf abzulassen. "Man trägt die Uniform und ist deshalb an allem Schuld."

Pirnas Polizeichef Candy Sommer: "Je länger das Ziel nicht in Sicht ist, umso mehr werden die Bürger mit kritischer Haltung."
Pirnas Polizeichef Candy Sommer: "Je länger das Ziel nicht in Sicht ist, umso mehr werden die Bürger mit kritischer Haltung." © Marko Förster

Dass die Bereitschaft, die Vorschriften mitzutragen, schwindet, ist in Pirna offensichtlich. Obwohl große Teile der Altstadt als Fußgängerzone gelten und somit Maskenpflichtbereich sind, halten sich viele nicht daran. Dabei riskiert man für Verstöße jetzt deutlich härtere Strafen als bei Einführung der Pflicht vor einem halben Jahr. Damals drohten 60 Euro Buße für die fehlende Maske. Inzwischen sind es hundert.

Die Überdrüssigkeit der Leute spürt auch Pirnas Polizeichef Candy Sommer. Er sieht seine Beamten zwischen den Stühlen. Selbst Polizisten müssten nicht mit allem einverstanden sein, sagt er. Doch sei die Infektionslage nun mal kritisch. Man müsse die Regeln durchsetzen - ohne von den Leuten als Provokateur wahrgenommen zu werden.

Dehnbarer Begriff: Was heißt Begegnung?

Dass sich die Corona-Schutzverordnung teils dehnbar liest, erschwert diesen Auftrag. Die Maskenpflicht etwa gilt unter freiem Himmel dort, wo Menschen sich begegnen. Aber was heißt das? Sichtkontakt? Interaktion? Ab wieviel Metern spricht man von Begegnung?, fragt sich Candy Sommer, und hat keine Antwort drauf. "Wenn wir schon diskutieren, wie soll es dann der Bürger wissen?"

Wenn das Ordnungsamt klingelt: Hier checken die Bediensteten Hantsche (l.) und Härtel, ob der Bewohner wirklich in Quarantäne ist.
Wenn das Ordnungsamt klingelt: Hier checken die Bediensteten Hantsche (l.) und Härtel, ob der Bewohner wirklich in Quarantäne ist. © Daniel Schäfer

Dennoch macht der Polizeichef klar, dass Nachsicht nicht die neue Linie ist. Die Leute müssten sich an die Bestimmungen halten, sagt er. "Sonst kommen wir aus dieser misslichen Lage nicht heraus." Das Ahnden von Verstößen sollte die Regel sein, das Verwarnen die Ausnahme.

Die Streife hat sich in Bewegung gesetzt. Wie wird man auf Menschen ohne Maske reagieren? Bevorzugt mit Ermahnung, sagt Frau Hantsche vom Amt. Strafe nur dann, wenn sich einer querstellt. Kommissar Tuschling geht da mit. Zweck der Verordnung sei es, Infektionen zu unterbinden. Da müsse man den Einzelfall betrachten, die Kirche im Dorf lassen.

Absonderung wird meistens eingehalten

Erste Aktion: Quarantäne-Kontrolle. Das Ordnungsamt prüft regelmäßig, ob Menschen, die sich absondern sollen, auch daheim sind. Gleich um die Ecke vom Revier wird geklingelt. Der Mann zeigt sich am Balkon. Wäre das nicht der Fall, müsste das Amt nachstoßen, würde womöglich ein Bußgeld androhen. Doch diesen Fall kann Frau Hantsche abhaken. Die Disziplin in der Quarantäne sei recht gut. "Fast alle sind zu Hause."

Lob im Friseursalon: Bei Starschnitt am Markt hat Rezeptionistin Bianca Eismann die Corona-Testnachweise der Kundschaft parat.
Lob im Friseursalon: Bei Starschnitt am Markt hat Rezeptionistin Bianca Eismann die Corona-Testnachweise der Kundschaft parat. © Daniel Schäfer

Weiter zum Markt. Menschen sind kaum zu sehen. Wenn doch, ziehen sie beim Anblick der Streife die Maske hoch oder biegen fix in eine Gasse. Kontrolleur Härtel erzählt, dass die Stunde der Denunzianten geschlagen hat. Leute, die vor der Pandemie schon verzankt waren, schwärzten sich beim Amt mit angeblichen Corona-Verstößen an. Allen Hinweisen werde nachgegangen, sagt er. "Aber wenn man beide Seiten vor Ort hört, merkt man schnell, was los ist."

Gratis Corona-Tests im Friseurladen

Bei Starschnitt brausen die Föhne. Als die Streife eintritt, bleibt Bianca Eismann an der Rezeption cool. Sie präsentiert einen Packen Testnachweise von Kunden, erklärt, wie sie in die Kartei eingepflegt werden, dass es für Vergessliche Masken im Laden gibt und sogar kostenlose Corona-Tests. So sei es gelungen, die Kundschaft bei der Stange zu halten. "Nur ganz wenige sagen ab."

Nächster Stopp: Scheunenhofcenter, Pirnas neuer Einkaufstempel. Auf dem Weg wird die Kinderärztin beim Bäcker ermahnt. Sie zieht schließlich ihre Maske auf. "Sie können ja auch nichts dafür", sagt sie zu den Beamten. Obwohl das nicht nach Einsicht klingt, entgeht sie der Strafe.

Keine Beanstandungen bei Edeka. In den Einkaufsmärkten gibt es generell kaum Maskenverweigerer, sagen die Kontrolleure.
Keine Beanstandungen bei Edeka. In den Einkaufsmärkten gibt es generell kaum Maskenverweigerer, sagen die Kontrolleure. © Daniel Schäfer

Auch im Scheunenhof ist kaum was los. Eine Ermahnung im Edeka, das war's. In Geschäften gibt es so gut wie nie Maskenverweigerer, sagt Kontrolleur Härtel. Was er kritisiert ist, dass die Sitzbänke im Center und davor nicht wenigstes teilweise abgesperrt sind. Wo einer sitzt, sitzen bald viele. So provoziert man Ansammlungen.

"Ein bisschen wie im Kindergarten"

Auf dem Rückmarsch durch die Flaniermeile Dohnaische Straße folgt Ermahnung auf Ermahnung. Die meisten haben ihre Maske wenigstens dabei. Ein Herr aber nölt gleich los, er habe seine in der Jacke, und die habe er, weil es so schön ist, im Auto gelassen. Auch er wird nur mit Worten, wenn auch mit strengen, entlassen.

"Das kann rund um die Uhr so weitergehen." Polizeikommissar Tuschling wirkt fast etwas ratlos. Ein bisschen fühle man sich wie im Kindergarten, wenn man den Leuten dauernd erklären müsse, was sie zu tun hätten. Dabei seien doch schon viele Bußgelder ausgeteilt worden. "Die Nachvollziehbarkeit wird infrage gestellt", sagt er, "daher das Verhalten."

Eine von viele Ermahnungen in der Pirnaer Fußgängerzone. Auch dieser Mann hatte seinen Mund-Nasen-Schutz nicht angelegt.
Eine von viele Ermahnungen in der Pirnaer Fußgängerzone. Auch dieser Mann hatte seinen Mund-Nasen-Schutz nicht angelegt. © Daniel Schäfer

Die Corona-Strafen verhängt die Bußgeldstelle des Landkreises. Letztes Jahr gab es kreisweit 1.792 Verfahren, vor allem wegen Missachtung der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen und wegen unerlaubter Ansammlungen. Dieses Jahr sind schon über 800 Fälle anhängig. Trotz der Verbotsmüdigkeit: Die Allermeisten zahlen. Laut Amt liegt die Einspruchsquote bei 13 Prozent.

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